Erstellt am 14. Oktober 2015, 06:07

von Markus Lohninger

Bruckner: „Ängste werden geschürt“. Wirtschaftsforum-Vorstand im Gespräch mit NÖN-Redaktionsleiter Markus Lohninger über Windkraft, Ängste & Verantwortung.

50 Sattelschlepper voller Öl können, wie Martin Bruckner sagt, jährlich durch ein Windrad ersetzt werden.  |  NOEN, Markus Lohninger

Nach dem Vorstoß der Amaliendorfer FPÖ für eine Volksbefragung zum geplanten Windpark an der Gemeindegrenze zu Heidenreichstein wird die Windenergie zum Thema für den ganzen Gmünder Bezirk. Klare Worte findet nun Bürgermeister Martin Bruckner, Geschäftsführer der Sonnenwelt in Großschönau und Vorstandsmitglied im Wirtschaftsforum Waldviertel.

NÖN: Windkraft-Kritiker verweisen auf ein Gutachten von Karl Grimm, das dem geplanten Windpark im Kiensass-Wald in Sachen Landschaftsbild und Erholungswert der Landschaft ein vernichtendes Zeugnis ausstellt. Grimm sieht auch den „sanften Tourismus“ im Waldviertel gefährdet…

Martin Bruckner: …dann verweise ich auf einen Ergänzungsbericht der Ruralplan GmbH, die Grimms Aussagen massiv abschwächt. Es gibt Gutachten, die überhaupt keine touristische Beeinträchtigung annehmen. Im Raum Neusiedlersee und im Weinviertel wurden Nächtigungszahlen trotz neuer Windkraft-Anlagen teils sogar gesteigert.

Die Zahlen wären ohne Windkraft vielleicht noch mehr gestiegen.

Bruckner: Windkraft-Anlagen können sogar Tourismusmagnete sein. Der Munderfinger Windpark im Bezirk Braunau, mit fünf Anlagen vergleichbarer Größe, hatte im Vorjahr über 10.000 Tagesgäste! Hier werden Angebote mit der lokalen Gastronomie gestrickt. Im Sommer fand zum Beispiel der Windpark- Genusslauf statt. In der deutschen Tourismusregion Eifel gab der Naturpark eine Studie zur Akzeptanz der Windkraft in Auftrag, 91 Prozent von 1.326 Gästen sagten, weitere Windräder würden sie nicht vom Kommen abhalten. Die Zahlen aus dem Weinviertel und dem Burgenland zeigen sogar einen Zuwachs an Gästenächtigungen.

Wie bewerten Sie die aktuelle Debatte generell?

Bruckner: Sich dem in den Weg zu stellen, ohne eigene oder öffentliche Investitionen Strom aus erneuerbarer Energie zu gewinnen, das halte ich für verantwortungslos. Ein Windrad der geplanten Größe in Amaliendorf ersetzt jedes Jahr an die 50 Sattelschlepper mit Öl. Die vier Windräder könnten insgesamt fast 22 Gigawattstunden Energie erzeugen – damit können bei 12.500 Autokilometern/Jahr fast 7.000 E-Autos dauerhaft betrieben werden. Umgerechnet auf benzinbetriebene Fahrzeuge mit durchschnittlich acht Liter/100 Kilometer sind das etwa 6,9 Millionen Liter Treibstoff jährlich, die der Windpark bei den Waldviertler Windverhältnissen ersparen könnte! Ich erinnere außerdem daran, dass 2012 alle Kleinregionen den Waldviertler „Energiepakt“ unterzeichnet haben.

Worum geht es darin?

Bruckner: Alle Vertreter haben dem Ziel zugestimmt, das Waldviertel bis 2030 zum Netto-Exporteur von Energie zu machen – also mehr Energie für Wärme, Strom und Mobilität zu erzeugen, als benötigt wird. Das geht durch den Ausbau erneuerbarer Energiequellen und durch Energiesparen – etwa den Umstieg auf Elektroautos mit zwei Drittel weniger Energieverbrauch. Alle Gemeinderäte haben die Ziele der Klimaenergieregionen mitbeschlossen! Abgesehen davon wissen wir, dass wir mangels Ressourcen spätestens bis 2050 weitgehend von fossilen Energieträgern abkommen müssen.

Wissen wir das? In der Volksschule haben wir schon gehört, dass der Treibstoff in 20 Jahren ausgehen würde. Demnach dürfte seit über zehn Jahren kein Treibstoff mehr aus der Zapfsäule sprudeln.

Bruckner: Es gab seither große Funde, heuer gelang vor Ägypten der bisher größte Gasfund im Mittelmeer. Doch das gesamte Gasfeld deckt lediglich einen Bruchteil des weltweiten Jahresbedarfs. Wir verbrauchen weltweit eine Waggon-Schlange von 4.400 Kilometern mit Öl, 8.800 Kilometern mit Kohle und einen Gassilo mit 100 m Durchmesser und 1.142 m Höhe pro Tag. Das sind unvorstellbare Dimensionen – der Verbrauch wird immer mehr, die Ressourcen werden immer weniger.

Was sagen Sie Menschen, die eine negative Beeinträchtigung ihres Sichtfeldes befürchten?

Bruckner: Dass damit eine Veränderung des Landschaftsbildes einhergeht ist klar, das bestreitet niemand. Sie beeinträchtigt abhängig von der Position zwischen 6 und 29 Grad, der Rest des Horizontes mit mindestens 331 Grad bleibt frei einsichtig.

Kritiker warnen vor gesundheitlichen Schäden. Wie stehen Sie zu dieser Thematik?

Bruckner: De facto stammen bereits an die zehn Prozent des Stromes in Österreich aus über 1.000 Windkraft-Anlagen, trotz dieser Masse gab es noch bei keinem einzigen Windpark gesundheitliche Probleme. Selbst die Ärztekammer stuft die Gesetze als derart streng ein, dass sie keinerlei gesundheitliche Beeinträchtigung durch Windkraft-Anlagen erwartet – weder durch Lärm, noch durch Infraschall.

Wenn die Windkraft unbedenkliche Energie erzeugen würde: Wer könnte dann ein Interesse daran haben, sie zu verhindern?

Bruckner: Die Ängste werden flächendeckend immer wieder von den gleichen Personen geschürt. Warum habe ich noch nie von Windkraft-Gegnern gehört, dass sie eine Einladung an die Bevölkerung zum Lokalaugenschein bei einem Windpark aussprechen? Windpark-Betreiber tun das – das sagt sehr viel aus. Ich verstehe jeden, der sich wegen der geschürten Ängste Sorgen über die Windenergie macht, rate aber dazu, bestehende Windparks aufzusuchen und mit Anrainern darüber zu sprechen.

Warum setzen Sie sich für Windenergie im Waldviertel ein?

Bruckner: Ich will als Vertreter des Wirtschaftsforums aufklären, vertrete aber auch eigene Interessen als Vater und Großvater: Wir können nicht Geld in die Fremde schicken, um Kriege zu finanzieren, und dann überrascht sein, wenn Flüchtlinge zurückkommen! Wir leisten bereits mehr Krisenbewältigung als Zukunftsgestaltung. Kein Vater würde seinem Kind das Essen vom Teller nehmen. Bei Öl und Gas wissen wir, dass unsere Kinder schwerst betroffen sein werden von unserem Handeln und genieren uns überhaupt nicht dafür. Vielmehr verweigern wir beinahe jeden Ansatz von Vernunft in der Änderung unserer Handlungsmuster. Ich möchte, dass unsere Kinder Erben sind, keine Hinterbliebenen…