Erstellt am 11. Mai 2016, 04:54

von Christoph Reiterer und Karin Widhalm

Faymann-Rücktritt: „Weg ist jetzt frei“. SPÖ-Basis zeigt sich wenig überrascht, hofft auf Neuausrichtung und Neupositionierung gegenüber der FPÖ.

Die SPÖ-Basis in Hollabrunn ist nicht überrascht von Faymanns Rücktritt. Foto: AFP/T. Charlier  |  NOEN, APA/AFP/THIERRY CHARLIER
Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Werner Faymann seine persönlichen Konsequenzen aus den Wahlniederlagen zieht, meint Hollabrunns neuer SPÖ-Stadtparteiobmann Friedrich Dechant.

Der Bundeskanzler habe in seiner Abschiedsrede richtig erkannt: „Die Regierung braucht einen Neustart, sowohl personell als auch inhaltlich“, so Dechant.

„Große Chance für die Sozialdemokratie“

„Für mich bedeutet das, dass die Interessen und Bedürfnisse der Menschen wieder stärker im Vordergrund stehen müssen“, sagt der Stadtparteichef. Der vor Kurzem eingeschlagene Kurs in der Asyl- und Flüchtlingspolitik müsse weitergeführt werden, eine Entlastung der Arbeitnehmer sei dringend notwendig, eine Neupositionierung in der Frage der Zusammenarbeit mit der FPÖ ein Gebot der Stunde.

Fraktionssprecher Alexander Eckhardt erinnert daran, dass Faymann besonders in seiner ersten Amtsperiode gute Arbeit geleistet und das Land durch die Krise geführt habe. Seinen Rücktritt wertet aber auch Eckhardt nun „als große Chance für die Sozialdemokratie, wieder an Glaubwürdigkeit zu gewinnen und zu dem zurückzukehren, was sie ist – die stärkste politische Kraft des Landes!“

Gössl: „Da muss mehr passieren“

Mailbergs Bürgermeister Herbert Goldinger, Chef des roten Gemeindevertreterverbandes im Bezirk, zeigte sich wenig überrascht vom Rücktritt des Bundeskanzlers: „Ein Neubeginn wäre mit ihm nicht möglich gewesen. Der Weg ist jetzt frei für eine Neuausrichtung, sowohl in personeller als auch in inhaltlicher Hinsicht.“

Faymann dürfte zum Schluss gekommen sein, „dass es nichts bringt“, und habe mit dem Rücktritt seine Selbstachtung bewahrt, schlussfolgerte indes SPÖ-Bezirksvorsitzender Werner Gössl. Es werde aber nicht reichen, nur den Vorsitzenden zu tauschen. Das habe schon der ÖVP-interne Wechsel zu Mitterlehner gezeigt. „Da muss mehr passieren.“ Intern sei der Rücktritt ein wichtiges Signal.

„Ich finde, er war ein toller Kanzler“, so Kadolz-Bürgermeister Georg Jungmayer, ebenfalls Mitglied im Bezirksparteipräsidium. Er hofft, dass man nun nicht wieder zur Tagesordnung übergeht. „Man sollte mehr auf die Basis hören“, findet Jungmayer. „Ich hätte an Faymanns Stelle unter Umständen auch gesagt: Hobts mi gern!“
 

Warum sind Sie ... von Faymanns Rücktritt doch überrascht?

Hannes Bauer,  Abgeordneter zum Nationalrat a.D. aus Ziersdorf.

NÖN: War es für Sie absehbar, dass Bundeskanzler Werner Faymann seinen Hut nimmt?
Hannes Bauer: Absehbar war es. Aber ich habe nicht geglaubt, dass es so rasch gehen wird.

Können Sie nachvollziehen, dass Ihre Genossen seinen Rücktritt gefordert haben?
Nein, ich habe das nicht verstanden. Aber ich bin da ein anderer Typ. Ich glaube nicht, dass es mit einem personellen Wechsel getan ist. Es braucht eine inhaltliche Änderung, um die Glaubwürdigkeit wiederherzustellen.

Wird daran gearbeitet?
Ja! Seit fast einem Jahr. Es gibt einen 70-seitigen Programmentwurf, der am Parteitag beschlossen wird. Ein Neustart ist absolut notwendig.

Aber ohne Werner Faymann an der Spitze …
Es funktioniert natürlich um einiges besser, wenn derjenige an der Spitze weniger belastet ist. Aber er hat gute Arbeit geleistet, das muss man schon auch sagen.