Erstellt am 21. Januar 2016, 06:13

von Markus Lohninger

Kindeswegnahme im Spital?. Jugendamt will Pürbacher Familie auch das zweite Kind abnehmen – jetzt sogar vom Spitalsbett. Bezirkshauptmannschaft rechtfertigt das Vorgehen.

Patrick und Nicole Trinko, deren erste Tochter bereits bei Pflegeeltern lebt, wollen die Kindeswegnahme gleich nach der Geburt mit Hilfe einer Anwältin verhindern. Zur Seite steht ihnen inzwischen der behördenverfahren-erprobte Karl Minow (rechts), der die Interessen von derzeit 40 Vereinsmitgliedern vertritt.  |  NOEN, M. Lohninger
Ihre im Februar 2014 geborene und seit April 2015 bei Pflegeeltern lebende erste Tochter sahen sie mehr als ein halbes Jahr lang nicht, das zweite Kind soll ihnen nach der demnächst erwarteten Geburt noch im Spital abgenommen werden: Der Obsorgestreit zwischen Nicole und Patrick Trinko und der Bezirkshauptmannschaft, über den die NÖN im Juni berichtete, erreicht eine neue Dimension.

Die Pürbacher wurden am 13. Jänner von einem Mitarbeiter des Jugendamtes über die geplante Kindeswegnahme und auch darüber informiert, dass er bereits Kriseninterventions-Eltern organisiert habe und sich die Mutter darauf einzustellen habe, dass sie ihr Baby nicht stillen werden könne. Ein Bekannter habe den Eltern erzählt, dass Spitäler angehalten worden seien, der Mutter das Neugeborene nicht mit nach Hause zu geben.

Über die Waidhofner Anwältin Elisabeth Müller-Ozlberger will die Familie die Wegnahme verhindern. Das Vorhaben der Behörde sei „unzulässig, krass rechtswidrig und gefährdet das Wohl des neugeborenen Kindes massiv“, heißt es in dem von Müller-Ozlberger am 13. Jänner formulierten Antrag auf Untersagung und Unzulässigerklärung der geplanten Maßnahme.

Keine Einigkeit über „Gefahr im Verzug“

Diese setze „Gefahr im Verzug“ voraus. Die treffe nicht zu: Die Mutter habe vor Monaten über die Schwangerschaft informiert, die Behörde hätte im Fall befürchteter Gefahr längst die Übertragung der Obsorge beantragen können.

Aktuell umgehe der Jugendwohlfahrtsträger die Entscheidungskompetenz des Gerichts und verhindere „ein ordnungsgemäßes Verfahren mit Beteiligungsrechten und einer korrekten Prüfung einer konkreten Gefährdung des Kindes“, heißt es im Schreiben. Der Wegnahme als äußerster Notmaßnahme stehe volle Bereitschaft der Eltern zu jeder Kooperation mit der Behörde entgegen.

"Erziehungsfähigkeit der Kindeseltern nicht gegeben"

Bezirkshauptmann-Stellvertreterin Martha Haselsteiner widerspricht Müller-Ozlberger: Der Antrag könne, wie sie gegenüber der NÖN betont, erst nach einer Geburt gestellt werden. Haselsteiner: „Im aktuellen Fall ist aufgrund der bisherigen Erfahrungen und des vorliegenden Gutachtens eines gerichtlich beeideten Sachverständigen vom Februar 2015 die sofortige Abnahme erforderlich, da aus dem Gutachten eindeutig hervorgeht, dass die Erziehungsfähigkeit der Kindeseltern nicht gegeben ist, sodass bei Betreuung des Kindes im Haushalt seiner Eltern mit chronischer Kindeswohlgefährdung in allen Belangen der Entwicklung (körperlich, intellektuell, emotional, sozial, moralisch etc.) zu rechnen wäre.“

Daher sei die Vorgangsweise bei Gefahr im Verzug sehr wohl erforderlich, sie sei auch in Rücksprache mit dem Kinder- und Jugendpsychologischen Beratungsdienst des Landes NÖ getroffen worden. Die Entscheidung über die Obsorge trifft das Gericht.

„Wir tun alles, was vorgegeben wird"

Aspekte der Begründung für die Wegnahme der ersten Tochter wie fehlende emotionale Zuwendung und Beziehungsprobleme der Eltern dementieren diese klar, bemängelte Gefahrenquellen im Haus wollen sie behoben haben, und das einst gestoppte Aggressionstraining will der Vater wieder mitmachen: „Wir tun alles, was vorgegeben wird. Es gibt keinen Grund, die Familie auseinanderzureißen.“

Die Familie verweist hingegen auf Berichte aus der Melker Bezirkshauptmannschaft an die Gmünder Kinder- und Jugendhilfe im September, wo massive Probleme geschildert werden. Für das Mädchen sei bei den Pflegeeltern jede Mahlzeit, wie es darin heißt, „eine Quälerei und Schreierei“, es kommuniziere mit diesen nicht mehr und habe eines Tages aufgehört zu Gehen, obwohl das Röntgen nichts gezeigt habe: „Die Familie ist [..] nervlich am Ende.“ Das Mädchen könne nach vier Beziehungsabbrüchen zu „Mamas“ das Beziehungsangebot nun nicht mehr annehmen.

Die Beobachtungen hätten „eine gesunde Reaktion auf den Wechsel der Bezugsperson“ gezeigt, beteuert Martha Haselsteiner. Die Berichte seien Momentaufnahmen im Rahmen der Eingewöhnungsphase im September gewesen. Nun habe das Mädchen den Pflegeplatz gefunden, der ihr die Möglichkeit einer guten Entwicklung biete.

Vergangenen Sommer hatte NÖN.at berichtet: