Erstellt am 29. Oktober 2015, 12:02

von Sandra Frank

Flüchtlinge in Göllersdorf : „Wir haben alles verkauft“. Seinen Humor hat der syrische Stand-up-Comedian, der jetzt mit seiner Familie in Göllersdorf lebt, nicht verloren. „Wir sind dankbar, dass wir hier sein dürfen.“

 |  NOEN, Erwin Wodicka
Wie wichtig es ist, dass das Wort „Flüchtling“ ein Gesicht bekommt, zeigte sich Donnerstagabend in Göllersdorf. Hier sollte eine Vertreterin der Caritas den Göllersdorfern erklären, wie Asylwerber nach Österreich kommen und wie es mit ihnen weitergeht, wenn sie einmal da sind.

Doch sie rutschte rasch in die zweite Reihe, denn im Publikum saß auch Saad, Flüchtling aus Syrien, der nun mit seiner Familie in Göllersdorf lebt. „Wir sind eine große Familie“, berichtet der Syrer von neun Menschen. 70.000 Euro bezahlten sie Schleppern für ihre Flucht. „Wir haben alles verkauft, was wir hatten. Unser Haus, unsere Autos, ...“

„Ich kann euch nicht versprechen, dass nur
gute Menschen kommen werden.Aber die
meisten von uns suchen nach Frieden.“
Asylwerber Saad

Was Flüchtlinge aus einer Gesellschaft machen, das wisse er nur zu gut, denn auch Syrien war mit dieser Thematik konfrontiert, ehe die Menschen selbst fliehen mussten. „Ich bin Moslem. Aber ich habe selbst diese Angst, die Islamophobie“, fand Saad ehrliche Worte.

Das Hauptproblem seien nicht etwa die unterschiedlichen Religionen, sondern die Politik. „Wir haben alle zusammengelebt, Moslems und Christen. Wir wollen alle in Frieden leben und haben alle Angst vor dem Krieg“, sagt der Mann, der in Syrien als Schauspieler und Stand-up-Comedian sein Geld verdiente.

Warum sie nicht in andere arabische Länder geflohen sind? „Sie wollen uns nicht“, so die einfache, aber klare Antwort des Asylwerbers. Und deswegen musste Saad mit seiner Familie Grenzen und das Meer überqueren, um nach Europa zu kommen.

„Ich kann euch nicht versprechen, dass nur gute Menschen kommen werden“, kennt er die Befürchtungen. „Aber die meisten von uns suchen nach Frieden.“ Der Syrer kennt die Ängste der Europäer, weiß aber, dass es in jedem Land gute und schlechte Menschen gibt. „Entweder wir sterben oder wir kommen hierher“, spricht er über die Wahl, vor der die syrische Bevölkerung steht.

„Die Menschen glauben, Österreich ist wie Ungarn“

Warum gerade Deutschland so attraktiv für die syrischen Flüchtlinge ist, wollte eine Dame im Publikum wissen. „Na, weil wir auch Fußball lieben“, sagt der Syrer. Bei der ernst gemeinten Antwort verging den Zuhörern allerdings das Lachen. In Deutschland werden die Flüchtlinge willkommen geheißen, in Österreich sei das nicht der Fall. „Die Menschen glauben, Österreich ist wie Ungarn, wo die Flüchtlinge nicht gewollt werden.“

Doch dass dies nicht stimmt, davon konnten sich Saad und seine Familie selbst überzeugen: „Wir sind dankbar, dass wir hier sein dürfen. Wir haben hier schon viele gute Menschen kennengelernt.“

„Als Pfarre haben wir den Auftrag, anderen Menschen zu helfen“, ergriff auch Pastoralassistentin Hermi Scharinger das Wort. Diesen Auftrag nehmen die Göllersbachpfarren ernst. Im Großstelzendorfer KJUBIZ wird demnächst eine Flüchtlingsfamilie einziehen. Dazu gibt es einen einstimmigen Pfarrgemeinderatsbeschluss.

Eine Gemeinde, in der bereits aktiv geholfen wird, ist Breitenwaida. Im Pfarrhof sowie in einem privaten Haus werden zwei irakische Familien betreut. „Als wir nach Traiskirchen gefahren sind, haben wir nicht genau gewusst, wen wir da holen“, erinnert sich Scharinger. Schnell zeigte sich, dass es zwei Familien mit insgesamt neun Personen sein werden.

„Das Engagement der Zivilbevölkerung ist einfach toll“, erzählt Scharinger. Denn in den Familien gibt es auch zwei Babys. „Als wir von Traiskirchen weggefahren sind, haben wir in die WhatsApp-Gruppe geschrieben, dass wir zwei Babybetten brauchen. Als wir in Breitenwaida waren, waren die Betten da.“