Erstellt am 17. Februar 2016, 02:49

von Günter Rapp

Faschingseklat: DEV kam zum Handkuss. Wilhelmsdorfer Dorferneuerungsverein wehrt sich nach Faschingszug gegen laufende Pauschalverurteilung.

 |  NOEN, privat

Von den Turbulenzen um eine Gruppe des Maissauer Faschingszuges, die mit islamfeindlichen Darstellungen und dem Schriftzug „Asyl 88“ (die Zahl 88 wird unter Neonazis als getarnter Hitlergruß verwendet) auch Tage nach der Veranstaltung noch für eine Menge Wirbel und Ermittlungen des Verfassungsschutzes sowie der Staatsanwaltschaft sorgt, hat die NÖN in der Vorwoche ausführlich berichtet (

und unten).

Jetzt meldet sich Wilhelm Pfannhauser, Obmann des Dorferneuerungsvereins Wihelmsdorf, zu Wort.

„Niemand soll vor Faschingszug Details erfahren“

Der verfängliche Wagen mit der Bezeichnung „Maissau 2020“ war offiziell für den Wilhelmsdorfer Verein unterwegs. „Wir haben mit der Gestaltung dieses Wagens aber absolut nichts zu tun gehabt“, versichert Pfannhauser, der jetzt Imageschäden für die Wilhelmsdorfer Dorferneuerer befürchtet.

In der Praxis sehe es so aus, dass jede Gruppe ihre Fahrzeuge und Beschriftungen völlig selbstständig anfertigt. „Da wird sogar immer ein großes Geheimnis daraus gemacht“, sagt der Obmann, „weil niemand vor dem Faschingszug Details erfahren soll.“

Warum „Maissau 2020“ ausgerechnet für den Dorferneuerungsverein unterwegs war, erklärt Wilhelm Pfannhauser ebenfalls: „Ein eventueller Überschuss wird immer an die beteiligten Vereine ausgeschüttet. Da sind wir jeder Gruppe, die für uns fährt, dankbar.“ Dass man der Gruppe „Maissau 2020“ besonders dankbar ist, darf bezweifelt werden.

NÖN.at hatte berichtet:

Seite 2: Leserforum zum Thema

Leserforum:

Leserbriefe zum Bericht über die Empörung über den „Asyl 88“-Faschingswagen beim Maissauer Umzug:

„Wehe, das gemeine Volk begehrt auf“

Quod licet Iovi, non licet bovi … Wenn die auserwählten Künstler von Charlie Hebdo tausende Menschen unterhalb der Gürtellinie beleidigen, indem sie ihre perversen Phantasien auf Papier erbrechen, „darf Satire alles“ – aber wehe, das gemeine Volk macht seinem Unmut etwas übertrieben am Narrenwagen Luft! Dann bricht unvermittelt das hysterische Gekreische der Anständigen und Gesinnungswächter los! „Da könnt’ ja jeder kommen!“, lautet das Credo der neuen Spießbürger.

„Ja, dürfen’s denn des?“, lautete der Ausdruck der Verwunderung des selbst für einen Habsburger noch sehr unterbelichteten Kaisers Ferdinand I., als sich in Wien 1848 der Volkszorn lautstark zu entladen begann. Parallelen zur Gegenwart oder zu gegenwärtigen Regierungsmitgliedern sind natürlich rein zufällig und unbeabsichtigt …

Manfred Platschka, Mistelbach

„Stimmungsmache der übelsten Sorte“

Vorausschicken möchte ich, dass ich nicht persönlich anwesend war, sondern meine Tochter.

Diese ist sehr empört und geschockt, ob dieses Vorfalls, nachhause gekommen und hat mir diese Sache doch etwas anders erzählt: Der Wagen wurde NICHT gleich bei der ersten Gelegenheit aus dem Verkehr gezogen sondern man hat dieser Gruppe sogar  das Mikrofon in die Hand gegeben, damit diese noch ihre fremdenfeindlichen Kommentare bzw. Wahlwerbung wie z.B. „Strache an die Macht, ein Strache muss her “ usw. verbreiten durften.

Auf Facebook verbreitete sich in kürzester Zeit Meldungen bzw. Proteste von empörten Bürgern. Auch Fotos des Wagens waren zu sehen – diese waren dann plötzlich am Montag alle verschwunden!

Ich hoffe, dass von Ihren Journalisten genug Fotos gemacht wurden, weil die Sprüche, die sowieso in allen
Medien gestanden sind wie „ Islam verleiht Flügel“ waren ja  noch nicht mal die Schlimmsten.

Denn weiters war  noch „Afghane sucht rasierte Jungfrauen“ und andere nicht  jugendfreie Sachen zu lesen!
Wenn Herr BH-Chef Grusch meint, das sei keine Verhetzung, dann weiß ich nicht, was sonst Verhetzung sein sollte!

„Den Islam auf die Schaufel nehmen“ muss erlaubt sein - wie Herr Grusch meint, ist eine Verharmlosung sondergleichen!

Das ist KEIN  „auf die Schaufel nehmen“ - das ist Stimmungsmache und Verhetzung der übelsten Sorte!
Leider wird die ganze Sache jetzt „heruntergespielt“ – diese Gruppe hat ganz genau gewusst was sie macht und bewusst gehandelt!

Ich hoffe, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden!
So etwas darf nicht wieder vorkommen!

Gerlinde Deibler

Offener Brief an den Bürgermeister:

Mein Vater, MR Dr. Paul Lehner, hat über 5 Dekaden die Mitglieder Ihrer Gemeinde als Mediziner begleitet, vom fröhlich-alkoholisierten einfachen Bauern bis zur blau erblühten Familie Abensberg-Traun im Schloss Maissau. Und alle anderen auch, da es sich eben um Menschen in Not gehandelt hat. Menschen eben.

Mit ganz normalen Sorgen, Freuden, Krankheiten, Eltern, Kindern…. und Angst – so, wie die von heimatlosen Flüchtlingen. Damals , in unserem Haus, in der Wienerstraße 10, waren stets alle Menschen mit Schmerzen und Nöten willkommen. Mein Vater selbst war einst Flüchtling und basierend auf seiner Geschichte habe ich vor kurzem bis nach Brüssel geschrieben, da ich die europäische Haltung nicht immer für intelligent und weitblickend halte und eine andere Sichtweise anbieten wollte. Ja, manche Lehners neigen zu Engagement. Lästig. Ich weiß. Aber demokratisch.

(Am) Montag haben wir den ältesten aktiven Arzt Ihrer Gemeinde – meinen Papa – im Familiengrab beigesetzt und ich kam erst spät nach Wien zurück. Ich sprach nach dem Begräbnis noch über die vage, aber doch schlüssige Idee, mein nun leer stehendes Elternhaus syrischen Flüchtlingen – eventuell einer kompletten Migranten-Familie – als neues „Zuhause“ zur Verfügung zu stellen.

In meiner Familie wurde das menschliche Auge für Not, Hunger, Sorgen und sofortige Hilfeleistung (ohne politische Zwischenfragen und wahloptimierte Hintergedanken) geschult. Berührungsängste hatten wir alle auch immer, aber das echte Berühren dieser Ängste hat dann wirklich auch oft geholfen, genau jene zu vertreiben. Und so hatten wir irgendwann Freunde auf der ganzen Welt.

Genau jenen Menschen, der mich diese vorsichtige und auch forsche Neugierde gelehrt hat, habe ich Montag begraben. Haben WIR begraben – vor allem die Maissauer. Herzlichen Glückwunsch, Herr Bürgermeister!
Er muss tatsächlich sehr tot sein, denn ER hätte wohl laut protestiert letzten Sonntag!

Er hat AUCH protestiert, als er im 2. Weltkrieg unbewaffnete Männer erschießen sollte. Denn Helfen und Heilen kam zuletzt vor dem Urteilen.

Um 22 Uhr in der ZiB 2 des selben Tages durfte ich nun erfahren, dass man im selben Maissau, OHNE von Bürgermeistern, Bezirkshauptmännern, Nationalsratabgeordneten oder anderen Verantwortlichen daran gehindert zu werden, auf äußerst hämische, infame und unmenschliche Art und Weise die erhängten Leichen gefoltertert Menschen mit einem 88er-Heil-Hitler-Symbol dekoriert, vorführen darf. Als Gag. Hey! Super! Teilweise fehlen mir noch die Worte - denn in jener ZiB2 benannten Sie, Sg Hr Bürgermeister, den Vorfall noch als „übers Ziel hinaus geschossen“?

In den zwei Tagen seit dem Begräbnis unseres Vaters haben mich etliche Anrufe ereilt, Freunde, Neugierige, Suchende, Fragende … die ursprünglich kondolieren wollten, aber dann doch dringend über den „Milka-Kuh-88er-Katastrophen-Wagen“ sprechen mussten, weil ein wahrhaftig fühlender Mensch für diese Begebenheit eine schlüssige Erklärung verlangt. Weil das einfach kein halbwegs weltoffener Mensch versteht! Nicht verstehen will!

Die aktuellen Ereignisse habe mich auf die Idee gebracht, einen Container auf Gemeindekosten vor die Orts-Einfahrt zu platzieren, damit jene Menschen, die noch den nötigen Anstand und etwas Mitgefühl und Respekt besitzen, sich rechtzeitig fremdschämen können und den passenden Raum dafür vorfinden.

Ich wünsche Ihnen und den EinwohnerInnen meiner Heimatstadt viel Erfolg bei der Bereinigung und Klärung dieser unliebsamen Causa. Falls SIE den nötigen Mut mitbringen, sich dieser mörderischen und absolut ruchlosen Geisteshaltung aufrecht entgegenzustellen, dann wird dies sicher gelingen. Möge das Lachen mit Mai-Mai-Sau-Sau an einen fröhlichen weltoffenen und toleranten Ort voller Freunde und Amethyste zurückkehren – wenn dieser Ort wieder bereit dafür ist.

Mir ist bewusst, wie sehr dieses Thema polarisiert, da wir alle auf gesunde und enkeltaugliche Entscheidungen aus Brüssel (und Co) warten. Ich bin genauso wütend und enttäuscht wie viele meiner europäischen Landsleute, doch glaube ich daran, dass wir bessere Visionen entwickeln können und werden.

Lothar Lehner