Schrems

Erstellt am 03. August 2016, 06:07

von Markus Lohninger

Gekommen, um bei Heini zu lernen. Staudinger stellte vier Afghanen ein – drei machen Schuhmacher-Lehre, der Vierte begeistert ihn jetzt schon.

Heini Staudinger sieht die Flüchtlinge nicht als Konkurrenz, sondern Ergänzung zum heimischen Personal.  |  NOEN, Markus Lohninger

„Klar lungerns nur herum, die dürfen ja nicht arbeiten.“ Ute Bock, wahrscheinlich prominenteste Flüchtlings-Helferin Österreichs, hat eine logische Erklärung für ein in Teilen der Gesellschaft kritisiertes Bild von Asylwerbern. Für vier junge Flüchtlinge ist mit Herumlungern seit einigen Tagen Schluss – Heini Staudinger stellte in seinen Waldviertler Werkstätten vier afghanische Flüchtlinge zwischen 16 und 18 Jahren mit Wohnorten in Schrems und Gmünd als Schuhmacher ein, drei davon – Rahman Jalali, Aziz Mohseni und Omid Azimi – als Lehrlinge.

„Alaba, Junuzović, Dragović, Okotie, Arnautović sind alles Österreicher. Wir fragen nicht, wie wir sie rauskriegen“, sagt Staudinger: „Die Frage ist vielmehr, wie ist gutes Leben möglich, so wie wir gerade beisammen sind?“ Das Integrieren interessiert ihn, nicht das Stigmatisieren, zumal er das Engagement des Quartetts nach den ersten Tagen als Gewinn für beide Seiten sieht: „Das sind wahnsinnig nette, top-motivierte und höfliche Burschen. Sie sind eine Bereicherung für die Firma.“

„Muhammad hat Schuhmacher-Fähigkeiten, die wahrscheinlich seit Jahrzehnten kein Österreicher mehr hatte, weil wir von den Maschinen verwöhnt sind.“

Heini Staudinger

Auch der Gmünder Bezirkschef der Arbeiterkammer, Michael Preissl, begrüßt die Initiative. „Ich finde es persönlich und aus der Sicht der Arbeiterkammer gut, wenn Integrations-Maßnahmen für Flüchtlinge geschaffen werden“, sagt er. Die AK habe sich für die Arbeitserlaubnis der Burschen eingesetzt, ergänzt Preissl – es sei auch sichergestellt, dass diese unabhängig vom Ausgang des Asylverfahrens solange in Österreich bleiben dürfen, bis sie die Lehre abgeschlossen haben.

Angetan hat es Staudinger vor allem Muhammad Hasani, Angehöriger der schiitischen Minderheit der Hazara, die in Afghanistan häufig Anschlägen von IS oder Taliban ausgesetzt ist. Bereits als Zehnjähriger sei Hasani, so Staudinger, in den Iran geflohen und habe in einer Schuhfabrik zu arbeiten begonnen. Dort arbeitete er vier Jahre, bis er das Geld für den Schlepper nach Europa beisammen hatte. Und er erlernte dabei etwas, was Hasani nun zu etwas Besonderem für die Schuhwerkstatt macht. „Er ist in Handarbeit schneller als Österreicher mit der Maschine, arbeitet teils sogar präziser als die Maschine“, sagt Staudinger: „Muhammad hat Schuhmacher-Fähigkeiten, die wahrscheinlich seit Jahrzehnten kein Österreicher mehr hatte, weil wir von den Maschinen verwöhnt sind.“

Ergänzungen zum heimischen Personal

Bleiben Österreicher durch die Aufnahme vierer Flüchtlinge in einem von Arbeitslosigkeit geplagten Bezirk auf der Strecke? Ist zu fürchten, dass sich Staudinger künftige Terroristen ins Unternehmen holt?

Beides relativiert der Chef. Einerseits sieht er die Lehrlinge nicht als Konkurrenz, sondern Ergänzung: Er will im Lauf des Sommers auch fünf österreichische Lehrlinge aufnehmen, mit bis zu 18 Lehrlingen hat er dann die Hälfte aller Schuhmacher-Lehrlinge Österreichs. Es gelte, dem „schmerzlichen Engpass an Facharbeitern“ entgegenzutreten. Zur Angst vor Terror spricht er indes Aussagen des Angstforschers Borwin Bandelow in der „Krone“ an.

Bandelow hatte da die Chance, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen (1:27 Millionen) mit der Chance auf Tod durch Schlaganfall (1:250) verglichen. Staudinger: „Die Leute essen trotz der Bedrohung unbesorgt zu viele Germknödel, lassen sich aber von der viel geringeren Wahrscheinlichkeit eines Todes bei einem Attentat ganz verrückt machen.“

Die Lösung des Problems ortet Heini Staudinger in der Schaffung dessen, was er eine globale Gerechtigkeit nennt. „Wenn ein Schuhmacher in Äthiopien zehn Cent pro Stunde verdient und Kids dann am Smartphone sehen, was sie bei uns bekommen, dann werden weitere Abwanderungsströme entfacht“, sinniert er: „Dieses Problem muss in den Griff bekommen werden.“