Erstellt am 22. September 2015, 09:13

von Thomas Weikertschläger

"Wir helfen, weil es getan werden muss". Die Heidenreichsteiner Ulrike und Karl Immervoll erzählen über Erfahrungen und Pläne in der Flüchtlingsbetreuung.

Ulrike und Karl Immervoll engagieren sich in Heidenreichstein unter anderem für Asylwerber.  |  NOEN, Thomas Weikertschläger

Während in einigen Gemeinden des Bezirks Gmünd noch keine Flüchtlinge untergebracht sind, machen andere gerade die ersten Erfahrungen mit der Aufnahme von Asylwerbern. Auf eine vergleichsweise lange „Tradition“ blickt man hingegen in Heidenreichstein zurück. Dort sind Karl und Ulrike Immervoll mit ihrem Team im Rahmen ihrer Tätigkeit für die Betriebsseelsorge Oberes Waldviertel auch in der Betreuung von Asylwerbern aktiv. Die NÖN hat die beiden zum Gespräch über ihre Erfahrungen gebeten.

NÖN: Wie kam es dazu, dass Sie sich – neben Ihrer ohnehin intensiven Tätigkeit – auch für Flüchtlinge engagieren?
Ulrike Immervoll: Wir bieten schon länger Mutter-Kind und Eltern-Kind-Gruppen an. Dabei tauchte plötzlich ein Mann aus einer tschetschenischen Familie auf. Das war der erste Kontakt mit einem Flüchtling. Das war vor etwa zwei Jahren. Wir haben schon länger Asylwerber in Heidenreichstein, das war aber kaum Thema. Als vor einem Jahr eine Familie aus Somalia ankam, war die Aufregung in Heidenreichstein groß. Da haben wir gewusst: Jetzt müssen wir etwas tun.
Karl Immervoll: Dann haben sich unsere wöchentlichen Treffen entwickelt. Sie wurden zu Orten der Begegnung zwischen der einheimischen Bevölkerung und unseren Gästen. Zu Beginn waren da ein Dutzend Leute, jetzt sind wir zwischen 40 und 50 Leuten. Wir spüren sehr große Hilfsbereitschaft seitens der Bevölkerung, aber auch ein Gefühl der Ohnmacht. Viele stellen sich die Frage: Wie kann ich eigentlich helfen?

"Zu Beginn waren da ein Dutzend Leute,
jetzt sind wir zwischen 40 und 50 Leuten."

Wie beantworten Sie diese Frage?
Ulrike Immervoll:
Das beginnt mit grundlegenden Dingen wie dem Grüßen. Damit entstehen erste Kontakte, man lächelt sich an und beginnt so, Ängste abzubauen. Das ist überhaupt das Wichtigste. Man muss auf diese Menschen zugehen. Viele sind dann überrascht, wie einfach es ist, mit diesen Menschen zu reden.
Karl Immervoll: Zu unseren Treffen kommen auch Heidenreichsteiner, die wir zuvor gar nicht kannten, die aber etwas tun wollen. Es braucht menschliche Kontakte, Gastfreundschaft und eine psychologische Stütze für diese Menschen. Viele sind psychisch in erbärmlichem Zustand. In Heidenreichstein ist besonders das Engagement des Fußballvereins um Christoph Apfelthaler hervorzuheben. Aber auch bei der Bühne Heidenreichstein und anderen Vereinen sehe ich viel Engagement.

Welche Struktur hat sich in Heidenreichstein in der Flüchtlingsbetreuung bereits entwickelt?
Karl Immervoll: Im Team der Betriebsseelsorge sind wir zu fünft, es gibt daneben aber eine große Reihe an ehrenamtlichen Mitarbeitern. Sie helfen etwa beim Erledigen von Einkäufen, gehen mit den Betroffenen Spazieren oder bieten Deutschkurse an. Wir planen aber schon nächste Schritte. Ziel ist es, die Struktur um Helfer aus den einzelnen Kulturkreisen zu erweitern. Erhält etwa ein Asylwerber einen positiven Bescheid und er möchte in Heidenreichstein bleiben, ist es für ihn einfacher als für uns, sich um die Angehörigen seiner Volksgruppe zu kümmern. Da fällt die Sprachbarriere weg, er weiß über spezielle Bräuche oder Eigenheiten bescheid und kann so besser auf die Bedürfnisse dieser Menschen eingehen und eventuell auftretende ,Fettnäpfchen‘ vermeiden.

"Ziel ist es, die Struktur um Helfer aus den
einzelnen Kulturkreisen zu erweitern."

Aus Kreisen, die wenig für Flüchtlinge übrig haben, kommt oft der Vorwurf, man solle sich lieber um „eigene Probleme“ kümmern. Was entgegen Sie hierauf?
Karl Immervoll:
Damit bin ich immer wieder konfrontiert, weil unser Hauptaufgabengebiet die Betreuung von Arbeitslosen ist. Aber Arbeitslose und Flüchtlinge sind kein Widerspruch. Es gibt unter den Flüchtlingen viele sehr gut ausgebildete Leute. Es gibt in Heidenreichstein etwa einen Internisten, der in seinem Land Primar war und dort etwa österreichische Touristen behandelt hat. In Österreich darf er nicht einmal als Pfleger arbeiten, weil seine Zeugnisse bei uns nicht nostrifiziert werden. Es gibt unter den Flüchtlingen viele, die unsere Wirtschaft brauchen würde und wir lassen sie nicht arbeiten. Hingegen sind – leider – viele österreichische Arbeitslose von der Wirtschaft nicht gefragt.

Wie ist es um Deutschkurse für die Flüchtlinge bestellt?
Karl Immervoll: Wir bieten Kurse in drei Gruppen je nach Level an, die von ehrenamtlichen Mitarbeitern gehalten werden. Der Wille, Deutsch zu lernen, ist bei den Flüchtlingen sehr groß. Unsere Räumlichkeiten werden bald zu klein, daher werden wir damit auch in die Volksschule übersiedeln. Problematisch ist, dass es keine einheitlichen Lernutensilien von offizieller Seite gibt. Wir planen daher, bei der Druckerei Janetschek Unterrichtsbücher drucken zu lassen.

"Der Wille, Deutsch zu lernen,
ist bei den Flüchtlingen sehr groß."

Es gibt bereits die Forderung, dass in den Gemeinden „Integrationsbeauftragte“ installiert werden sollen. Eine gute Idee?
Karl Immervoll.
Ja, diese Idee halte ich für sinnvoll.
Ulrike Immervoll: Das wäre aber eine Funktion, die über das Ehrenamt hinaus geht. Man müsste dafür bezahlt werden. So eine Person könnte Hilfsangebote in der Gemeinde koordinieren, zu den ersten Besuchen mitgehen. Er müsste aber auch Zugang zu allen Daten, etwa zu den Quartieren oder Anzahl der Flüchtlinge haben. Das haben wir ja leider nicht.

Wie viel Zeit stecken Sie in ihr Engagement?
Karl Immervoll: Es geht manchmal an die Belastungsgrenze. Aber wir helfen, weil es getan werden muss. Wir hoffen auf Unterstützung und haben ein Spendenkonto für unsere Arbeit eingerichtet. (Kontonummer: AT21 4017 0730 7242 0000)