Erstellt am 04. Mai 2016, 05:14

von Christoph Reiterer

Flüchtlingsvortrag: „Reden wir über Frieden“. Peter Webinger muss auf jeden Prüfstein eine Antwort haben, der das System des Sozialstaats zu kippen bringen könnte. Er will weniger über Migration reden.

Bildtext: Unterhielten sich im Anschluss noch bei Brot und Wein angeregt mit dem Fachmann Peter Webinger (Mitte): Thomas Bauer, Karin Dötzl, NÖAAB-Bezirksobmann Erhard Bussek, Cäcilia Kaltenböck, Günter Schnötzinger, Josef Widl (v.l.). Foto: NÖN  |  NOEN, NÖN
Wie es war, als sich die Asylanträge binnen kürzester Zeit verdreifachten, wie es um die Solidarität in der Europäischen Union bestellt ist und was man tun kann, damit die gesellschaftliche Mitte nicht verloren geht – darüber sprach Peter Webinger, Leiter der Gruppe III/B (Asyl, Migration, Integration) im Innenministerium, auf Einladung des NÖAAB Hollabrunn im Stadtsaal.

„Das ist die Ouvertüre, die Oper kommt noch“

93 Prozent aller Asylanträge in der EU werden in zehn (von 28) Mitgliedsstaaten gestellt und Webinger ist überzeugt: „Was wir erleben, ist die Ouvertüre, die Oper kommt noch – und die heißt nicht Migration, sondern Integration.“ Sein Vorschlag: „Reden wir weniger über Migration, sondern über die eigentlichen Ziele. Reden wir darüber, wie wir den sozialen Frieden aufrecht erhalten.“

Im Bezirk Hollabrunn mit seinen rund 330 Asylwerbern sei das eine vergleichsweise geringe Herausforderung. Doch Webinger zitierte Milton Friedman: „Man kann einen Sozialstaat haben – und man kann offene Grenzen haben. Aber man kann nicht beides gleichzeitig haben.“ Ein Schutz der Grenze, sodass das System in Balance bleibe, sei unablässig, Schwarzweißdenken zum Scheitern verurteilt.

Migrationspolitik sei auch kein Wochenendausflug auf den Westbahnhof, sondern sei ein Marathon, so der Referatsleiter für Fremdlegistik im Innenministerium. „Die Integration im kleinen Kreis ist verschlafen worden“, meinte Grünen-Gemeinderat Peter Loy, einer der nur knapp 30 Zuhörer.

Nicht naiv riskieren, dass die Systeme überhitzen

In diesem Zusammenhang entgegnete Webinger, dass er nicht der Meinung sei, dass jeder Asylwerber sofort integriert werden müsse. Schließlich würde auch nicht jeder auf Dauer bleiben.

„Wir haben 24.000 Asylberechtigte mit vollem Zugang zum Arbeitsmarkt und die finden alle keinen Job. Erzählen Sie das einer Zielpunkt-Kassierin, dass sie sich mit denen matchen soll.“ Oft sei „gut gemeint“ das Gegenteil von „gut“. Man dürfe nicht naiv riskieren, dass die Systeme überhitzen. Die Kunst sei, das richtige Maß zu finden. Und das funktioniere nur, wenn man differenziert.

Doch das erfordere wiederum mehr Aufmerksamkeit, als viele zu erbringen gewillt sind. Die „totale Verkürztheit“ vieler Diskussionen stört auch Webinger. „Wir sind ein Volk der Wischer, doch es geht sich nicht alles in 140 Zeichen aus“, spielt er auf die Twitter-Generation an.

„Ohne Ventile schäumt das Häferl über“

Hier stimmte Cäcilia Kaltenböck zu. Die „Religionslehrerin im Unruhestand“ ist Frontfrau des Hollabrunner Arbeitskreises für Integrationsbemühungen, der im Rahmen des Vortrags vorgestellt wurde. „Unsere Jungen verlieren die Sprache und haben eines Tages nichts mehr zu sagen. Derer haben wir schon viel zu viele und das sind nicht nur Migranten“, meinte sie.

Und zur Arbeit im Arbeitskreis: „Hilflos wie ich bin, konnte ich ein bisschen zum Helfer werden.“ 80 Menschen werden über die Stadtgrenze hinaus bereits betreut. „Wir versuchen, gesellschaftlich zu integrieren, damit es wirklich ein Miteinander ist“, erklärte Josef Widl.

Chancen und Risiken, Empathie und Realismus in die jungen Gehirne hineinpflanzen, damit es keine lenkbare Masse wird, appellierte Webinger. Eine junge Besucherin warf jedoch ein, dass Junge sich oft bewusst gar nicht mehr äußern, weil ohnehin jede Wortmeldung im sozialen Netzwerk auf die Waagschale gelegt werde. Man wolle nicht anecken und in der Komfortzone bleiben.

„Jeder braucht Ventile, sonst kann es sein, dass das Häferl überschäumt und dann rennst gegen die Wand“, entgegnete der Referent. Ein stiller Hilfeschrei in der Wahlzelle? Da müsse man achtsam sein.

Der nächste Termin, an dem der Arbeitskreis für Integrationsbemühungen zur öffentlichen Auseinandersetzung einlädt, steht mit dem 11. Oktober übrigens schon fest.