Erstellt am 26. Februar 2016, 05:24

von Markus Lohninger

Heini wird Kinoheld. Dokumentarfilm über den unbeugsamen „Schuh-Rebellen“ Heini Staudinger und die Schuhwerkstatt erobert Kinos im deutschsprachigen Raum.

Heini Staudinger kommt ab 30. März auf die Kinoleinwände.  |  NOEN, zVg

Die Stadt Schrems und ihr überregional bekanntester Einwohner Heini Staudinger werden bald landauf, landab auf Kinoleinwänden zu sehen sein: Die Produktionsfirma von Nikolaus Geyrhalter, der die vielfach preisgekrönte Doku „Unser täglich Brot“ drehte und 2015 mit einer Doku über die ehemalige Anderlfabrik in Kleedorf („Über die Jahre“) in den Kinos war, hat sich der Lebenswelt des als „Schuh-Rebellen“ international zu Ruhm gekommenen Heini Staudinger angenommen.

Herausgekommen ist der Dokumentarfilm „Das Leben ist keine Generalprobe“, der am 30. März im Beisein von Staudinger und Regisseurin Nicole Scherg im Schremser Kulturhaus seine Premiere feiert. Nach einer Premierentour durch Österreich wird er ab 8. April in die Kinos von Gmünd und Zwettl kommen – und schließlich international gezeigt werden.

Bereits die Szene im Werbefilm spricht Bände: Da steuert der am Rad gekommene „Waldviertler“-Chef an einer „Baden verboten“-Tafel auf einen Steinbruch-See zu, macht – inzwischen pudelnackt – einen gediegenen Rückwärts-Salto ins Wasser und erklärt dann von dort, warum ihn selbst Bill Gates als reichster Mann der Welt um dieses Vergnügen beneide. „Es gibt Freuden, und Milliardäre haben den Zugang nicht!“

Dazu braucht es nämlich die nötige Portion Frechheit und den nötigen Rest an Freiheit, die man sich selbst gewährt.

Man kann auch gegen den Strom schwimmen

Eine Frechheit wie die, die sich Staudinger herausnahm, als die Finanzmarktaufsicht (FMA) 2012 inmitten des Milliarden-Skandales um die Hypo Alpe Adria nichts Besseres zu tun hatte, als ihn wegen des rechtlich nicht gedeckten Einlagenmodells im niedrigen Millionenbereich in die Mangel zu nehmen. Er verweigerte mangels Schuldeinsicht jede Kooperation, ließ es auf die Exekution der Strafe ankommen. Die Frechheit, die er sich nahm, zog die Schaffung einer legalen Form für Sammeleinlagen in Österreich nach sich – und mit der Freiheit, die er sich nimmt, pfeift er auch auf dieses Modell.

Heini Staudinger glaubt an eine Sehnsucht bei vielen Menschen danach, von ausgetretenen Pfaden abzuweichen. „Von frühmorgens bis nachts lässt man aber alles in einem uniformen Trott laufen“, sagt er: „Man spürt, dass das Leben einige Sachen parat hätte, aus denen aber nie etwas wird, wenn man sich nicht zumindest ein bisserl dort hinbewegt.“ Also versteht er den Film auch als Ermunterung dazu, zumindest nicht in allen Fällen der Masse zu folgen.

Heini als Kinoheld? Das findet der Gefilmte an sich lässig. „Sympathischer wäre es für mich, wenn mein Team und meine Gruppe im Vordergrund stehen würden“, betont er. Aber: „Es ist ein Porträt einer Firma, in der ich eine wichtige Rolle spiele, und jeder Film braucht einen roten Faden. Also ist das diesmal eben der Heini.“

„Das Wichtigste im Leben ist das Leben“

Die Zusage für die Aufnahmen habe er gegeben, lange bevor der FMA-Konflikt eskalierte – und ihm weit über das Land hinaus ungeheure Popularität einbrachte. „Ich habe zwischen Tür und Angel zugesagt, ohne zu ahnen, was dadurch auf mich zukommen sollte“, sagt er nun. Ganze vier Jahre lang arbeitete Nicole Scherg an der 90-minütigen Doku, lebte fast zwei Jahre lang wochenweise in den Waldviertler Werkstätten mit und begleitete Staudinger unter anderem nach Afrika. Das schuf eine Nähe, die ein authentisches Bild des Selfmade-Unternehmers ermöglichte, aber auch tief ins Innere der Firma und ihres Chefs blicken ließ.

Der spricht unter anderem eine Szene an, in der er offen über den Selbstmord eines Burschen sinniert, der nach einem Praktikum in der Schuhwerkstatt nicht aufgenommen wurde und sich in der Zeit der Aufnahmen das Leben nahm. „Alles hat seine Ernsthaftigkeit“, sagt Staudinger heute: „Das Leben ist keine Generalprobe! Das Wichtigste im Leben ist das Leben.“

verleih.polyfilm.at


ZITIERT

„Seine scheinbar einfache Methode, die Welt im Kleinen zu verändern, direkt vor der eigenen Haustüre und ganz ohne auf den Rest der Welt zu warten, machte mich neugierig. Eine Vision gegen Ohnmacht und Resignation angesichts der oft undurchschaubaren globalen Zusammenhänge und des salonfähig gewordenen Raubrittertums? Wie kann es in unserer komplexen Zeit gelingen, die eigenen Gestaltungsspielräume wahrzunehmen? Kann dadurch eine breitere, gesellschaftliche Veränderung bewirkt werden?“
Nicole Scherg, Regie/Buch/Kamera

„Der größte Wendepunkt war der Brief der FMA. Durch ihre Anzeige wegen illegaler Bankgeschäfte wurde das Unternehmen mit seinem Fahnenträger Staudinger über Nacht zu einem couragierten Beispiel für zivilen Ungehorsam.“  
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