Erstellt am 03. Mai 2016, 04:14

von Doris Schleifer-Höderl

Armut wird in der Region spürbar. Im Bezirk und in Amstetten können sich immer mehr Menschen das Leben nicht mehr leisten – vor allem 21- bis 40-Jährige.

SOMA-Regionalmanagerin Anneliese Dörr, Sozialstadtrat Gerhard Riegler, SOMA-Öffentlichkeitssprecherin Monika Thurner und Marktleiterin Inge Höblinger sind sich einig, dass Armut zunimmt. Fotos: Schleifer-Höderl  |  NOEN, Schleifer-Höderl
Obwohl im Bezirk Amstetten laut Einkommensanalyse der Arbeiterkammer Niederösterreich aus dem Jahr 2014 das Medianeinkommen 2.207 Euro betrug und damit um 9,6 Prozent über dem Landesschnitt lag, gibt es immer mehr Menschen, denen es schwerfällt, ihr Leben zu finanzieren.

Das zeigt sich an der Zahl der Mindestsicherungsbezieher, die in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen ist – von 482 im Jahr 2011 auf 680 im Jahr 2016. Allein in der Stadt Amstetten hat sich ihre Zahl von 237 im Jahr 2011 auf heuer schon 334 erhöht.

Sozialstadtrat sieht dringende Notwendigkeit

Für Sozialstadtrat Gerhard Riegler ist daher auch die Armutsbekämpfung eine dringende politische Notwendigkeit.

„Einerseits braucht es arbeitsmarktpolitische Maßnahmen – da sind auch die Wirtschaft und die Unternehmen gefordert – andererseits aber natürlich auch soziale Maßnahmen. Wir arbeiten daher auch eng mit sozialen Vereinen und Organisationen zusammen“, sagt der SPÖ-Politiker.

Insgesamt hat die Stadt im Vorjahr rund acht Millionen Euro im Sozialbereich aufgewendet. Davon entfielen allein 533.983,02 Euro auf Sozialhilfe-Umlage und den Wohnsitzgemeindebeitrag, den Amstetten ans Land Niederösterreich abliefern muss.

Familien tappen immer öfter in die Armutsfalle

„Wir zahlen somit die Hälfte der Gesamtsumme, die die Mindestsicherungsbezieher in Amstetten erhalten. Vor allem Alleinerzieher, kinderreiche Familien, Langzeitarbeitslose, Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft sowie gering Qualifizierte driften immer öfter in die Armut ab.

Interessant: Personen mit Lehrabschluss sind nur halb so oft betroffen wie Menschen, die nur einen Pflichtschulabschluss haben. Der logische Schluss daraus: „Es ist sehr wichtig, dass jeder junge Mensch eine Ausbildung erhält, die über den Pflichtschulabschluss hinausgeht“, betont Riegler.

Auch im Sozialmarkt Amstetten wird immer spürbarer, dass die Armut steigt. „Wir haben 2009 geöffnet. Zwei Jahre später hatten wir bereits 533 Einkaufspässe ausgestellt, mittlerweile sind es 1.424. Alleine heuer haben wir bis dato 181 Pässe ausgegeben oder verlängert“, berichten Marktleiterin Inge Höblinger und Regionalmanagerin Anneliese Dörr.

Im SOMA dürfen Einpersonenhaushalte mit einem monatlichen Netto-Einkommen von bis zu 900 Euro und Zweipersonenhaushalte mit monatlich bis zu 1.350 Euro einkaufen. Im Vorjahr haben täglich an die 92 Personen den Markt in der Wagmeisterstraße 7 frequentiert.

Die am stärksten vertretene Gruppe unter den Kunden ist mit 27 Prozent jene der Asylwerber, gefolgt von Arbeitssuchenden und Pensionisten mit je 26 Prozent. „Wir registrieren, dass die Einkaufsberechtigten immer jünger werden. Derzeit sind die 31- bis 50-Jährigen mit 43 Prozent die Hauptgruppe und die bis zu 30-Jährigen machen 19 Prozent aus“, sagt Höblinger.

Häufig Schlangen vor Carla-Laden

Im Caritas-Laden am Amstettner Hauptplatz 36 bietet sich ein ähnliches Bild. Laut Christian Köstler, dem Leiter der Pfarrcaritas und Carla-Leiterin Grete Gamper gab es im Vorjahr eine 20-prozentige Steigerung beim Verkauf von Bekleidung, Schuhen sowie Bettwaren, Geschirr und Dekorationsartikeln. „Allein im ersten Quartal dieses Jahres hatten wir schon wieder um 20 Prozent mehr Warenabgang. Zudem hat sich die Anzahl jener Leute, die über die Sozialberatung der Caritas zu Carla kommen, schon 2015 fast verdoppelt!“

Man stoße allmählich an die Kapazitätsgrenze, betont Carla-Leiterin Grete Gamper. „Es vergeht kaum ein Tag, an dem sich nicht schon vor dem Öffnen Schlangen vor unserem Geschäft bilden.“

Neben Alleinerzieherinnen und Pensionisten kommen auch immer mehr Familien und natürlich Asylwerber. „Wir kommen kaum mit dem Nachbestücken der Ware im Verkaufsraum nach. Besonders bei der Kinderbekleidung kommt es sogar zu Engpässen.“

Köstler und Gamper vermuten, dass die Spitze des Eisberges noch lange nicht erreicht ist. „Also wer glaubt, in der Stadt Amstetten und im Bezirk gäbe es keine Armut, der irrt sich gewaltig!“


Mindestsicherung

Die Entwicklung der Mindestsicherungsbezieher:

  • 2011 gab es in Amstetten 237 Mindestsicherungsbezieher, im restlichen Bezirk 245, gesamt: 482. Die meisten in der Altersgruppe der 41- bis 60-Jährigen

  • 2012: in Amstetten 239, im restlichen Bezirk 250, gesamt: 489. Die meisten in der Altersgruppe der 41- bis 60-Jährigen

  • 2013: in Amstetten 239, im restlichen Bezirk 261, gesamt: 500. Die meisten in der Altersgruppe der 21- bis 40-Jährigen

  • 2014: in Amstetten 283, im restlichen Bezirk 275, gesamt: 558. Die meisten in der Altersgruppe der 21- bis 40-Jährigen

  • 2015: in Amstetten 312, im restlichen Bezirk 313, gesamt: 634. Die meisten in der Altersgruppe der 21- bis 40-Jährigen

  • 2016: in Amstetten 334, im restlichen Bezirk 346, gesamt: 680. Die meisten in der Altersgruppe der 21- bis 40-Jährigen

  • (Quelle: Amt der Niederösterreichischen Landesregierung)

Bedarfsorientierte Mindestsicherung in NÖ pro Monat:

  • Alleinstehende u. Alleinerzieher: 837,76 Euro, für (Ehe)Paare: Euro 1.256,64; für jede weitere erwachsene u. unterhaltspflichtige Person: 418, 88 Euro für Personen in einer Wohngemeinschaft ohne gegenseitige Unterhaltsansprüche: 628,32 Euro für minderjährige Kinder mit Anspruch auf Familienbeihilfe: 192,68 Euro

(Quelle: Land Niederösterreich)

Mindestsicherung gekürzt

  • Im Februar hat der Niederösterreichische Landtag beschlossen, subsidiär Schutzberechtigten (Anm.: Menschen, deren Asylantrag abgewiesen wurde, die aber auch nicht abgeschoben werden können, etwa weil ihnen in ihrem Heimatland Gefahr für Leben oder Gesundheit droht) den Bezug aus der bedarfsorientierten Mindestsicherung (BMS) in Form von Aufstockungsleistungen zur Grundversorgung zu streichen und die Wohnbeihilfe in der Mindestsicherung anzurechnen.

  • Mindestsicherungsbezieher wurden außerdem zu Deutschkursen verpflichtet.