Gmünd

Erstellt am 27. Juli 2016, 09:33

von Markus Lohninger und Johannes Bode

Prechody-Übergänge: "Das Kulturfest ist angekommen“. Das Fest versammelte internationales Publikum an spannenden Orten. Besucherrekord bei „Übergänge-Přechody“:

„Warum spreche ich Deutsch? Noch dazu so Schlechtes?“, wunderte sich der Zirkusdirektor in Klinika Laleks „größtem Puppenzirkus der Welt“. Ebenso konnte man sich wundern, als bei der Ausstellungseröffnung in der ehemaligen Bobbin-Fabrik für die Neo-Waldviertler aus Syrien und dem Irak übersetzt wurde, allerdings nicht für die Tschechen.

Das Sprachengewirr, das Organisatorin und Künstlerin Brigitte Temper-Samhaber selbst in ihrer Installation thematisierte, war perfekt, als noch ein bisschen Englisch ins Spiel kam. Das Gute daran: Das Kulturfest hatte so erstmals wirklich internationalen Charakter. Es ist, so könnte man sagen, ein „Kulturenfest“ geworden.

Von der Bobbin-Fabrik ins Bahnhofsrestaurant

Aber nicht nur deswegen ist die Veranstaltung, die von 21. bis 24. Juli statt fand, „diesmal wirklich bei den Gmündern angekommen“, wie es Organisator Thomas Samhaber formulierte. Auch wenn natürlich die bereits bekannten Namen wie Harri Stojka oder Klinika Lalek die meisten Besucher anzogen, die Menschen – ob aus Ceské Velenice, Gmünd oder der Umgebung – folgten den Veranstaltern zu den außergewöhnlichen Spielorten.

So konnte man in der Bobbin-Fabrik einem Storch zusehen, wie er direkt vor dem Fenster seine Runden drehte, eine laue Nacht im Schlosspark genießen oder einen Zug lautstark einfahren hören, als gerade die Lesung von Kafka´s Briefen an Milena im Bahnhofsrestaurant in Ceské Velenice zu Ende ging.

Markus Lohninger

Oder man konnte einem Unplugged-Konzert der Band „Ruh“ in der kleinen Kapelle in Josefsschlag (Žižkovo předměstí) lauschen, die in der intimen Atmosphäre für Gänsehautstimmung sorgte. Den tendenziell asyl-skeptischen Tschechen syrische Volksmusik vorzuspielen, schien wie ein genialer Schachzug.

Markus Lohninger

Die Probleme, die die spezielle Situation hier an der Grenze mit sich bringt, wurden damit aber nicht weggewischt, sondern thematisiert. Etwa in den beeindruckenden Ausstellungsbeiträgen von Judith Kerndl oder „Überraschungsgast“ Paul Seidl, der in seinen „Menschenbildern“ auch die Religionen thematisiert.

"Lust am Leben, die Freude und Liebe zu allen Menschen"

„Brauchen wir ein Visum? Einen Pass? Das wäre ja geradezu gegen uns gerichtet“, schreibt Kafka aus Wien an seine geliebte Milena in Prag. Per Telegramm natürlich: Die beiden mussten jedes Treffen akribisch planen, einfach mal am Handy den Status abfragen ging nicht.

Dennoch verband die Liebe die beiden über die Grenzen hinweg. „Wir leben in einer Zeit, in der wir nicht wissen, wohin das alles führt – was uns aus diesem Sumpf herausziehen kann, das ist die Lust am Leben, die Freude und die Liebe zu allen Menschen. Ich wünsche viel Lust, Freude und Liebe bei diesem Festival“, so Brigitte Temper-Samhaber bei der Festival-Eröffnung.

Kurz danach ließ auch die Theatergruppe „Kvelb“ aus eské Budejovice ihre Puppen im Schlosspark um das Thema Liebe tanzen. Die überdimensionalen Stabpuppen aus brennendem Gerippe zeichneten den Kampf eines wilden Monsters gegen Mann und Frau und deren gemeinsame Liebe ins Dunkel der Nacht. Diesmal obsiegte das Gute noch über das militärisch klappernde, funkensprühende Böse.

„Wir sind ja keine Heurigenband“

Feurig wirbelte am Samstag auch Harri Stojka das in großen Scharen in den Schlosspark gekommene Publikum durcheinander. Der „Gypsy“-Gitarrist von Weltrang, der eben erst die Sommerakademie in Motten musikalisch eröffnet hatte und diesmal auch von Band, Sängerin Jelena Kristic sowie den Stojka-Sisters Sissi und Doris begleitet wurde, sprühte am ersten Tag seines 60. Lebensjahres vor grenzenloser Lebens- und Spielfreude.

Wobei da doch eine Grenze war: Musikwünsche nahm er nicht an, „wir sind ja keine Heurigenband“. Weltmusik aus aller Herren Länder, für einen Großteil der Besucher von dies- und jenseits der Lainsitz textlich nicht zu verstehen, moderiert im breiten Wiener Dialekt – was gibt es Besseres als Krönung eines internationalen Kulturfestes?

Eingestimmt waren die Gäste zuvor von der Waldviertler Formation „Stört‘s?“ worden – während zeitgleich auf der anderen Seite der Lainsitz munter gerockt wurde. Beim Amphie theater in Ceské Velenice gab es mit „Libý Květoň“ (Prag), den Lokalmatadoren „SCO“ aus dem Gmünder Bezirk und „Lazareth“ aus Tschechien gleich ein Dreierpack.

Letztere wildern spaßig, locker und routiniert durch den Bereich zwischen Bierzelt- und Rockband ab – mit nostalgischem Hang zum Country. Kann man hören, muss man aber nicht, auch wenn man dabei erfährt, wie Neil Youngs „Heart of Gold“ auf Tschechisch klingt.

Fazit: „Übergänge-Přechody“ zog heuer mit – laut Veranstaltern – rund 10.000 Besuchern an allen Tagen und bei bestem Festivalwetter so viele Besucher wie noch nie an.

Am Samstag musste sich Thomas Samhaber auch bei Schremser Bier bedanken – da kurzfristig die Biervorräte aufgefüllt werden mussten.