Erstellt am 15. Juni 2016, 05:00

von Markus Lohninger

Polizei-Chef: "Angst vor Flüchtlingen nicht begründet". NÖN-Redaktionsleiter Markus Lohninger im Gespräch mit Bezirkspolizei-Kommandant Wilfried Brocks: über Asylwerber, Grenze und die Personalsituation.

Gmünds Bezirks-Polizeichef Wilfried Brocks: "Von Fremden geht bei uns nicht mehr Gefahr aus als von ständig hier lebenden Menschen."  |  NOEN, privat

NÖN: Glaubt man dem, was aus der Bevölkerung an die NÖN herangetragen wird, dann hat sich im Gmünder Bezirk in den vergangenen Wochen zunehmend Verunsicherung wegen Asylwerbern breitgemacht. Frauen beklagen, sich aus Angst alleine nicht mehr spazieren gehen zu trauen. Ist diese Angst begründet?

Wilfried Brocks: Aufgrund der Zahlen im Bezirk ist die Angst nicht begründet. Wir hatten wirklich keine schwerwiegenden Vorfälle, seit Asylwerber zum Tagesthema wurden. Aber natürlich warten an die 500 Asylwerber im Bezirk auf ihren Verfahrensausgang – je kleiner die Orte und je größer dort die Zahl der Fremden, umso größer ist natürlich deren gefühlte Präsenz.

Diese Menschen dürfen bis auf gemeinnützige Tätigkeiten in geringem Ausmaß nichts machen – also was tun sie den ganzen Tag? Natürlich halten sie sich auch verstärkt auf öffentlichen Plätzen auf. Das ist aber nichts, was man fürchten müsste oder verboten wäre: Solange es keine Vorfälle gibt, können und wollen wir deren Zugang nicht reglementieren.

Gibt es wirklich keine Vorfälle?

Brocks: Natürlich gibt es da und dort Probleme. In Asylwerber-Familien wird genauso gestritten wie in österreichischen Familien, dazu kommen mitunter posttraumatische Probleme. Teils gibt es kleine Delikte wie von Österreichern, sie spielen sich aber absolut nicht auf alarmierendem Niveau ab.

Wir sind jenes gelobte Land, von dem die Anderen reden, wenn sie beschreiben, wie es sein sollte! Im ganzen Gmünder Bezirk gab es im Vorjahr beispielsweise nur einen einzigen Wohnungseinbruch, die Delikte halten sich sehr im Rahmen – und das trotz der neuen Gäste.

Dennoch wird immer wieder von angeblichen Amtshandlungen im Zusammenhang mit Asylwerbern erzählt. Sind das alles Lügen?

Brocks: Es wurde schon sehr viel verunglimpft… Polizisten bei Asylherbergen heißen außerdem nicht automatisch, dass etwas vorgefallen ist: Häufig geht es dabei um Zurückschiebungen und Rückführungen in Drittstaaten gemäß Dublin-Verordnung, wenn jemand ohne Asylgrund nicht von selbst abreist. Wir haben im Bezirk auch zwei „Flugabschieber“, die Fremde bei der Ausreise begleiten.

Kriminalpolizeiliche Amtshandlungen sind selten. Soweit ich mich erinnere, gab es einen Ladendiebstahl… Teilweise gibt es Körperverletzungen, jedoch eher unter Asylwerbern. Auch innerhalb der Familien gab es aber bisher eine Wegweisung, unter Österreichern kommt das oft drei, vier Mal im Monat vor.

Im Internet ist immer wieder von sexuellen Übergriffen die Rede.

Brocks: Wir sind bei diesem Thema sehr sensibel, dennoch warne ich vor Überreaktionen: Von Fremden geht bei uns nicht mehr Gefahr aus als von ständig hier lebenden Menschen. Bis jetzt wurde bei uns im Zusammenhang mit Asylwerbern noch kein einziges sexuelles Delikt gemeldet, das sich nach Abschluss der Ermittlungen bestätigt hätte.

Sexueller Kontakt ist nicht auszuschließen – kann aber freiwillig genauso zustande kommen. Auch die Kontaktsuche zu Mädchen ist nicht verboten, wenngleich es wegen der Sprachbarrieren oder kultureller Unterschiede mitunter zu Missverständnissen kommt.

Inwiefern?

Brocks: Ich habe fast ein Jahr lang im arabischen Raum gelebt, als ich in der Wüste von Jordanien irakische Polizisten trainiert habe. Der persönliche Abstand, den wir in unserem Kulturkreis fordern, ist im arabischen Raum weit weniger ausgeprägt. Dort ist es normal, Menschen zum Beispiel am Arm anzufassen oder sehr dicht hintereinander in der Supermarkt-Schlange anzustehen. Das ist einfach ein anderer sozialer Umgang, den wir nicht gewohnt sind. Aber man muss das auch nicht wollen: Wir müssen uns nicht anpassen und wir können klar sagen, was wir nicht wollen.

Wenn die Angst rationell unbegründet sein mag – das subjektive Empfinden ist offenbar dennoch vorhanden. Was raten Sie Menschen, die sich fürchten?

Brocks: Ich verstehe die Beunruhigung, weil die Situation neu ist und man schwer einschätzen kann, was passieren wird. Auch ich beobachte die Entwicklung kritisch, habe selbst kleine Kinder und schaue sehr genau, was da vor sich geht. Aber ich bin jedem gut gesonnen, solange er sich mir gegenüber als Person erweist, die sich das verdient.

Bei einem der Treffen von Hilfsorganisationen oder Unterstützungsvereinen, wo sich Flüchtlinge präsentieren, könnte man sich ein Bild davon machen, wer bei uns lebt  – vielleicht stellt sich heraus, dass es keinen Grund gibt, Angst zu haben.

„Wir sind jenes gelobte Land, von dem die Anderen reden,
wenn sie beschreiben, wie es sein sollte!“ Wilfried Brocks

Wie funktioniert aus Ihrer Sicht Integration im Bezirk Gmünd?

Brocks: Sie funktioniert dort am besten, wo es Menschen gibt, die sich um Integration im weitesten Sinne kümmern. Unser Ziel muss es aber nicht sein, Flüchtlinge zu „Österreichern“ zu machen. Wir müssen vielmehr vermitteln: „Wir haben eine andere Kultur. Ihr müsst diese mit Respekt behandeln und Dinge akzeptieren, die in euren Kulturkreisen denkunmöglich sind – auch wenn ein Mädchen im Schwimmbad vielleicht nur einen Bikini mit Minislip trägt.“

Wenn Flüchtlinge nicht das große Thema im Bezirk sind – was prägt dann aktuell den Polizei-Alltag?

Brocks: Das Flüchtlings-Thema ist sehr wohl auch für unsere Polizei sehr gegenwärtig, aber weniger wegen hier ansässiger Asylwerber als durch Dienste außerhalb des Bezirkes. Wir haben viele Zuteilungen zu Außengrenzen, stellen Personal am Flughafen Schwechat, führen Zurückschiebungen durch – im Regelfall sind 20 Leute und mehr aus dem Bezirk draußen.

Das Personal dafür ist vorhanden?

Brocks: Ja. Wir haben im Bezirk aus den Zeiten der Grenzsicherung noch an die 40 Polizisten mehr, als wir aufgrund der demografischen Daten haben müssten. Das sind Personalreserven, auf die sonst kaum ein Kommando zugreifen kann.

Ist das Wort Grenzsicherung im Bezirk Gmünd ein Thema?

Brocks: Wir greifen nur seltenst Menschen auf, die sich illegal hier aufhalten. Das sind keine zehn Personen im Jahr – und die kommen meist von selbst, um Asyl zu beantragen. Aktuell gibt es daher keinen Grund, die Grenze bei uns zu sichern. Das kann sich ändern, falls eines Tages alle südlichen Fluchtrouten abgeschnitten sind.

Welche Rolle spielt unsere Grenze derzeit im Zusammenhang mit Kriminalität?

Brocks: Die Zahl der Anlässe ist kriminalstatistisch viel geringer als in Bezirken ohne Grenze. Delikte von Tschechen gibt es, sie werden aber häufig in gemeinsamen Gruppen mit Österreichern verübt. Es sind immer noch sehr viel mehr Österreicher, die sich strafbar machen.

Welche Rolle spielt die Grenze im Zusammenhang mit Drogen-Kriminalität und sonstigen milieubedingten Erscheinungen?

Brocks: Das Thema ist derzeit statistisch etwas rückläufig, auch weil die tschechischen Kollegen an der Grenze fast jedes Auto anhalten. Das Problem an sich hat sich aber nicht verändert und wird auch nicht entscheidend leichter werden.

Kommentar von Markus Lohninger