Erstellt am 04. März 2016, 00:39

von Hermann Knapp

Aigner: „Betriebe werden ausgelaugt“,. Amstettens Bezirksbauernkammerobmann Josef Aigner hält wenig von Milchbädern, kritisiert die Sanktionen gegen Russland und ortet ein Umdenken der Konsumenten hin zur Regionalität.

»Europa sitzt auf seinen Erzeugnissen und schaut zu, wie andere Länder den Markt in Russland übernehmen«, ärgert sich Bezirksbauernkammerobmann Sepp Aigner. Die EU müsse die Sanktionen aufheben.  |  NOEN, Hudler

NÖN: Der Milchpreis ist derzeit im Keller. Ein Jungbauer aus St. Leonhard am Walde bietet daher Milch für Vollbäder an. Ist das aus Sicht der Kammer die richtige Strategie, um auf die Probleme der Milchbauern aufmerksam zu machen?
Aigner: Wie es da gemacht wird, halte ich das eher für eine unglückliche Geschichte. Ein Milchbad in einer Baggerschaufel ist sicher kein ideales Zeichen. Wenn schon, dann gäbe es ja auch ästhetischere Fotos zu diesem Thema. Mir ist klar, dass der Kollege aufzeigen wollte, dass das Produkt, das wir erarbeiten nichts mehr wert ist, aber wirklich glücklich ist diese Aktion nicht. Ich glaube auch nicht, dass sich viele Leute Milch für ein Vollbad kaufen werden.

Lassen wir den Aktionismus einmal beiseite. Ist die Situation auf dem Milchsektor wirklich so trist?
Die Gmunder Molkerei und auch die NÖM haben den Preis gesenkt und die Bergland hat auch nachgezogen. Er liegt jetzt schon unter 30 Cent pro Liter (mit 3,4 Prozent Eiweiß und 4,2 Prozent Fett). Tatsache ist, dass der Bauer von diesem Preis gerade noch leben kann, aber für Investitionen bleibt da kein Spielraum mehr. Die Betriebe werden ausgelaugt und sie veraltern.

Was ist der Grund für den niedrigen Preis. Ist er auch eine Folge der Freigabe der Milchquote?
Ich glaube nicht, dass die Quote der große Auslöser ist. Es gibt zurzeit sehr viel Milch am Markt. Einige Länder haben die Produktion hinaufgefahren, wie etwa Holland, Irland, Deutschland und Dänemark. Was uns aber wirklich weh tut, sind die Sanktionen gegen Russland im Ukraine-Konflikt. Man muss wissen, dass 20 Prozent aller Agrarprodukte Europas an Russland gingen. Jetzt bleiben wir auf unseren Erzeugnissen sitzen und müssen zuschauen, wie andere diesen Markt übernehmen – Asien, Kanada, Neuseeland. In Europa werden die Produkte auf Lager gelegt, aber die Lager muss man ja auch wieder einmal leeren und das drückt dann wieder auf den Preis. Betroffen von dieser Misere sind nicht nur die Milchbauern. Der Preis für Schweinefleisch ist ja auch schon seit mehr als einem Jahr sehr niedrig und anscheinend kommen jetzt auch Jungstiere unter Preisdruck.

Was also ist zu tun, um die Situation zu verändern. 
Ich bekomme die Frage bei Versammlungen öfter gestellt. Wenn ich dann selbst in den Saal hinein nach Ideen frage, wie man die Preisspirale nach unten unterbrechen kann, herrscht Schweigen. Wir vor Ort können nichts tun und auch Österreich – wir produzieren 1,5 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte Europas, die liebend gerne andere übernehmen würden – kann wenig tun. Handeln muss die EU, indem sie zum Beispiel die Sanktionen gegen Russland aufhebt.

Die Bauernkammer fährt ja schon lange den Kurs, den Konsumenten die regionalen Produkte schmackhafter zu machen. Hilft das beim Absatz?
Ja, wir versuchen natürlich, die Regionalität zu forcieren und es hat auch schon ein Umdenken bei den Konsumenten stattgefunden. Viele sind bereit, dem Landwirt seine Bemühungen um Qualität auch abzugelten. Aber das löst das grundsätzliche Preisproblem nicht, denn das spielt sich eben auf internationaler Ebene ab.

Glauben Sie, dass Betriebe im Bezirk das Handtuch werfen?
Gefühlsmäßig würde ich sagen, dass zwar darüber geredet wird, es aber noch niemand macht. Gewissheit werden wir erst im April oder Mai haben, wenn die Mehrfachanträge hereinkommen. Es ist ja auch nicht so einfach, den Betrieb einfach still zu legen. Die Betreffenden brauchen auch eine Alternative.

Dieser Tage kommen ja auch die ersten Bescheide über die Neufestlegung der Einheitswerte. Wie trifft das die Landwirte?
Grundsätzlich sind wir ja sehr froh, dass der Einheitswert erhalten blieb, denn davon leiten sich 14 Steuern und Gebühren ab. Der Verkehrswert wäre insofern nicht gerecht, weil der Grund und die Gebäude ja die Produktionsgrundlagen für die Bauern sind und keine Handelsware. Für die Wohngebäude wird künftig ohnehin auch in der Landwirtschaft der Verkehrswert gelten. Wie die Neufestsetzung die Bauern trifft, ist von Betrieb zu Betrieb verschieden. Grundsätzlich muss man sagen, dass der Einheitswert in den letzen 30 Jahren ja gleich geblieben ist. Die Anpassung wird daher anerkannt, auch wenn sie schmerzlich ist und für viele Betriebe höhere Steuern bedeutet. Was halt derzeit überhaupt nicht zusammenstimmt, ist, dass die Steuern steigen, die Einnahmen durch die schlechten Produktionspreise aber sinken.

Bei all diesen Problemen: Sind Sie nach einem Jahr im Amt noch immer gerne Kammerobmann?
Ja. Es ist einfach wichtig, dass die Bauernschaft eine aktive und starke Interessensvertretung hat. Unser neues Kammergebäude hat sich da auch bestens bewährt. Ich bin den Landwirten sehr dankbar, dass sie den Bau ermöglicht haben.


Bezirksdaten

Insgesamt gibt es im Bezirk etwa 2.400 bäuerliche Betriebe.

Der Bezirk ist mit 1,3 Großvieheinheiten pro Hektar der viehintensivste Österreichs.