Herzogenburg

Erstellt am 19. Oktober 2016, 05:48

von Hans Kopitz

Vortrag: "Meine Sorge gilt Europa!“. Nahostexpertin Karin Kneissl referierte im Augustinussaal. Sie warnt vor dem Zerfall des Kontinents, hat selbst aber wenig Hoffnung: „Es gibt keinen Grund zu großem Optimismus.“

Propst Maximilian Fürnsinn (links) und Meinrad Stipek, Leitender Komtur des Ritterordens der Komturei St. Pölten, begrüßten die Nahostexpertin Karin Kneissl im Augustinussal des Stiftes.  |  NOEN, Hans Kopitz

Volles Haus gab am vergangenen Samstag im Augustinussaal des Stiftes. Nahostexpertin Karin Kneissl nahm auf Einladung der St. Pöltner Komturei des Ritterordens vom Heiligen Grab und des Katholischen Bildungswerkes zum Thema „Die Flüchtlingskrise und ihre Auswirkungen“ Stellung.

Propst Maximilian Fürnsinn begrüßte im Namen des Stiftes, des Ritterordens und des Bildungswerkes die Expertin und „unkomplizierte“ Frau - und das ist laut Propst ein Kompliment eines zölibatären Klosterangehörigen -, denn die Flüchtlingssituation um Krieg und Zerstörung brenne den Menschen unter den Nägeln. Fürnsinn: „Und sie fragen sich, woher kommt das Böse und wie wird es weitergehen?“

Keine Jugendlichen unter den Zuhörern

Unter den Zuhörern gab es nur „reifere“ Semester - Caritas-Direktor Hannes Ziselsberger bezeichnete sich mit seinen 46 Jahren selbst als einer der jüngsten Gäste. Die Flüchtlingskrise dürfte demnach offenbar kein Thema für Jugendliche sein, obwohl es auch oder gerade sie betrifft, denn laut Kneissl steht Europas Zerfall vor der Tür: „Es gibt keinen Grund zu großem Optimismus.“

Die heutige Krise ist laut Kneissl keine Krise, die jetzt erst eingesetzt hat, sie ist nicht zuletzt eine Frage der damaligen kolonialen Aufteilung der Weltmächte. Die Problematik habe schon in den 80er Jahren begonnen und werde heute verschärft durch Satellitenübertragungen, durch die die Menschen über den eigenen Tellerrand hinaussehen können.

„Der Nahe Osten ist Europa sehr nahe und so versuche ich zu erklären, warum die Situation ist, wie sie ist, verworren und oft voller Überraschungen. Wir können uns den Umbrüchen in dieser Weltecke nicht entziehen. Dass der Nahe Osten Europa sehr nahe ist, dafür sorgen die Menschen und die Geografie“, so die Expertin.

„Länder im Osten sind bereits abgesprungen“

Ihre große Sorge gilt nicht dem Nahen Osten, sondern Europa: „Weltrettungsaktionen bringen uns nicht weiter - in vielen Staaten sitzen Versager in der Verwaltung, viele Leute in anderen Kulturen schütteln über uns den Kopf.

Fragen wie: ,Was ist mein Radius, wo kann ich handeln, wie wird Europa in 15 bis 20 Jahren aussehen?‘ werden uns noch lange beschäftigen und viele beunruhigende Monate kommen auf uns zu. Wir haben hier eine Gesellschaft, die zerbricht - oder schon zerbrochen ist. Einige Länder im Osten sind bereits abgesprungen - eine europäische Lösung bezüglich Flüchtlingskrise wird es nicht geben.“

Es war ein an und für sich interessanter Abend, von dem aber einige Gäste, speziell die, die sich in Herzogenburg für Flüchtlinge engagieren, etwas enttäuscht nach Hause gingen. Sie hatten sich mehr Aufklärung gewünscht über die momentane Situation in den Ländern, aus dem ihre Schützlinge kommen. Viele Fachausdrücke komplizierten den Vortrag überdies.