Erstellt am 25. August 2016, 05:00

von Markus Lohninger, Harald Winkler, Christine Deutsch und Thomas Weikertschläger

Nach dem 2. Weltkrieg: Als wir Hilfe brauchten . 70 Jahre ist es her, dass nach dem Zweiten Weltkrieg erste Hilfslieferungen aus dem Ausland den Gmünder Bezirk erreichten. Zeitzeugen erinnern sich.

 |  CARE

Genau 70 Jahre ist es her, seit im Sommer 1946 erste „CARE“-Pakete der USA das Land erreichten. Europaweit wurden etwa hundert Millionen Pakete verteilt, um Millionen von unterversorgten Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg mit Nahrung, Kleidung oder Medikamenten zu unterstützen.

In der Versorgungs-Situation gab es ein starkes Land-Stadt-Gefälle – die Möglichkeit, sich durch die Landwirtschaft oder zumindest einen eigenen Garten mit dem Wichtigsten selbst zu versorgen, fehlte in den Großstädten meist schon.

Schindl: Paket brachte auch die Gelbsucht

Auch der Bezirk Gmünd kam in den Genuss von Hilfspaketen, wenngleich die dazu gesicherte Informationslage relativ dünn ist. Der Weitraer Historiker Wolfgang Katzenschlager berichtet von Paketen der 1945 von der UNO übernommenen Organisation „UNRRA“, die direkt nach dem Zweiten Weltkrieg in unserer Region verteilt wurden. In Protokollen aus dem Weitraer Stadtarchiv sei zu lesen, dass diese Lieferungen dann von CARE-Paketen abgelöst worden seien.

Der Brander Lokalhistoriker Gerhard Schindl weiß von CARE-Paketen ab etwa 1952. „Unter anderem kann ich mich gut an die Papiertaschentücher erinnern“, sagt er. Hilfspakete habe es in der Volksschule Brand gegeben: „Da wir anscheinend unterernährt waren, mussten wir Lebertran einnehmen.“ Fast die ganze Klasse hatte – der Lebertran dürfte am langen Transportweg verdorben sein – so die Gelbsucht erwischt. Schindl durfte eine Zeit lang nicht in die Schule, keine Milch trinken und keine Fette einnehmen: „Was ich mich erinnere, war es ein Ikterusvirus der harmlosen Art.“ Die Infektion wurde später aber beim Bundesheer beim Blutspenden im Ausweis vermerkt.

Bleistifte, Zahnpasta, Schokolade...

Baumeister Franz Graf erinnert sich an CARE-Pakete mit Schokolade, Erdnussbutter und Kaugummi.  |  Archiv

Der Gmünder Lokalhistoriker und jahrelange Stadtamts-Direktor Manfred Dacho kam durch die Schule relativ rasch nach Kriegsende in Kontakt mit Hilfspaketen – zumindest indirekt. „Die Unterstützung gab es nämlich nur für die Ärmsten. Und ich galt als Kind von Hutmachern offenbar nicht als arm“, erinnert er sich: „In der Schule wurden unter anderem Zahnpasta und Bleistifte mit Radiergummis hinten drauf – die es bei uns noch gar nicht gab – verteilt. Ich war ein bisschen neidisch.“ Wer über Art und Ausmaß der Hilfe entschieden hat, das weiß Dacho nicht.

An eine „Phase von zwei bis drei Monaten“ mit CARE-Paketen in der Bezirkshauptstadt erinnert sich der Baumeister Franz Graf, der die Kriegs- und Nachkriegszeit in einfachen Verhältnissen in der Neustadt erlebte. „Wie die Inhalte der Pakete verteilt wurden, das kann ich heute nicht mehr sagen. Sehr deutlich erinnere ich mich aber daran, dass man darin Schokolade, Erdnussbutter und Kaugummi vorfand“, blickt Graf zurück.

„Ein Apfel war ein Luxus, den nicht alle hatten"

Der spätere Uni versitäts-Profes sor Albert Hackl  hatte ein prä- gendes Erlebnis in Wien.  |  Archiv

Der „Schwarzhandel“ blühte. Gegenüber des heutigen Gasthauses Hackl in der Neustadt soll ein Zentrum dafür gewesen sein. Wer einen Garten hatte, der hat nach Ansicht von Manfred Dacho einigermaßen über die Runden kommen können. Dennoch: „Ein Apfel war ein Luxus, den nicht alle hatten. Es war keine schöne Zeit…“

Noch größer als die Not sei in den Nachkriegsjahren im Bezirk die Angst vor Plünderungen oder Gewalttaten durch Russen gewesen, erzählt Dacho von gelockerten Garten-Umzäunungen, durch die im Fall der Fälle rasch geflohen werden konnte.

Eine kuriose Episode erlebte indes der Weitraer Textilindustriellenerbe Albert Hackl. Er war damals als Bursch mit einem Rucksack, gefüllt mit Erdäpfeln vom eigenen Feld, zu Verwandten nach Wien unterwegs gewesen: „Bei meiner Ankunft in Wien hat die Polizei die Erdäpfel beschlagnahmt.“ Da habe auch die Bestätigung des Bürgermeisters der damals eigenständigen Gemeinde Brühl, dass die Erdäpfel vom eigenen Feld stammten und für Verwandte waren, nichts genutzt.

Heute ist CARE International eine der weltgrößten privaten Hilfsorganisationen mit über 11.000 Angestellten und einem Budget von mehr als einer halben Milliarde Euro.