Schrems

Erstellt am 19. Oktober 2016, 11:28

von Markus Lohninger

Schrems war der „Prototyp“. Erstes „Tagesheim“ für Behinderte der Caritas St. Pölten in Schrems feierte 40-Jahr-Jubiläum.

Feierten 40 Jahre Arbeit für Menschen mit Behinderungen in Schrems und der Diözese St. Pölten: Johann Bruckner (Werkstatt), Eaton-Werksleiter Thomas Graf, Werkstattleiter-Stellvertreterin Pavlina Sykora, Pfarrer Herbert Schlosser, Betreuerin Sabine Bauer, Margarete Bruckner, Bürgermeister Karl Harrer, Werkstatt-Leiterin Martina Neubauer, Stadträtin Gabriele Beer, Bezirkshauptmann Johann Böhm, Caritas-Direktor Hannes Ziselsberger, Eva Schaden (Werkstatt) und Caritas Bereichsleiter Martin Kargl (von links nach rechts).  |  NOEN, M. Lohninger

Schrems machte Schule. Indem im Mai 1976 auf Initiative der Sonderschule und Anregung des Gmünder Arbeitsamt-Leiters Karl Herzog die „Tagesheimstätte für behinderte Jugendliche“ eröffnet worden war, war zugleich die erste derartige Stelle der Caritas in der Diözese St. Pölten in Betrieb gegangen. Der „40er“ wurde daher am 13. Oktober in der Schremser Stadthalle gleich als doppeltes Jubiläum einer Einrichtung gefeiert, die in der Diözese inzwischen auf 15 Werkstätten mit etwa tausend Menschen mit Behinderungen und 15 Wohnhäuser angewachsen ist.

1974: Die Arbeit als „Brunnen der Freude“

Die „persönliche Würde und Freiheit der Menschen“ solle durch die Einrichtung gefördert werden. Das hatte Weihbischof Alois Stöger 1974 in der Festschrift zur Eröffnung festgehalten: „Die Arbeit ist Quell der Selbstständigkeit und Freiheit, Brunnen der Freude, Selbstbestätigung der Persönlichkeit, Eingliederung in die Gemeinschaft, Annahme durch die Gesellschaft.“ Zwei Mitarbeiter der ersten Stunde bestätigten das im Rückblick.

Sie habe früher gestrickt und zwicke nun Kabel, fühle sich hier wohl und habe viele Freunde gewonnen, sagte Eva Schaden. Und Margarete Bruckner: Als ihr Sohn Johann 1976 hier begonnen hatte, da sei es in Sachen gesellschaftliche Akzeptanz um Behinderte schwer gestanden, im Tagesheim „wurde der Hansi in eine Gemeinschaft eingebunden, hat sich wohl gefühlt. Er ist immer gerne zur Arbeit und ist immer gerne nach Hause gefahren.“

Stadtpfarrer Herbert Schlosser (rechts, im Gespräch mit Michael Koch und Bürgermeister Karl Harrer) fand für seine Nachbarn sehr würdigende Worte.  |  NOEN, M. Lohninger

Freilich durchlief die Schremser Einrichtung in den 40 Jahren einen Wandel. Arbeit und Wohnen wurden räumlich wie bei anderen Beschäftigten auch getrennt, aus dem Tagesheim gingen Werkstatt und Wohnheim hervor. Und, so die Werkstatt-Leiterin Martina Neubauer: „Wir sind weggekommen vom Bastelimage.“

Heute werden unter anderem Aufträge für Eaton (an die 20 Tonnen Material werden pro Jahr sortiert, getrennt, recycelt) und die Stadtgemeinde erfüllt, eine Mitarbeiterin arbeitet als Praktikantin in der Berufsschule. Für die Gemeinde übernimmt die Werkstätte unter anderem die Grünraumpflege bei der Himmelsleiter, sagte Bürgermeister Karl Harrer (SPÖ), man prüfe Möglichkeiten für weitere Einsatzgebiete. Außerdem werden in der Werkstätte Hunde- und Pferdekekse, Tees oder Kerzen gefertigt und an sechs Standorten verkauft.

Insgesamt sind in der Werkstätte 44 Mitarbeiter wochentags von 8 bis 16 Uhr beschäftigt (1974 waren es 6), dazu kommen neun Betreuer und zwei Zivildiener. In dem 2004 eröffneten Caritas-Wohnheim stehen bei 15 angestellten Betreuern 23 fixe Wohnplätze, eine Kurzzeit-Unterbringung und eine WG bereit, 16 Bewohner gehen in der Werkstätte einer geregelten Arbeit nach.

Zur Feier fand sich nun eine stattliche Gästeschar – mit Caritas-Direktor Hannes Ziselsberger an der Spitze – in Schrems ein. Die Weitsicht engagierter Christen sei 1976 beeindruckend gewesen, blickte Ziselsberger im Gespräch mit Moderator Michael Koch zurück. „Schrems war unser Prototyp, man konnte sich dort etwas abschauen“, sagte er. Gemeinsam sei, das habe Schrems gezeigt, vieles zu schaffen, was alleine unmöglich wäre: „Wir sind gefordert, wertzuschätzen, was wir haben und die Dinge nicht schlechter zu reden als sie sind. Schimpfen wir nicht über das, was nicht gelingt, sondern freuen wir uns über jene Dinge, die gut gelungen sind!“

Gut gelungen sei, wie Bezirkshauptmann Johann Böhm hervorstrich, das Beseitigen einiger Stolpersteine seitens der Behörde. Jeder hätte Talente, und die müssten mit Einfühlungsvermögen gefördert werden.

Mitarbeiter weiterhin nur unfallversichert

Was noch nicht gelungen ist, das bemängelte Martin Kargl, der Caritas-Bereichsleiter für Menschen mit Behinderungen: Inklusion meine die Teilhabe an der Gesellschaft mit allen Rechten und Pflichten, sagte er – Mitarbeiter in Tagesstätten sind nun auch unfallversichert, offen bleibe jedoch trotz Vollzeit-Jobs der Anspruch auf Kranken- und Pensionsversicherung.

Wie sehr sie nach dem Wechsel von Litschau nach Schrems sein eigenes Glück mitbestimmten, das beschrieb Stadtpfarrer Herbert Schlosser. „Ihr habt mich als einen von euch aufgenommen. Die Begegnungen mit euch waren von Anfang an wichtig für mich – sie gehörten zu meinen schönsten Begegnungen seit meinem Hiersein in Schrems. Ich habe immer eine große Zufriedenheit bei euch gespürt.“