Schrems

Erstellt am 03. August 2016, 06:29

von Markus Lohninger und Karl Tröstl

„Kulturelles Verbrechen“ in Schrems. Aufschrei nach Abbruch ehemaliger Grab- oder Kultstätte im Stadtpark. Bürgermeister spricht von Gefahr im Verzug – und erntet auch dafür massive Kritik.

Die geheimnisvolle Gesteinsformation wurde als magischer Ort geschätzt.  |  NOEN, Karl Tröstl

Als Stationen in mystischen Wanderungen werden die Steinformationen „Tumulus“ und „Dolmen“ im Schremser Stadtpark beworben – folgt man den Wegweisern, so findet sich am Ort des als ehemalige Grab- bzw. Kultstätte angekündigten Tumulus allerdings ein finsteres Erdloch mit einem Häufchen Steinen davor.

Das ist nach Auskunft von Bürgermeister Karl Harrer (SPÖ) seit dem 15. Juli so, als „Gefahr im Verzug“ ihn dazu veranlasst habe, den sofortigen „kontrollierten Einsturz“ des Gewölbes durch den Bauhof zu befehlen. Zwei Wochen dauerte es, bis sich dafür aber gleich eine Lawine an Unmuts-Bekundungen zu dem nicht kommunizierten Ende des Rundbogens vor einer etwa 3 x 3 Meter großen und zwei Meter tiefen Höhle entlud.

In einer Pressemeldung wurden am 1. August schließlich Hintergründe erläutert. Er sei, so Harrer, im Mai von einem Familienvater auf den unstabilen Zustand aufmerksam gemacht worden, ein erster Felsen sei bereits zu Boden gestürzt gewesen.

Spezialisten hätten das seither gesperrte „alte Kellergewölbe, das zu einem 1960 abgerissenen Gebäude gehörte“, danach besichtigt, aber keine Chance auf eine Rettung gesehen. Und als Mitte Juli infolge heftiger Regenfälle noch ein Stein zu Boden ging, habe er die Räumung veranlasst. „Es tut mir selber leid, aber ich trage die Verantwortung dafür, wenn das Gebilde zusammenstürzt und dabei spielende Kinder zu Schaden kommen“, beteuert Harrer.

Gefahr im Verzug „eine lächerliche Ausrede“

Die Meldung glättete die Wogen kaum. „Gefahr im Verzug ist eine lächerliche Ausrede. Wie da mit unseren Wurzeln umgegangen wird, ist scharf abzulehnen“, ist Alf Krauliz fassungslos. Der Doktor der Geologie und Leiter der Sommerakademie in Motten bei Heidenreichstein, die auch in die verwunschenen Wälder der Region zu deren Steingebilden führt.

Zwei herausgefallene Steine würden ein Gewölbe nicht zum Einsturz bringen, wenn durch Ersatz die Spannung wieder hergestellt werde: „Im anderen Fall müsste man alle 4.000 Erdställe in ganz Europa abbaggern…“

Bluespumpm-Legende „Zappa“ Cermak beklagte auf Facebook die Tat von „Kulturgutschändern“ in dem „vermutlich bis 4.000 Jahre alten“ Gewölbebau. Auf ein konkretes Alter legt sich Krauliz nicht fest. Aus der Sicht von Roland Kernstock, der regelmäßig Führungen an mystische Orte veranstaltet, ist das auch nebensächlich.

„Egal, ob vor 400 oder 4.000 Jahren geschaffen – das Gebilde war das Ergebnis einer beträchtlichen Leistung“, sagt Kernstock: „Es ist ein kulturelles und architektonisches Verbrechen, so etwas zu zerstören!“ Eine Gefahrenquelle hätte zudem mit einem Zaun abgesichert und von Geologen untersucht werden können. Nahe des Einganges, dessen leicht keilförmige Steine durch deren Anordnung die Stabilität des Ganzen gewährleisteten, war Kernstock noch als Bursch in ein System an unterirdischen Gängen gelangt, das ihn am Hauptplatz wieder an die Oberfläche brachte. Für die Öffentlichkeit sind diese Gänge seit Jahrzehnten verschlossen.

ÖVP: Entsetzen über „Alleingang von Harrer“

Einen Schiefer hat sich Harrer auch bei der Opposition eingezogen. Harrer habe „wie immer keine Fraktion von seinem Vorhaben informiert“, ärgert sich VP-Stadtparteiobmann David Süß, dass seine Fraktion nicht einmal eine Mail erhalten habe.

Die geheimnisvolle Gesteinsformation wurde als magischer Ort geschätzt.  |  NOEN

Die ausgebliebene Information an die Bevölkerung zum Abriss zeuge zudem davon, wie wenig Verständnis Harrer für die Interessen der Schremser habe, ergänzt Martina Diesner-Wais. Sie sei als für den Tourismus zuständige Stadträtin vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Als untaugliches Argument für den Abriss bewertet VP-Gemeinderat Tobias Spazierer – selbst Vater kleiner Kinder – das Sicherheits-Argument: Die Stelle hätte etwa mit Absperrgittern gut gesichert werden können.

Karl Harrer fasst einen Wiederaufbau durch Fachleute anhand einer Bilddokumentation ins Auge. Alf Krauliz hält das für schwer. „Es soll ja kein Erdäpfelkeller werden“, ortet er massive Herausforderungen beim Neuaufbau. Auch die ÖVP warnt vor einer Kostenexplosion für die Stadt Schrems im Vergleich zu einer professionellen Sanierung des zerstörten Kulturgutes.

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