Erstellt am 23. November 2015, 15:14

von Claudia Stöcklöcker

Sohn für Einbrecher gehalten und angeschossen: Vier Monate bedingt. Dass er seinen Sohn für einen Einbrecher gehalten und angeschossen hatte, hat einen 71-Jährigen aus dem Bezirk am Freitag in St. Pölten vor Gericht gebracht.

„Krachen hab’ ich wollen, damit die sehen, dass ich wehrhaft bin“, sagt ein 71-Jähriger aus Herzogenburg im Prozess am Landesgericht St. Pölten. Weil er glaubte, dass Einbrecher in sein Haus wollen, griff er zum Revolver und schoss durchs Fenster.

Eindringlinge waren es aber nicht, die sich da heuer im Juli zu schaffen machten. Sein eigener Sohn war es - und der 71-Jährige schoss diesen zwei Mal an. Nun sitzt der bislang Unbescholtene auf der Anklagebank, fahrlässige Körperverletzung wird ihm vorgeworfen.

„Ich lebe alleine im Haus und man hört immer wieder Geräusche. Ich hab’ unten sieben Fenster und hab’ geglaubt, es wären zwei Männer draußen. Ich hatte panische Angst“, erklärt der Pensionist, der im Besitz eines Waffenscheines war, vor Richterin Doris Zwettler-Scheruga.

"Hab keine Brille aufgehabt"

Und weiters: „Weil es heiß war, habe ich nicht im Mansardenzimmer geschlafen, sondern im Wohnzimmer, gleich neben dem Fenster. Als ich geschossen habe, hab’ ich keine Brille aufgehabt. Vielleicht hab’ ich dabei sogar die Augen zugedrückt. Und ich hab’ nicht gezielt. Ich hab’  aus der Hüfte geschossen. Es ist alles so schnell gegangen. Nach dem zweiten Schuss habe ich einen Schrei gehört.“

„Hilfe, ich bin angeschossen, ich verblute!“, schrie der verletzte Sohn nach der Schussattacke. Eine Nachbarin eilte zu Hilfe, verständigte die Rettung.

Laut Gerichtsmediziner Wolfgang Denk hatte ein Projektil den Unterkiefer verletzt, die zweite Kugel drang in Höhe des Jochbeins ein und hinter dem Ohr wieder aus.

Dass der Sohn zu später Stunde noch zum Vater kommt, damit habe der Angeklagte nicht gerechnet. „Er hat mich angerufen, gesagt: ‚Papa, wir sehen uns heute nicht mehr.‘ Er wollte bei einem Freund übernachten“, so der 71-Jährige.

Als es sich der Sohn dann anders überlegte, konnte dieser die Tür nicht aufsperren. Sein Vater hatte den Schlüssel innen im Schloss stecken gelassen. Deshalb versuchte der Pädagoge, mit einer Stange das Wohnzimmerfenster aufzuzwängen.

„Ein alter Mann in einer furchtbaren Situation“

Für Verteidiger Georg Thum handelt es sich um „eine klassische Putativnotwehrsituation“. „Er hat einen Angriff durch Einbrecher angenommen, hat um Leib und Leben gefürchtet“, sagt der Rechtsanwalt. Seit dem tragischen Vorfall sei sein Mandant „völlig fertig“, und es handle sich um „einen alten Mann, der in eine furchtbare Situation gekommen ist.“

Die Richterin verhängte über den 71-Jährigen vier Monate auf Bewährung. Das Urteil ist rechtskräftig.

NÖN.at hatte berichtet: