Guntersdorf

Erstellt am 03. August 2016, 05:07

von Sandra Frank

1.000 Tage Ortschef: „Das Amt verändert einen sicher“. Warum er nebenbei keine Zusagen erteilt, erzählte Roland Weber im NÖN-Interview.

Kaum ist in Roland Webers Gemeinde ein Projekt abgeschlossen, wartet bereits das nächste. Trotzdem bringt er Jobs, Funktionen und Familie erfolgreich unter einen Hut. Foto: Sandra Frank  |  Sandra Frank

Im November 2013 wählte der Guntersdorfer Gemeinderat Roland Weber (ÖVP) zum Bürgermeister der Marktgemeinde. Seitdem sind 1.000 Tage vergangen. Die NÖN sprach mit dem 38-Jährigen über klare Linien, den Dauerbrenner S 3 und darüber, wie das Amt einen verändert.

NÖN: In unserem 100-Tage-Gespräch schätzten Sie Ihren Arbeitsaufwand als Bürgermeister auf 40 Stunden pro Woche. Damals hofften Sie, die Zahl werde bald auf 25 bis 30 Stunden reduziert. Haben Sie dieses Ziel erreicht?
Roland Weber: Nein. Denn jedes Mal, wenn ein Projekt abgeschlossen ist, und ich mir denke, jetzt wird‘s leichter, dann kommt ein neues ...

Ist das schlimm für Sie?
Man kann 60 Stunden arbeiten und Freude daran haben. Man kann aber auch eine Viertelstunde im Gemeindeamt sein, und der ganze Tag ist hin. Zum Glück überwiegt Ersteres.

Damals sprachen Sie auch davon, dass Guntersdorf für Sie eine Wohngemeinde sei. Sie wollten sich um den Zuwachs kümmern.
(lacht): Unser Zuwachs – meine Tochter Mathea – ist drei Monate alt, ich habe also höchstpersönlich für Zuwachs gesorgt. In der Gemeinde ist die Siedlungserweiterung erledigt. Das ist ein riesiges Projekt, das uns bei der Errichtung der Infrastruktur in den nächsten fünf Jahren sicher noch eine Million Euro kosten wird. Dadurch können wir Familien genug Wohnraum bieten.

Gibt es immer noch Situationen, die Sie überraschen?
Jeden Tag. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Im ersten Moment sieht vieles dramatisch aus, aber es löst sich dann auch. Nicht immer in Wohlgefallen. Wir besprechen aber jeden Fall, erklären alles. Auch öfter, wenn es sein muss.

Der Ausbau der Weinviertler Schnellstraße S 3 ist ein beständiger Begleiter Ihrer Amtszeit …
Vielleicht erleb‘ ich es noch, dass wir ein Banderl durchschneiden. Der Ausbau ist wirklich ein Jahrhundertprojekt. Aber ich bin guter Dinge, dass das Projekt vor den Gemeinderatswahlen 2020 realisiert wird. So weit, wie wir jetzt sind, waren wir noch nie. So viele Gespräche, wie jetzt geführt wurden, gab es auch noch nie. Und wenn sie einmal bauen, dann geht‘s relativ schnell. Das haben wir bei der Retzer Spange gesehen.

Etwas, mit dem Sie nicht umgehen können und wollen, ist Freunderlwirtschaft. Gelingt es Ihnen, Ihre klare Linie durchzuziehen?
Ja. Der beste Beweis dafür ist, dass mir Leute gesagt haben: Wir haben dich gewählt und jetzt schickst du uns trotzdem einen Bescheid und wir müssen zahlen? Das Traurige ist, die Leute meinen das ernst.

Verstehen Sie Bürgermeister, die Freundschaftsdienste erweisen?
Du bist schnell im Fahrwasser drinnen. Ich verurteile da keinen Bürgermeister. Man sagt beiläufig schnell einmal: „Das machen wir schon.“ Und dann bist drinnen. Darum gibt es bei mir Zusagen ausschließlich am Gemeindeamt. Ich will mir die Sachen in Ruhe anschauen können. Es geht ja schließlich auch darum, das Gemeindebudget im Griff zu haben. Jede Zusage kostet 1.000 Euro, da kannst am Abend zusperren. Außerdem: Du hast keinen Dank, wenn du alles ordnungsgemäß machst. Und wenn du‘s anders machst, dann hast noch weniger Dank.

Sie sind Bürgermeister, Steuerberater, Landwirt, Familienvater. Daran hat sich in den vergangenen 900 Tagen nichts geändert. Wie schaffen Sie es, alles unter einen Hut zu bringen?
(lacht): Ich hab‘ einfach eine sehr gute und sehr tolerante Frau. Als wir uns kennengelernt haben, war ich noch bei der Landjugend aktiv. Da war ich wirklich jeden Abend unterwegs. In ganz Österreich. Jetzt bin ich nur fünf Kilometer entfernt. Eigentlich hat sich die Situation verbessert. Außerdem unterstützt mich meine Familie im landwirtschaftlichen Betrieb sehr. Ohne sie würd’s nicht gehen.

Gab es trotzdem Momente, in denen alles zu viel wurde?
Es gibt solche Momente. Es gibt Leute, die einen auf die Palme bringen. Ich hätte sicher ein ruhigeres Leben, wenn ich nicht Bürgermeister wäre.

Warum machen Sie dann trotzdem weiter?
Aus Idealismus? Wenn mein Team und ich uns nicht für die Bürger einsetzen würden, dann müssten wir mit dem zufrieden sein, was andere machen ... Manche Leute sind einfach unverschämt und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, zulasten der anderen. 90 Prozent haben alles in Ordnung, und zehn Prozent starten Frontalangriffe, sind untergriffig oder schleimen sich ein. Es kann nicht sein, dass die 90 Prozent die Dummen sind. Darum fahren wir in allen Bereichen eine klare und nachvollziehbare Linie.

Können Sie sich noch daran erinnern, warum Sie politisch aktiv geworden sind?
Das weiß ich noch genau. Es war 2005, als ich mir gedacht hab‘, so kann es einfach nicht weitergehen. Wir hatten politisch keine Linie, das war nicht gut.

Im Nachhinein ist man bekanntlich klüger. Würden Sie das Amt des Bürgermeisters wieder annehmen?
Rational gesehen muss man sicher sagen: 1.000 Rosen ... und lassen wir’s. Aber im Leben ist eben nicht immer alles rational. Als Junger ist der Idealismus noch höher, du glaubst, du kannst die Welt verändern, kannst eine kleine politische Revolution starten. Das ist auch gut so. In der Landjugend haben wir viel politisiert. Jetzt weiß ich, Bürgermeister zu sein besteht aus 80 Prozent Verwaltungstätigkeit. Du musst die Gemeinde ähnlich wie ein Unternehmen führen, mit sozialem Touch. Das Betriebswirtschaftliche – und da kommt der Steuerberater in mir durch – darf man dabei aber nicht aus den Augen verlieren.

Hat Sie das Bürgermeisteramt verändert?
Sicher. Ich sehe jetzt vieles gelassener, das mich früher noch aufgeregt hätte. Auf der anderen Seite macht einen das Amt auch härter. Du musst dir einen gewissen Abstand schaffen, sonst gehst du unter. Und am Anfang glaubst du noch, du hast Freunde, aber sobald du bei ihnen anstreifst, dann sind sie es nicht mehr. Das ist schon bitter. So etwas verändert einen sicher.