Erstellt am 27. Januar 2016, 01:48

von Sandra Frank

Duo aus Schöngrabern: „Geschichte muss ja nicht immer alt sein“. Die Marktgemeinde Grabern hat eine Chronik, eine die lebt. Denn sie wird von den Bürgern selbst erzählt.

Anna Köllner und ihre Geschichten waren der Auslöser für Idee der »Graberner GeschichteN«. Ihr Enkel Manuel (l.) und Bernhard Zeller gestalteten eine digitale Chronik der Marktgemeinde Grabern, mit vielen spannenden Erinnerungen. Foto: grabernergeschichten.at  |  NOEN, grabernergeschichten.at

Hört man das Wort Chronik, so hat man das Bild von älteren Herren im Kopf, die über verstaubten Büchern in Bibliotheken und Archiven brüten, um der Geschichte eines Ortes oder einer Familie auf den Grund gehen.

Die Chronik der Marktgemeinde Grabern ist ganz anders. Zum einen ist sie digital. Zum anderen stammt die Idee dazu von einem jungen Mann. Verstaubt ist bei den „Graberner GeschichteN“ wirklich nichts.

Idee kam Köllner während Zeit in New York

„Mir ist die Idee während meiner Zeit in New York gekommen“, erzählt der gebürtige Schöngraberner Manuel Köllner, der als Reporter im ZDF-Auslandsstudio in New York arbeitete. „Ich hab’ daran gedacht, dass meine Oma schon ziemlich alt ist – sie war damals 87“, wollte der 27-Jährige seine Großmutter vor die Kamera setzen, sobald er in Österreich zurück war.

Da er schon immer eine Webdoku machen wollte und ihm noch andere „super Typen“ einfielen, „habe ich Berny eine Mail geschrieben und die Geschichte kam ins Rollen“. Berny, Bernhard Zeller, ist ebenfalls aus Schöngrabern und studiert an der FH St. Pölten Digitale Medientechnologie. „Manolo hat mir von seiner Idee erzählt. Ich fand sie gut, also haben wir gesagt: Des moch ma.“

Die Idee: Es sollte eine Video-Plattform entstehen, auf der sich der User selbst durch Geschichten navigieren kann. Auf www.grabernergeschichten.at ist das Ergebnis zu sehen. „Ich hatte die naive Vorstellung, dass wir alles in ein paar Monaten aus dem Boden stampfen“, lacht Köllner heute darüber, dass er und Zeller ursprünglich drei Monate für dieses Projekt eingeplant hatten. „Eindeutig zu kurz“, nickt Berny Zeller.

Oma konnte Gedicht auf Knopfdruck aufsagen

Unterstützt wurden die beiden von Kameramann Simon Zauner, der sich bei Aufnahmen und Videoschnitt ins Zeug legte. „Das wirklich leiwande Titellied“ stammt aus der Feder von Michael Gutenbrunner, der es eigens für die „Graberner GeschichteN“ komponiert hat.

Die ersten „Opfer“ der beiden waren aus ihren eigenen Familien. „Sonst haben wir einfach so viele Leute wie möglich gefragt, wer infrage käme“, erzählt Köllner. Einer dieser Menschen, ein „super Tippgeber“, war Altbürgermeister Alois Hörker. Köllner erinnert sich: „Ich habe ihn oft zu Gesprächen getroffen, wir haben viel telefoniert.“

Denn Hörker wusste „einfach alles über die Gemeinde“. Sehr gern hätte das Duo auch ihn für „Graberner GeschichteN“ vor die Kamera geholt. Doch dazu kam es leider nicht mehr, da Hörker während der Produktion überraschend – im Jänner 2015 – verstarb.

Was dem ebenfalls 27-jährigen Zeller besonders in Erinnerung blieb: Wie herzlich das Team von ihren Gesprächspartnern empfangen wurde. „Wir sind nach den Gesprächen auch nicht gleich nach Hause gegangen“, erzählt er von einem Glaserl Wein bei Karl Rohringer.

„Meine Oma hat uns ein Gedicht erzählt, das sie in den 60ern gelernt hat und über drei Minuten dauert“, sagt Köllner. Sie könne das Gedicht auf Knopfdruck aufsagen, wie der Mitschnitt zeigt. „Und es ist wirklich lustig.“

Die beiden führten Vorgespräche, in denen sie herausfilterten, welche Geschichten für die Video-Plattform interessant waren. Eineinhalb Jahre sollte es von der Idee bis zur Präsentation – beim Neujahrsempfang (  in Schöngrabern – dauern.

Erinnerungen an den Pfarrer, den „Hundianer“

„Wir wollen das Projekt über die nächsten Jahre in Intervallen mit neuen Interviews füllen“, erzählt Köllner, wie es mit den „Graberner GeschichteN“ jetzt weiter geht. Zeller ergänzt: „Unser Ziel ist es, die Dokumentation zu erweitern.“

Was das heißt? Es sollen die 90-Jährigen ihre Erinnerungen erzählen. Wie etwa Helene Koy, 95, aus Obersteinabrunn, die erzählt, warum ihr der Pfarrer, „der Hundianer“, einmal einen Dreier ins Zeugnis gegeben hat.

Oder Robert Arbes der sich mit 87 Jahren noch genau daran erinnert, wie er für die Russen Kühe treiben sollte, aber mit den anderen Burschen erfolgreich geflüchtet ist. Aber auch die 50- und 20-Jährigen sollen in Zukunft berichten. „Geschichte muss ja nicht immer nur alt sein“, sagt Zeller.

Die beiden 27-Jährigen hoffen, dass ihr Projekt über die Gemeindegrenzen hinausgehen wird. „Die Geschichten spielen zwar lokal, sind aber sinnbildlich für das Leben im ganzen Weinviertel oder darüber hinaus“, meint Köllner.