Erstellt am 26. November 2015, 17:03

von Franz Enzmann

Flüchtlinge „wie Staubzucker übers Land verteilen“. Die Gemeinde wollte mit Info-Abend über Asyl die Stimmung ausloten. Massenquartiere werden nicht befürwortet.

Beantworteten alle Fragen (v.l.): Podiumsteilnehmer Markus Baier, Kalin Trifonov, Barbara Gerhart, Karin Friedl, Manfred Nigl und Leo Ramharter. Foto: Michael Böck  |  NOEN, Michael Böck/Enzmann
Der große Saal im Gasthaus Graf war sprichwörtlich bis auf den letzten Platz gefüllt, als Bürgermeister Markus Baier zur Podiumsdiskussion zum Flüchtlingsthema mehr als 150 Bürger im Retzerlandhof begrüßte.

Ortschef räumte mit Latrinengerüchten auf

Kalin Trifonov, Caritas-Leiter des „Haus Helina“ in Horn, präsentierte Details über Kriegsflüchtlinge (19,5 Millionen Menschen sind unterwegs) zum Asylverfahren und der Grundversorgung von Menschen, die in Österreich Schutz suchen. Quartierkosten, Essensgeld und die schwierige Beschäftigung von Asylwerbern zur Sprache.

Barbara Gerhart vom Verein „menschen.leben“ erzählte über die Unterbringung von Familien und Jugendlichen in Unterretzbach, Pulkau und Eggenburg.



Bürgermeister Manfred Nigl (Retzbach) schildert eine Zweiteilung in der Bevölkerung: Die einen würden finden, dass die Gemeinde zu wenig macht. Die andere Hälfte würde fragen: „Brauchen wir die bei uns?“

Aber: „Erfreulich ist, dass sich so viele Freiwillige gemeldet haben, die die Kleinfamilien unterstützen wollen.“ Der Ortschef räumte mit Latrinengerüchten auf: Die Kriegsflüchtlinge hätten das Rote Kreuz aus Decken ausgeschnitten. „Es gibt und gab keine Decken von der Hilfsorganisation in Retzbach“, klärte er sichtlich verärgert auf.

„Fest steht nicht, ob wir Flüchtlinge aufnehmen“

Keine Massenquartiere – das ist im Sinne von Besucherin Magdalena Stadler: Die Asylwerber sollen „wie Staubzucker über Österreich“ verteilt werden. Gemeinderat Herbert Peterzelka (SPÖ) erkundigte sich, ob Zellerndorf Flüchtlinge aufnehmen will. „Wir haben im Gemeinderat nur diese Informationsveranstaltung beschlossen, um die Stimmung in der Bevölkerung auszuloten“, so Baier.

„Wann und ob wir Kriegsflüchtlinge in Zellerndorf aufnehmen, darüber wurde noch nicht gesprochen“. Gibt es überhaupt mögliche Unterkünfte? Baier: „Im Pfarrhof in Deinzendorf. Gemeindeeigene Quartiere gibt es derzeit keine.“

Gemeinderat Herbert Schneider (Wir für Zellerndorf) sorgt sich: Was wird mit den Flüchtlingen passieren? 80.000 werden bis zum Jahresende erwartet. Trifonov konnte die Frage nicht vollständig beantworten. „Die Asylgesetze werden fast jährlich verschärft. Die Caritas kann die Verfahrensdauer nicht beeinflussen“, informierte er.

Gemeinderat Rudolf Schneider (FPÖ) wiederholte bekannte Slogans seiner Partei: Islamisierung, viele Wirtschaftsflüchtlinge, Einschleppung von Krankheiten. Einige verließen nach seinen Wortmeldungen den Saal. Der Bürgermeister und SPÖ-Chef Eber erklärten unisono, seine Bedenken an die Bundesregierung zu richten. Hier in Zellerndorf könne man das nicht lösen.

„Wie viele Flüchtlinge verträgt Zellerndorf?“, fragte Eber zum Schluss. Baier: „Das müssen wir auf uns zukommen lassen und im Kollegialorgan diskutieren.“

Daten & Fakten:

  • Der Verein „menschen.leben“ sucht nach Unterkünften für Flüchtlinge und betreut diese. Insgesamt sind im Projekt „Betreutes Wohnen Retzer Land“ 42 Klienten in Retz, Unterretzbach, Kleinriedenthal, Pulkau und Röschitz untergebracht.

  • In Unterretzbach sind zurzeit vier Familien mit 15 Personen aus Afghanistan und Syrien untergebracht. In Retz wurde eine Wohnung mit einer fünfköpfigen syrischen Familie belegt. Eine weitere Wohnung wird adaptiert. In Pulkau haben drei Familien (13 Personen, davon sieben Kinder) aus Afghanisatan und Tschetschenien ein Zuhause gefunden.

  • Das Rote Kreuz betreut 15 Personen. In Jetzelsdorf wird für vier Flüchtlinge Initiative gezeigt.

  • Weltweit sind 60 Millionen Menschen unterwegs.

  • Bis Ende Juli wurden bereits 37.000 Asylanträge in Österreich gestellt. Bis Jahresende dürfte die Zahl auf ungefähr 80.000 Anträge ansteigen.

  • Quartiergeber erhalten 17 Euro pro Tag für einen Flüchtling.

  • Asylwerber dürfen erst nach drei Monaten im Erstaufnahmezentrum (zum Beispiel Traiskirchen) gemeinnützige Arbeiten durchführen.

  • Die Caritas Wien beschäftigt 500 freie Mitarbeiter und 310 Hauptamtliche.