Erstellt am 29. Oktober 2015, 04:12

von Karin Widhalm

„Brauchen eine Kultur der Achtsamkeit“. Die Caritas dokumentierte historische Gewaltvorfälle in ihren Einrichtungen und will mehr präventive Schritte setzen.

Pressekonferenz mit (v.l.): Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner, Autorin Tanja Kraushofer, Präsident Michael Landau und den Mitgliedern des Expertenbeirats, Regina Studener-Kuras, Werner Leixnering und Kurt Scholz. Foto: Karin Widhalm  |  NOEN, Karin Widhalm
„Der Bub war so blau geschlagen, das können Sie sich nicht vorstellen.“ Der Bericht einer Fürsorgerin ist kein Einzelfall im sogenannten Bubenheim in Retz. Personen aus der Heimleitung, Erziehungsleitung und dem Personal übten „jede Form von physischer und sexueller Gewalt“ aus.

Das hält ein druckfrischer Bericht fest, den die Caritas der Erzdiözese Wien in Auftrag gegeben hat und bei einer Pressekonferenz im Café Griensteidl (Wien) in der Vorwoche präsentierte.

„Das Geschehene tut mir als Mensch leid“

Die Caritas hat mit Gewaltpräventionsbeauftragter Tanja Kraushofer und einem externen Expertenbeirat Gewaltfälle in Retz, Lanzendorf, Am Himmel und Lacknergasse aufgearbeitet. Die bisher bekannten Vorfälle trugen sich mehrheitlich in den 1950er- bis 1970er-Jahren zu.

Generalsekretär Klaus Schwertner berichtet von 48 Menschen, die sich an die Caritas oder Klasnic-Kommission wandten. Die Betroffenen seien ermutigt worden, Anzeige zu erstatten. Die Caritas habe bisher 366.000 Euro an „Gestenzahlungen“ und für Therapiekosten geleistet. „Dass weitere Betroffene folgen werden, ist anzunehmen“, fügt Schwertner hinzu.

Für Caritas-Präsident Michael Landau ist es „schmerzlich“, dass Kinder und Jugendliche wiederholt körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt waren. „Das Geschehene tut uns als Organisation, es tut mir als Mensch leid. Als Person, der ich dieser Organisation vorstehe, möchte ich mich bei all jenen, die in der Vergangenheit Opfer von Gewalt in Einrichtungen der Caritas wurden, aufrichtig entschuldigen.“ Jetzt soll alles unternommen werden, „damit es nicht noch einmal dazu kommt“.

Der Bericht, an dem Tanja Kraushofer ab Herbst 2012 arbeitete (siehe auch weiter unten), trägt bewusst den Titel „Erinnern hilft Vorbeugen“. Die Einrichtungen existieren heute in dieser Form nicht mehr.

Die Klientel hat sich großteils verändert. Die Gruppen sind kleiner. Das Personal ist fachlich versierter. Instrumente der Selbstvertretung (wie Interessenvertretungen der Klienten) wurden etabliert. Dennoch: „Wir stehen heute nicht am Ende eines Weges, sondern am Beginn. Wir werden ihn mit aller Entschiedenheit weiterverfolgen“, so Schwertner.

Caritas richtet Stelle für Gewaltprävention ein

Die Caritas hat eine neue Stelle, die weitere präventive Schritte ausloten soll, geschaffen. Ein erarbeitetes Konzept soll dafür in der gesamten Organisation verankert werden. Befragungen von Mitarbeitern und Klienten sollen in regelmäßigen Abständen durchgeführt werden. „Bei Gewaltprävention darf es keine Schlussstrich-Mentalität geben. Wir brauchen eine Kultur der Achtsamkeit, des Hinsehens und des Respekts“, unterstrich Landau.

Der externe Expertenbeirat sieht die Caritas als Vorbild. Für Werner Leixnering, Facharzt für Psychiatrie und Mitglied der Klasnic-Kommission, ist es „erfreulich“, dass sich die Caritas nicht nur ihrer Vergangenheit zuwendet, sondern „auch in die Zukunft blicken will“. Das Thema Gewalt sei heute „enttabuisiert“, trotzdem müssten Vorkommnisse artikuliert werden. „Gerade da sind die Organisationen gefordert, damit das möglich ist, was die Caritas unserem Eindruck nach engagiert tut: die Gewaltprävention.“

Kurt Scholz, ehemaliger Sonderbeauftragter für Restitutions- und Zwangsarbeiterfragen und Mitglied der Klasnic-Kommission, fordert im Übrigen von der Republik Österreich, eine Gewaltpräventionsplattform einzurichten. „Die Caritas könnte als Rollenmodell dienen.“

Er führt statistische Werte an: 1.600 Fälle habe die Klasnic-Kommission bearbeitet. Ein Bruchteil davon betreffe die Caritas: 50 Fälle, davon 33 in Retz. Das solle allerdings nicht als Verharmlosung verstanden werden. Die meisten Vorfälle geschahen zwischen 1950 und 1980: Ein Hinweis für Scholz, dass die Gewalt abgenommen habe. „Da hätte sich die Caritas Wien leicht verstecken können“, weist er darauf hin.

NÖN.at hatte vergangene Woche berichtet:


Zitiert: „Es hot jo kana einigschaut …“

„Wenn die Maden ausse kreuln ausm Salot ..., also des hab i ois net gessen.“
Zögling, Bubenheim Retz

„... hats von alle Teller des zamputzen lassen ... Und i ... iss ... iss ... Dann hab i mi angspieben. Dann hab i des a nu essen dürfen.“
Derselbe. Er liebte Grießkoch.

„Dann ist ein ... Erzieher vorbeigegangen und hat [geflüstert]: Der sitzt im Keller eingesperrt ... Der Bub war so blau geschlagen, das können Sie sich nicht vorstellen.“
Fürsorgerin, Bubenheim Retz

„Das Ziel [war]..., möglichst wenig finanziellen Aufwand zu betreiben, um eine möglichst gute finanzielle Situation für die Caritas darzustellen ... in Retz [stand] für nichts Geld zur Verfügung.“
Zeitzeuge, der in Lanzendorf, Am Himmel und Retz tätig war und über die Zeit 1984 bis 1989 berichtet.

„Es hot jo kana einigschaut und i hobs hoit reden lossn.“
Ehemalige Betreuerin beschreibt vereinzelte Bemühungen in den 1960ern, den „Drill“ aufzuweichen.


„Das war Teil ihres Alltags“

Zum Buch | Tanja Kraushofer dokumentiert im Bericht Gewaltfälle: 50 wurden insgesamt gemeldet. 33 davon betreffen Retzer Einrichtung.

RETZ, WIEN | „Erinnern hilft Vorbeugen“: Der Titel lässt erahnen, dass die Caritas der Erzdiözese Wien Gewalt in ihren früheren Großeinrichtungen aufarbeiten und für eine Gewaltprävention arbeiten will.
Tanja Kraushofer arbeitete systematisch die Gewaltfälle auf.

Ihr dienten als Basis Interviews mit Zeitzeugen, einschlägige Untersuchungen und dokumentierte Fälle aus Gesprächen mit Opfern, die sich an die Caritas wandten. Sie untersucht Fürsorgewesen und gesellschaftliche Verhältnisse, beschreibt die Erziehung, die schlechte personelle Ausstattung und den ökonomischen Druck.

50 Fälle wurden insgesamt gemeldet, 33 betreffen Retz. 48 Personen sind betroffen, zwei Menschen erlitten in zwei Einrichtungen Gewalt. „Sie wurden geschlagen, misshandelt, gedemütigt, gequält“, so Kraushofer. „Das war Teil ihres Alltags.“

Meist wurde darüber geschwiegen. „Niemand wäre auf die Idee gekommen, Meldung zu erstatten.“ Wie es drinnen aussah, habe niemanden interessiert, schreibt Kraushofer. Sie beruft sich dabei auf Erzieher, die Ende der 1960er im Heim waren.

Der zweite Teil des Buches befasst sich mit der Präventionsarbeit. Kraushofer analysiert mithilfe von Mitarbeiter-Interviews den Status quo in den Einrichtungen, benennt Strukturen oder Bedingungen, die Gewalt fördern können, und beschreibt konkrete Präventionsmaßnahmen.

Verurteilung, Versetzung & Veränderung

  • 1950 wurde das Bubenheim mit 63 Kindern gegründet. Die Ausstattung war dürftig.

  • Ein Heimleiter des Bubenheimes (1951 bis 1957) wurde 1958 und 1965 wegen Unzucht und Missbrauchs von Zöglingen zu schwerem Kerker verurteilt.

  • 1979 droht die Schließung. Mitarbeiter protestierten.

  • 1980 wird die Tagesheimstätte als großer Dienstgeber gegründet. Die Pädagogik verändert sich.

  • 1984 wird ein neues Team mit Erziehungsleitung, pädagogischer Leitung und Wohngruppenleitung eingesetzt.

  • 1987 meldete der neue Heimleiter Misshandlung von Zöglingen durch einen Erziehungsleiter. Dieser wurde versetzt.