Erstellt am 18. Februar 2016, 06:04

von Markus Lohninger

Stefan Graf: „Ich fordere mehr Freiheit“. Baumeister Stefan Graf und NÖN-Redaktionsleiter Markus Lohninger über Bürokratie, Politik, Werte & Infrastruktur im Waldviertel.

Leyrer+Graf-Geschäftsführer Stefan Graf  |  NOEN, Thomas Weikertschläger

NÖN: Herr Baumeister – träumen Sie wie Ihr Wiener Berufskollege Lugner davon, eines Tages als Herr Bundespräsident angeredet zu werden?
Stefan Graf: Um Gottes Willen! (lacht) Jeder soll das tun, was ihn glücklich macht, aber ich habe keine Ambitionen in diese Richtung. Ich bin Unternehmer, ich denke höchst politisch, und überhaupt nicht parteipolitisch.

Sie haben gar keine Ambitionen, politisch aktiv zu werden?
Graf: Nein. So wie ich Politik erlebe, passt das nicht mit der Art zusammen, wie ich gestalten und entwickeln möchte. In der Politik wird einfach zu viel gestritten nur um des Streitens wegen. Hier werden vernünftige Dinge abgelehnt, weil sie vom Anderen kommen. Wenn ich hier die Tasse mit Auszügen aus unserem Leitbild heranziehe (liest vor): Mir fehlt es in der Politik an „Wertschätzung“, an „Vertrauen“, am „Füreinander“, an der „Langfristigkeit“ und an der „Erfolgsorientierung“. Und weil das systemisch bedingt ist, ist das nicht meine Welt. Würde sich das ändern, dann würde ich mir überlegen, in die Politik zu gehen, weil ich gerne gestalte.

Solange Parteien untereinander Mehrheiten bilden müssen, kann sich das kaum ändern. Verhindern ist für Wahlen oft erfolgsversprechender als aktiv zu gestalten.
Graf: Unser System züchtet solche Effekte hoch. Ich bin, was Parteien anbelangt, völlig farblos – weil ich von allen massiv enttäuscht bin. Es geht in der Politik nicht darum, uns allen das Leben schön zu machen: Ich glaube, dass jeder Mensch bereit ist, eine Last zu tragen, wenn er einen Sinn dahinter sieht. Doch die Politik ist unfähig, uns einen Sinn zu vermitteln, weil Kompromisse eingegangen werden und jeder so viele Abstriche machen muss, dass er seinen eigenen Sinn nicht mehr versteht. Und ohne Sinn hat der Mensch keine Orientierung. Daher bin ich für die Demokratie, aber absolut für klare Verhältnisse und klare Verantwortlichkeiten. Dazu bedürfte es beispielsweise des Mehrheitswahlrechtes.

Angenommen, Sie hätten dennoch ein politisches Mandat: Wo würden Sie ansetzen?
Graf: Wir brauchen mehr Freiheit in Verbindung mit mehr Verantwortung. Ich glaube, dass der österreichische Bürger derart durch Gesetze eingeschränkt wird und dass es schon fast einer Entmündigung gleichkommt. Ich würde damit beginnen, Gesetze zu entrümpeln, das enge Korsett aufschneiden, möchte dem Bürger mehr vertrauen. Ich glaube nicht, dass wir derart viele Regularien brauchen. Jedes Gesetz, jede Norm, sagt aus: Ich muss dir sagen, wie du zu sein hast. Die Politik hat zu ihren Bürgern kein Vertrauen mehr. Jedes Gesetz, jede Norm, macht das System komplexer. Man muss immer mehr bedenken, man darf immer weniger. Passiert trotzdem etwas, dann braucht es sofort einen Schuldigen und ein neues Gesetz, damit das nur ja nicht wieder passiert. Wir können keine Welt schaffen, in der nichts passiert… ich fordere mehr Freiheit.

Wo stößt Leyrer+Graf im Dickicht an Gesetzen und Normen auf besondere Hindernisse?
Graf: Ich nenne da prompt die Schlagworte Abfallwirtschaft, Arbeitszeit-Gesetzgebung und Bundesvergabegesetz. Zu Letzterem gibt es eine Richtlinie der EU, die national umzusetzen ist. Die Briten tun das fast 1:1, in Österreich werden Gremien gebildet, die diskutieren, alle Interessen unter einen Hut bringen wollen, Kompromisse und Ausnahmen erzeugen. Das bringt Interpretationsspielräume und macht das Ganze kompliziert. Dazu kommt in Österreich die Bauordnung in neunfacher Ausführung. Gesetze unterscheiden sich zwischen Bundesländern oft nur in Feinheiten, aber die können entscheidend sein. Das hält die Wirtschaft damit auf, sich mit Regularien auseinanderzusetzen, anstatt das zu tun, wofür sie da ist: zu wirtschaften.

Welche Haken schlägt das Thema Abfallwirtschaft?
Graf: Die Recyclingbaustoff-Verordnung brachte mit 1. Jänner acht neue Formulare. Eine neue Verordnung mit Vorschriften, über die sich Juristen und Ersteller uneinig sind, brachte eine neue Funktion und eine neue Aufgabe zu besetzen: Wir müssen jetzt eine eigene „rückbaukundige“ Person ausbilden. Will sich der Besitzer eines Bodenaushubes entledigen, so wird daraus automatisch Abfall. Das Geld fehlt dann natürlich für andere Investitionen. Die Entsorgung kostet mitunter mehr als das Baulos selbst: Da wird dann für Müll gezahlt statt für neue Straßen…

Apropos: Wie sehen Sie nicht als Baumeister, sondern privat als Gmünder die Debatten um Straße, Schiene oder Breitband?
Graf: Infrastruktur ist die Basis jedes Wirtschaftens. Ich sehe es als Aufgabe der Politik, für Rahmenbedingungen dafür zu sorgen. Ich bin jahrelang zwischen Wien und Gmünd auf Schiene gependelt und weiß, was da eine halbe Stunde weniger bedeuten würde. Die Straßenbauprojekte S10 und A5 zeigen, was Investitionen in die Infrastruktur für die ganze Volkswirtschaft bedeuten. Wo Verkehrswege entstehen, da entsteht Wirtschaft. Nicht umsonst entstand früher fast jede Großstadt der Welt an einem Fluss, weil der Fluss als Transportmittel Infrastruktur brachte. Der Raum Südböhmen- Waldviertel-Mühlviertel könnte aufblühen, würde man hier die nötige Infrastruktur schaffen. Ich verspüre eine grundsätzliche Bereitschaft besonders der Regionalpolitik, sich dafür einzusetzen – wichtig wäre es jedoch, in der Region mit einer Stimme zu sprechen. Das fehlt, auch wenn ich das Zusammenwachsen des Wirtschaftsraumes Gmünd-Schrems als sehr positives Signal sehe.

Wenn man sich wie Leyrer+Graf überregional auf 14 Standorte ausbreitet: Wie schafft man es, während dieses Wachstumsprozesses gemeinsame Werte zu vermitteln, hier und dort ungewolltes Eigenleben einzudämmen?
Graf: Mein Lieblingsthema… Ein Eigenleben ist an sich etwas Gutes – das Leben ist Vielfalt, Vielfalt bedeutet Innovation, und Innovation ist ein Lebenselixier. Es braucht zusätzlich auch Standards – es gilt in diesem Wechselspiel die Balance zu finden.

Wie geschieht das bei L+G?
Graf: Es braucht Wurzeln, die sich in alle Bereiche eines Unternehmens ausbreiten müssen: Diese Wurzel liegt darin, einen gemeinsamen Sinn zu definieren, was wir durch die Erarbeitung eines gemeinsamen Leitbildes auch erreicht haben. Dieses strahlt in die strategische und operative Entwicklung des Unternehmens entscheidend aus. Ich fördere und fordere dieses Geschehen in unserem Zusammenleben, dieses bedeutet immer Beziehung und entsteht durch Kommunikation.

Ihr Vater hat die Firmengeschäfte als 82-Jähriger an Sie übergeben. Werden Sie auch so lange dienen?
Graf: Nein (lacht).

Hat das Ihr Vater als 45-Jähriger auch gesagt?
Graf: Das weiß ich nicht, ich war damals erst fünf Jahre alt. Ich habe größten Respekt vor der Schaffenskraft meines Vaters, denn es hat lange Zeit so ausgesehen, dass keines seiner Kinder in seine Fußstapfen treten will. Auch ich hatte zuerst andere Interessen, denn ich hatte mich immer für das Entwerfen und Gestalten von Konstruktionen interessiert, was ich in meinem ursprünglichen Beruf als Bauingenieur gefunden habe. Es hat Zeit gebraucht, bis der Unternehmer in mir reifte. Diesen Weg habe ich aber 2009 nach einem Komplettumbau meiner Lebensplanung eingeschlagen – und jetzt lebe ich diese Berufung zu hundert Prozent.