Erstellt am 16. Februar 2016, 05:29

von Daniela Führer

In Griechenland geholfen: „Jede Minute war eine Herausforderung“. Die 22-jährige Weistracherin Sarah Graf hilft freiwillig und auf Eigenregie in Griechenland bei der Erstversorgung von Flüchtlingen.

Sarah Graf und Stefan Schütz waren über Neujahr auf der Insel Chios in Griechenland. Dort versorgten sie die ankommenden Flüchtlinge mit Essen, Medikamenten und Kleidung - auch mit selbst organisierten Kleider- und Geldspenden. Foto: privat  |  NOEN, privat
Am vergangenen Samstag brach Sarah Graf aus Weistrach erneut nach Griechenland auf. Zum dritten Mal binnen weniger Wochen nahm die 22-Jährige eine strapaziöse Reise auf sich: 24 Stunden Auto- und zehn Stunden Schifffahrt bis zum Ziel, der Insel Chios. Dort kümmert sie sich bis 6. März freiwillig um die Erstversorgung von Flüchtlingen.

„Patrouillierten an Küste im Schichtbetrieb“

Über Weihnachten und Neujahr absolvierte sie auf Chios schon gemeinsam mit ihrem Freund Stefan Schütz einen Hilfseinsatz – selbst organisiert, ohne fremde Hilfe und auch zum Teil ohne konkreten Plan. „Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute war eine Herausforderung. Man weiß einfach nie, was einen erwartet“, schildert der 23-jährige Krankenpfleger in Ausbildung Stefan Schütz.

Er und Sarah Graf kümmerten sich gemeinsam mit rund 30 Volontären aus zehn verschiedenen Ländern gut eine Woche um die Versorgung tausender Flüchtlinge. Diese kamen meist in völlig überfüllten Schlauchbooten aus dem rund zehn Kilometer entfernten türkischen Cesme auf der griechischen Insel Chios an.

„Die Boote landeten fast immer nachts. Wir Freiwillige patrouillierten an der Küste im Schichtbetrieb“, erzählt Sarah Graf. „Sobald wir ein Boot sichteten, halfen wir den Menschen, an Land zu kommen. Oft waren bis zu 65 Leute darin, bei eisiger Kälte und völlig durchnässt. Wir gaben ihnen als erstes warme Kleidung und Wasser zu trinken. Man muss schnell handeln und schauen, wer akut Hilfe braucht. Kinder hatten immer Priorität, manche von ihnen waren so durchnässt, als wären sie ins Wasser gefallen.“



Jeder Ankömmling erhielt ein trockenes Paar Socken und ein Plastiksackerl über die Füße. Viele hatten gar keine Schuhe mehr an.

Nach der Erstversorgung wurden die Flüchtlinge mit Bussen in ein Registrierungsbüro gebracht. „Danach, und das ist so wahnsinnig an der ganzen Situation, können sie mit der offiziellen Fähre um 30 Euro nach Athen weiterreisen. Doch für die Strecke von Cesme nach Chios, die für normal Reisende nur ein paar Euro kostet, müssen sie eine lebensgefährliche Schlauchbootfahrt um 600 Euro pro Person auf sich nehmen“, verdeutlicht Sarah.

Besonders prekär war die Lage zu Neujahr: „Zwischen 3 und 9 Uhr morgens kamen 30 Boote an, zwischen 1.500 und 2.000 Leute waren auf einem Schlag da“, berichtet die 22-Jährige.

„Mediziner kamen im Urlaub nach Chios“

Mit selbst organisierten Kleider- und Geldspenden versorgten Sarah und Stefan die Flüchtlinge. „Sie müssen sich alles selbst kaufen oder sind, wenn sie kein Geld haben, auf uns Freiwillige angewiesen, dass wir ihnen Essen oder Medikamente besorgen. Von offizieller Seite gibt es keine Grundversorgung“, zeigt die 22-Jährige auf.

Generell sei von einer Unterstützung durch die griechische Regierung nichts zu spüren gewesen. „Es sind nur Polizisten im Registrierungsbüro da, sonst sieht man aber nirgendwo Polizei oder Hilfsorganisationen, obwohl Chios eigentlich zu einem Hotspot erklärt wurde“, sagt Sarah.

„Die medizinische Versorgung der Menschen, die zu 90 Prozent verkühlt und krank waren, wurde von einem einzigen Arzt und drei Krankenschwestern übernommen. Diese sind aber auch voll berufstätig und kamen freiwillig in ihrem Urlaub aus Spanien nach Chios, um zu helfen“, verdeutlicht Stefan die schwierige Situation für die freiwilligen Helfer, die nur begrenzt vor Ort sein können. Er selbst half täglich von 8 bis 17 Uhr in einer provisorischen Krankenstation mit.

Bei zwei Vorträgen letzten Donnerstag in Zeillern und vorletzte Woche in Weistrach berichteten Sarah und Stefan von ihren Erlebnissen in der aktiven Flüchtlingshilfe an Brennpunkten in Europa.

Vor dem Einsatz in Chios war Sarah Graf, die im Sommer ihre Ausbildung zur Sozialarbeiterin an der Fachhochschule in St. Pölten abgeschlossen hat, auch schon in Idomeni an der mazedonisch-griechischen Grenze sowie in Athen als Flüchtlingshelferin aktiv. Was sie dazu bewegt? „Wenn man sieht, wie sehr die Hilfe gebraucht wird – das motiviert total weiterzumachen.“


Aktion Weitblick

Mit der „Aktion Weitblick“ starteten Sarah Graf, Stefan Schütz, Georg Hollinetz und Julia Wild als humanitäres Hilfsprojekt in Europa und an der europäischen Außengrenze.

Ziel ist es, dort wo keine Unterstützung von der Politik gegeben ist, Flüchtlinge erstzuversorgen – mit Nahrung, Wasser, Kleidung und medizinischer Versorgung.

Das Projekt ist freiwillig, unbürokratisch, transparent und selbstorganisiert. „Finanzielle Unterstützung kommt zu 100 Prozent bei den Flüchtlingen an“, unterstreicht Sarah Graf.

Spendenkonto: Aktion Weitblick; IBAN: AT48 3203 3000 0081 9383

Auf der Facebookseite facebook.com/AktionWeitblick informieren die Verantwortlichen über Einsätze, Veranstaltungen und Aktionen.