Erstellt am 30. Dezember 2015, 05:03

Die zehn wichtigsten Ereignisse im Jahr 2015. Politisch tut sich nach der Gemeinderatswahl einiges. Im Sektor Straßenbau – Spange Retzer Land, S 3-Ausbau – geht’s im Bezirk unerwartet zügig voran.

Foto des Jahres: Landesvater auf der Quetschn. Lukas Langer (r.) ist ein Multitalent: Er kann gleichzeitig trinken und Landeshauptmann Erwin Pröll eine Unterrichtsstunde im Ziehharmonikaspielen geben. Gelungen ist dieser Schnappschuss beim traditionellen Martiniloben im Radlbrunner Brandlhof unter der Schirmherrschaft der weingueter-weinviertel.at und der Volkskultur NÖ.  |  NOEN, Sandra FRANK

Hollabrunn: Trennung bei SPÖ und FPÖ

Die Sozialdemokraten beginnen den Trennungsreigen im Hollabrunner Gemeinderat. Bereits bei der Listenerstellung für die Gemeinderatswahlen im Jänner kommt es zu Unstimmigkeiten, die nicht mehr zu bereinigen sind. Die SPÖ verliert drei Mandate, hält an sechs Sitzen fest. Die interne Kritik am Führungsstil bleibt, obwohl sich Spitzenkandidat Werner Gössl nach der verlorenen Wahl aus dem Gemeinderat zurückzieht. Bezirksvorsitzender bleibt er.

Bald steht es vier – Josef Frank, Elke Stifter, Alexander Eckhardt und Elke Sklenar – gegen zwei – Jakob Raffel und Claudia Öller. Raffel wird seines Amtes als Stadtrat enthoben und durch Stifter ersetzt. Raffel und Öller werden aus Ausschüssen abberufen. Die Stadt-SPÖ schließt Frank und Co. aus dem Vorstand aus. Mitglieder der Sozialdemokraten sind aber nach wie vor alle sechs Mandatare.

Stadtrat Wolfgang Scharinger spricht Frank seit diesem Putsch als „Herr Revolutionsführer“ an. Doch auch FP-intern brodelt es gewaltig. Die Spaltung wird im November vollzogen, eine Schlammschlacht beginnt. Scharinger und drei weitere Mandatare verlassen die Partei und treten als „Liste Scharinger“ auf. Der Grund: Nationalratsabgeordneter Christian Lausch. Mit ihm kam es zum Bruch, Stichwort Hundegebell, doch die Landespartei steht hinter dem Parlamentarier. „Dann ist die Partei nicht mehr die richtige für uns“, sind sich die vier Abtrünnigen einig. „Reisende soll man nicht aufhalten“, entgegnet Lausch.
 

„Meilenstein“ und „Weihnachtswunder“ im Straßenbau

Niemand hat heuer damit gerechnet: Das Verkehrsministerium erteilt dem Ausbau der Weinviertler Schnellstraße S 3 Anfang Dezember grünes Licht und stellt einen positiven UVP-Bescheid aus. Die Asfinag spricht von einem „Meilenstein in einem der wichtigsten Straßenprojekte“. Nächster Schritt sind die Grundablösen, damit im zweiten Halbjahr 2016 mit dem Bau des Abschnitts Hollabrunn – Guntersdorf begonnen werden kann.

Die Bürger bleiben skeptisch, denn das Projekt S 3 zieht sich bereits über mehrere Jahrzehnte. Die Bewohner der betroffenen Orte – Suttenbrunn, Schöngrabern, Grund und Guntersdorf – sind oft enttäuscht worden. „Manche glauben’s erst, dass ausgebaut wird, wenn die Bagger auffahren“, sagt Wilfried Hammer, Sprecher der Bürgerinitiativen entlang der S 3.

Von einem „Wunder kurz vor Weihnachten“ spricht Erhard Neubauer und meint damit die Verkehrsfreigabe der Spange Retzer Land. Diese umfährt die Orte Ragelsdorf, Kleinriedenthal und Kleinhöflein und wird sechs Monate vor Plan fertiggestellt. „Man kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie ruhig wir es jetzt haben. Die Lebensqualität ist ein Wahnsinn“, schwärmt Neubauer.
 

ÖVP Retz in Turbulenzen

Die Gemeinderatswahl ist kein Honiglecken für die Partei: Klubmitglieder spalten sich ab und treten als „Wir für Retz“ zur Wahl an. Die Liste zieht schließlich mit sieben Mandaten in den Gemeinderat ein, die ÖVP verliert die absolute Mehrheit.

ÖVP-Spitzenkandidat Peter Schmidt tritt zurück, überlegt sich’s doch noch mal (Rücktritt vom Rücktritt) und sieht letztlich davon ab, im Bürgermeister-Sessel Platz zu nehmen. Helmut Koch kommt stattdessen.
Die ÖVP teilt sich seitdem die Stadtführung mit der SPÖ, aber auch mit den Grünen: Die ÖVP verzichtet auf einen Stadtratssitz, der Martin Pichelhofer (Die Grünen) zugestanden wird. Die Liste „Wir für Retz“, die mit zwei Mandataren im Stadtrat vertreten ist, kämpft seitdem darum, in Entscheidungsfindungen noch mehr einbezogen zu werden. ÖVP-Gemeindeparteiobmann Reinhold Griebler legt derweil seine Funktion zurück. Ihm folgt Stefan Lang nach.
 

„Jack the Ripper“ schlägt ein wie eine Bombe

Christian Pfeiffer knüpft an seinen Erfolg von „Der Name der Rose“ im Retzer Erlebniskeller an – und zwar mit dem Stück „Jack the Ripper“. Die Produktion ist lange vor der Premiere ausverkauft, die Warteliste wächst: 2016 wird das Ensemble wieder in die Straßen Londons im 19. Jahrhundert eintauchen.

Der Zuseher ist hautnah am Geschehen beteiligt – und das ist keine dahingesagte Phrase: Prostituierte, das Ermittlungsteam, Reporter und Jack the Ripper selbst drängen sich durch das schaulustige Publikum. Zwei Zuschauergruppen wandern durch die Kellerröhren, zwei Handlungsstränge in einer Geschichte bringt das Ensemble auf die „Keller-Bühne“. Knapp zweieinhalb Stunden werden unterirdisch verbracht – zumindest von den Zuschauern.
 

VP-Stadtrat tritt ab

Er will nur als Mitglied einer Bietergemeinschaft das Areal des Lagerhauses in Breitenwaida erworben haben. Dort sollen Wohnungen und Bauplätze entstehen. Dieses Ansinnen kostet den Stadtrat aus Puch schließlich sein Amt. Im April tritt Winzer Martin Mitterhauser zurück. Er lebe vom Weinverkauf, nicht von der Politik.
Ihm wird vorgeworfen, Insiderwissen genutzt zu haben, um so das höchste Gebot für das Areal abzugeben. „Das ist Rufmord“, sagt Mitterhauser.

Er sei selbst bei Weinpräsentationen in Salzburg auf die Causa angesprochen worden, wenn man „Mitterhauser“ google, „kommen zuerst diese Geschichten“. Er schaltet einen Anwalt ein, denn er wisse, es sei alles korrekt abgelaufen. „Es ist alles gläserner als gläsern.“ Eine Prüfung durch die Staatsanwaltschaft erhärtet den Verdacht gegen Mitterhauser nicht, Ende des Jahres besiegelt der Winzer den Kaufvertrag mit dem Lagerhaus.
 

Flüchtlinge sind willkommen im Bezirk

Bürgermeister Manfred Marihart ist im Jänner „irritiert“: Er hat in Pulkau Platz für Flüchtlinge, aber nichts kommt in die Gänge. Er ist einer der ersten, die sich dazu bekennen, Flüchtlingen helfen zu wollen. Für diese Offenheit erntet er viele Anfeindungen, doch die nimmt er gern in Kauf. Nach einer Zeit des Stillstands geht’s Schlag auf Schlag: Wohnungen werden hergerichtet. Der Kontakt zum Verein „menschen.leben“ wird aufgenommen.

Zeitgleich setzt das Rote Kreuz in Retz Aktivitäten. Die Informationsveranstaltung füllt den Saal im Schlossgasthaus: Im Publikum ist große Hilfsbereitschaft zu spüren. Kritische Fragen werden auch gestellt. Monate später werden vielerorts Flüchtlinge betreut – in Unterretzbach, Kleinriedenthal, Retz, Pulkau, Jetzelsdorf, Kammersdorf, Großstelzendorf, Göllersdorf, Hollabrunn, Ravelsbach, Oberstinkenbrunn und Mühlbach, um nur einige Orte zu nennen. Menschen helfen zusammen und dort, wo sie können, spenden sie Güter und Geld oder unterrichten Deutsch.

Die Asylwerber helfen teilweise in Pulkau in der Gemeindearbeit mit. In Retz wird gerade ausgelotet, wie Beschäftigungsinitiativen aussehen könnten. Denn: Den Asylwerbern ist jegliche Arbeit verwehrt, außer jene im ehrenamtlichen Dienst der Gemeinde, des Landes oder Bundes. „Wir sitzen den ganzen Tag hier und können nichts tun“, sind die Flüchtlinge, die Manfred Zöhrer im Sommer in Oberstinkenbrunn aufnimmt, über jede Abwechslung und Arbeit dankbar.
 

Marillen-Coup „mit lächelnder Miene“ verfolgt

Thomas Nichterl erstattet Anzeige, vier Wochen nach der Feststellung des Diebstahls seiner Marillen. Die Menge, die der Suttenbrunner Grundbesitzer angibt: zwölf bis 15 Tonnen. Das ruft einiges Kopfschütteln hervor.

Ein solcher Coup sei technisch gar nicht möglich, außerdem müsste bei der Zahl der Bäume ein Einzelner an die 100 Kilo tragen. „20 bis 30 sind realistisch“, meint Johannes Roch, Obmann des Hollabrunner Obstvereins. „Ich habe die Geschichte mit lächelnder Miene verfolgt.“ Die Zahl der fehlenden Früchte wird dem Vernehmen nach auch bei der Polizei stark in Zweifel gestellt.
 

Bezirk hat neuen Feuerwehrkommandanten

Alois Zaussinger wird im März Bezirksfeuerwehrkommandant und steht seither den 117 Wehren im Bezirk vor. Das Ergebnis bei der Wahl am Bezirksfeuerwehrtag ist denkbar knapp: Nur 15 Stimmen Vorsprung hat Zaussinger gegenüber seinem Mitbewerber Josef Nestreba. Der bisherige Abschnittsfeuerwehrkommandant löst somit Johann Thürr ab.

„Ich will ein besonderes Augenmerk auf den Katastrophenschutz legen, der liegt mir sehr am Herzen“, sagt Zaussinger bei seinem Amtsantritt. Nur wenige Wochen später folgt die erste Bewährungsprobe: Anfang Mai zieht ein schweres Gewitter über Thern, Puch, Großstelzendorf, Breitenwaida und Göllersdorf. Die Bewohner werden durch den lauten Hagel aus dem Schlaf gerissen. Straßen und Häuser werden geflutet, Autos in Bäche geschwemmt, Bäume entwurzelt. Allein in Breitenwaida sind 225 Feuerwehrmitglieder im Einsatz, um der Katastrophe Einhalt zu gebieten. Der Pucher Bach tritt über die Ufer.
 

Wahl: ÖVP gewinnt, aber nicht überall

Ein Mandat weniger, das einiges verändert: Bürgermeister Karl Schwayer packt aufgrund des Verlustes der absoluten Mehrheit doch keine zweite Periode in Zellerndorf an und legt stattdessen sein Amt zurück.
Die ÖVP entscheidet sich für ein junges Mitglied: Markus Baier wird dank der Stimme von FPÖ-Gemeinderat Rudolf Schneider neuer Bürgermeister, der jüngste in Niederösterreich.

Kontrahent Patrick Eber (SPÖ) verzeichnet die meisten Vorzugsstimmen. Einige Monate später legt Josef Diem (WIR) sein Mandat zurück. Der Umbruch gelingt in Nappersdorf-Kammersdorf und Alberndorf. Die ÖVP schafft mit Gottfried Pompe in Nappersdorf-Kammersdorf hauchdünn den Turnaround und verdrängt die SPÖ. „Daran haben wir selbst nicht geglaubt“, gesteht der Neo-Bürgermeister nach der Wahl. Die Freude über diesen unerwarteten Sieg ist riesig.

Die Heimatliste verliert in Alberndorf ihre Führung: Christian Hartmann (ÖVP) wird Bürgermeister. Er kooperiert mit der FPÖ, die mit Manfred Baumgartner den Vizebürgermeister stellt, und der SPÖ.
 

AK-Persönlichkeit geht in Pension

29 Jahre lang ist Josef Auer, besser bekannt als Joe, Bezirksstellenleiter der Hollabrunner Arbeiterkammer. Im Oktober feiert er mit seinen Wegbegleitern seinen Abschied. Mit 65 Jahren ist es Zeit für die Pension. „Du bist eine Persönlichkeit, über die es sich lohnt, einige Worte zu verlieren“, leitet Helmut Guth, Direktor der Arbeiterkammer NÖ, in eine Reihe von Schwänken über den „alten Fuchs“ ein. Legendär sei der Kampf um die Dusche in der neuen Bezirksstelle gewesen.

Mit Menschen in Kontakt zu treten ist eines von Auers größten Talenten. Genau das spiegelt sich im Saal der Arbeiterkammer wider: Kollegen, Vertreter aus der Politik oder aus der Schulgemeinschaft, Sozialpartner – sie alle sind gekommen, um Joe zu verabschieden. „Es sind sehr große Fußstapfen, die du deinem Nachfolger hinterlässt“, lobt Bezirkshauptmann Stefan Grusch den scheidenden AK-Chef.

Jetzt ist eine neue Ära angebrochen, und zwar jene von Martin Feigl, der die Nachfolge des 65-Jährigen antritt.
 

Zitate des Jahres

„Habe ich das notwendig, dass mir nach 26 Jahren nun derart das Vertrauen entzogen wird?“
Wolfgang Scharinger war ob der Querelen in der FPÖ mehr als irritiert.

„Es ist sagenhaft, was gerade für ein Blödsinn verbreitet wird.“
Die Staatsanwaltschaft prüfte, ob Ex-Stadtrat Martin Mitterhauser seine Amtsgewalt missbraucht hatte.

„Ich will heim, bei dem Frust da ...“
SPÖ-Sekretärin Elisabeth Riedl niedergeschlagen über den Ausgang der Gemeinderatswahlen.

„Bürgermeister sind kein Freiwild!“
Richter Erhard Neubauer bei der Verurteilung eines 72-Jährigen, der das Auto des Ziersdorfer Bürgermeisters Gartner mit einem Nagel sabotierte.

„Wos? Ihr kennts mi no net?“
Grünen-Klubobfrau Helga Krismer vor ihrem Besuch in Hollabrunn.

„Wir können die Straße noch nicht waschen. Wir haben kein Wasser.“
Ein Feuerwehrmann bei den Aufräumarbeiten nach der Flut im Mai.

„Wollen Sie die Donau umleiten?“
Landeshauptmann Erwin Pröll bei seiner Telefonsprechstunde im Oktober in den Redaktionsräumen der NÖN.


2015 nahmen wir Abschied von ...

... Lebensretter Robert Haas. Er wird 2015 zum Sinnbild für Zivilcourage: Der Wullersdorfer Robert Haas wird nur 23 Jahre alt, weil er am 3. Juli zwei Kinder in der Stockerauer Au vor dem Ertrinken rettet. Haas ist selbst Rettungshelfer und zögert keine Sekunde, als er bemerkt, dass die Mädchen in einem Seitenarm der Donau zu ertrinken drohen. Der Wullersdorfer rettet die Mädchen, wird aber von einem Wasserstrudel in die Tiefe gezogen. „Er hat sein Leben gegeben, damit zwei Kinder weiterleben dürfen. Robert ist zu einem leuchtenden Stern der Menschlichkeit geworden. Er war menschlich, menschlich bis zuletzt“, fasst Rotkreuz-Präsident Willi Sauer die Tragödie in Worte. Zunächst wird angedacht, ein Mahnmal am Unglücksort in Stockerau zu errichten, um an den Sanitäter zu erinnern. Letztlich wird ein Gedenkstein am Areal der Rotkreuz-Bezirksstelle Hollabrunn aufgestellt.


... dem letzten Knecht Johann Riha. Mit 80 Jahren stirbt der letzte Knecht im Bezirk Hollabrunn. Johann Riha steht seit 1950 im Dienste der Familie Pamperl in Hart, ehe er unerwartet aus dem Leben scheidet. Ein Knecht ist ein Arbeiter in einem landwirtschaftlichen Betrieb, der aber zur Familie gehört. Und das tut Riha bis zuletzt. Nach seiner Pensionierung lebt er weiter in Hart, wo er in der Familie Pamperl nicht wegzudenken ist. An dem Tag, an dem er seinen 81. Geburtstag gefeiert hätte, wird er beerdigt.
... Kultur-Grande-Dame Trude Neuwirth. „Afoch ganga, afoch weg.“ Diese einfachen, aber berührenden Worte findet Künstler Roland Neuwirth nach dem Tod seiner Mutter Gertrude Neuwirth, die am 9. September im 87. Lebensjahr verstirbt. Familie, Freunde und Wegbegleiter erinnern sich gern an die fröhliche und herzliche Mariathalerin. „Als Mitglied der NÖN-Kulturredaktion stand Gertrude Neuwirth dem tww von Anfang an positiv gegenüber, besuchte zahlreiche Produktionen und schrieb ebenso fundierte wie differenzierte Kritiken“, lobt Günther Pfeifer vom Theater Westliches Weinviertel die journalistische Qualität Neuwirths.
Weiters war sie mit dem Hollabrunner Museumsverein verbunden: „Der Tod von Trude macht uns unsagbar traurig. Sie war das kulturelle Gewissen des Bezirkes Hollabrunn“, sagt der Kustos und Leiter der Historischen Abteilung, Ernst Bezemek.

... der Volleyball-Kapitänin Jutta Hörmann. Ihren 21. Geburtstag soll die Hollabrunnerin nicht mehr erleben. Alle, die sie gekannt haben, bezeichnen sie als Sonnenschein. In der Sportunion Hollabrunn ist sie Kapitänin des Damen-Volleyballteams, engagierte Helferin und fröhliche Freundin. In Finnland, wo Jutta Hörmann an der Universität Turku ein Auslandsstudium absolviert, erliegt sie am 25. September einer plötzlich aufgetretenen, heimtückischen und unheilbaren Krankheit.