Erstellt am 26. Januar 2016, 05:53

von Alex Erber

Vier Zeugen, sechs Versionen. Mann sperrte Frau ein, nahm ihr die Schlüssel ab. Mutmaßliches Motiv: Eifersucht. Großfamilie versucht, den Angeklagten zu entlasten: WGattin gestand, dass sie bei Polizei log."

 |  NOEN, APA (dpa)

Es ist kein alltäglicher Prozess, der da am Landesgericht St.Pölten auf dem Programm steht: Eine türkische Großfamilie ist vorgeladen. Teils wohnt sie in Stollhofen, teils in Pottenbrunn.

Das Opfer, eine Frau, ist bereits in einer früheren Verhandlung einvernommen worden. Ebenso ihr Gatte als Angeklagter. Versuchte Nötigung und Freiheitsentziehung wird ihm vorgeworfen. Mutmaßliches Motiv: Eifersucht.

Als erste Zeugin kommt jetzt abermals eine Frau zu Wort. Die geborene Türkin wohnt in der Bundeshauptstadt, ihr hat sich die Stollhofnerin anvertraut: „Es war ein spontaner Besuch. Sie hat mir erzählt, dass sie bedroht und gestoßen worden ist. Sie war in keinem guten Zustand. Sie erzählte mir, dass sie Angst gehabt hatte, bei der Polizei die Wahrheit zu sagen. Sie konnte nicht aus der Wohnung. Ihr Mann hat ihr die Schlüssel und den Reserveschlüssel abgenommen.“ Die Schilderung klingt absolut glaubwürdig.

Frauen benötigen einen Dolmetscher

Dann marschiert die Großfamilie auf. Insgesamt handelt es sich um vier Zeugen, die versuchen, den Angeklagten zu entlasten. Detail am Rande. Während zwei Frauen nur Türkisch beherrschen und ein Dolmetscher zu Rate gezogen werden muss, parlieren die Herren abwechselnd in Hochdeutsch und im Dialekt.

Es wird ein Streit zwischen dem Angeklagten und dem Opfer eingeräumt. Aber von Nötigung oder Freiheitsentziehung könne keine Rede sein. Denn die Stollhofnerin habe nach dem Konflikt die Großfamilie aufgesucht und unter Tränen gestanden, bei der Polizei die Unwahrheit gesagt zu haben: „Es ist zur Versöhnung gekommen“, lautete der einhellige Tenor. Die Gretchenfrage von Richter Slawomir Wiaderek, ob das Opfer eine Begründung geliefert habe, warum es bei der Polizei gelogen habe, konnte nicht schlüssig beantwortet werden. Je intensiver der Richter die Zeugen ins Gebet nimmt, umso mehr Widersprüche tun sich auf.

Irgendwann reicht es: „Bei den Angaben des Angeklagten handelt es sich um eine Schutzbehauptung, ich habe vier Zeugen und sechs Versionen“, sagt der Richter und verkündet das Urteil: sieben Monate bedingte Haft wegen versuchter Nötigung und Freiheitsentziehung, 480 Euro unbedingte Geldstrafe samt Weisung zum Besuch eines Anti-Aggressions-Trainings. „Bei der nächsten Verurteilung werden Sie ziemlich sicher sitzen. Ich hoffe, ich kann Sie aus Ihrem Verhaltensmuster herausholen“, appelliert der Richter.