Erstellt am 21. Juli 2016, 04:00

von Christoph Reiterer und Karin Widhalm

Kritik: Lange Dauer bei Nachbesetzungen. Heimdirektoren im Bezirk bestreiten Probleme bei Nachbesetzung, aber …

Horst Winkler: „Durchgehende Besetzung ist der Grundboden eines guten Dienstleisters.“  |  zVg

Entsetzt zeigte sich Horst Winkler, Direktor im Landespflegeheim Retz, nach dem vorwöchigen NÖN-Bericht „Betriebsrat fordert Personal“. Betriebsräte der Landeskliniken und Pflegeheime kritisieren in einem an die Politik gerichteten Schreiben: Es sei gängige Praxis, dass Nachbesetzungen erst nach Monaten erfolgen. „Das entspricht in keinem Fall der gelebten Praxis in unserem Haus“, betont Winkler.

Das bestätigt Sabine Ernst, Betriebsrätin im Retzer Heim und bei der Gewerkschaft engagiert. Zögerliche Nachbesetzungen beobachte sie an ihrem Arbeitsplatz „Gott sei Dank nicht“. Im Gegenteil: Retz könne durchaus als Vorbild gelten. „Wir sprechen uns rechtzeitig ab und reagieren flott.“

„Ich habe mich dem Zentralbetriebsrat solidarisch angeschlossen“, ergänzt sie aber, dass sie das Anliegen sehr wohl unterstützt. „Besonderes in Krankenhäusern wird die Nachbesetzung von Stellen bewusst verzögert, um Personalkosten zu sparen.“ Das betreffe auch Pflegeheime, wenn auch nicht so extrem. Die Strategie belaste die Kollegenschaft, die in solchen Fällen einspringen müsse.

Winkler berichtet, dass Nachbesetzungen in Retz bereits einen Monat vor dem Ausscheiden eines Arbeitnehmers erfolgen würden. „Da bleibt Zeit für die Einarbeitung.“ Krankheitsbedingte Ausfälle würden durch Ersatzpersonal kompensiert werden. „Die zur Verfügung gestellten Planstellen sind alle besetzt“, so der LPH-Chef.

Markus Mattersberger: „Erwartungshaltung von Angehörigen, Personal und Bewohnern steigt.“  |  zVg

Natürlich könne man diskutieren, ob die zur Verfügung stehenden Planstellen ausreichen, räumt Winkler ein. Die Zuteilung erfolge auf Basis der Pflegeplätze-Anzahl und des tatsächlichen Pflegeaufwandes. „Das ist in ganz Niederösterreich gleich. Wir sind im Bundesländer-Vergleich ein bisschen hinter Wien, aber weit vor der Steiermark, Tirol oder dem Burgenland.“ Das System hält er für gut: „Es ist sehr flexibel und reagiert auf den Pflegebedarf.“

Vier Zivildiener, bis zu zwei Teilnehmer des Freiwilligen Sozialen Jahres, vier Klienten der Caritas-Behinderteneinrichtung in Retz und im Sommer acht Ferialpraktikanten werden zusätzlich als Unterstützung eingesetzt. „Die Mitarbeiter leisten Großartiges für die pflege- und betreuungsbedürftigen Menschen. Sie begleiten die Senioren mit Empathie und Herzblut und gehen auch Beziehungen mit den Bewohnern ein“, betont Winkler. Das könne nur geleistet werden, wenn auch genügend Personal vorhanden ist.

Markus Mattersberger, Direktor im Landespflegeheim Hollabrunn und Präsident des Bundesverbandes der Alten- und Pflegeheime Österreichs (Lebenswelt Heim), bestätigt, dass die Nachbesetzung auch in Hollabrunn problemlos funktionieren würde. Allerdings könnte man natürlich andere Angebote und Therapieformen anbieten, wenn es generell mehr Personal geben würde: „Die Erwartungshaltung von Angehörigen, Fachpflege und den Bewohnern selbst steigt permanent.“

 „Die Planstellen sind alle besetzt … Das System ist sehr flexibel und reagiert auf den Pflegebedarf.“

Horst Winkler, Direktor im Landespflegeheim Retz 

Zu den Paradebeispielen würden die skandinavischen Länder zählen, wo multiprofessionelle Teams mit einem großen, abgestimmten Angebot gang und gäbe seien. In Österreich sei das System mehr auf den Betreuungsaspekt zugeschnitten und darauf, die Alltagsnormalität herzustellen.

Mit der aktuellen Novelle im Gesundheits- und Krankenpflegegesetz werde aber ohnehin eine Diskussion über eine Reform der Ressourcenverteilung losgetreten. Man werde sehen, welchen Mix die neue Einteilung in Pflegeassistenz, Pflegefachassistenz und gehobenem Dienst mit sich bringe. Wichtig wäre es jedenfalls, so Mattersberger, das Berufsbild als solches zu attraktivieren, um aus einem größeren Pool an Kandidaten auswählen zu können.