Hollabrunn

Erstellt am 12. Oktober 2016, 05:27

von Ines Schaberger

Deutschkurse: "Integration fängt bei Sprache an“. Ehrenamtliche lehren Flüchtlinge im Pfarrzentrum. Verstärkung ist jederzeit willkommen.

Ilse Kurmayr aus Hollabrunn mit ihren Schützlingen: Suliman Rahimi (l.) aus Schalladorf und Shahmali Abrahimi aus Oberstinkenbrunn.
 
 |  Ines Schaberger

Wer eine fremde Sprache lernt, jammert meist über die vielen Vokabeln, die mühsam gelernt werden müssen. Dann kommt noch die Grammatik mit ihren Regeln und Ausnahmen dazu. Den gesamten Alltag in einer Fremdsprache zu meistern, würde uns schnell an unsere Grenzen bringen. Flüchtlinge müssen das.

In Hollabrunn sind es zum Beispiel Männer aus Afghanistan und Frauen aus Somalia. Ohne Unterstützung von engagierten Freiwilligen aus dem Bezirk wären sie aufgeschmissen. Eine erste Anlaufstelle ist der Deutschkurs des Arbeitskreises für Integrationsbemühungen.

Mittwochnachmittag. Die Türen des Pfarrzentrums St. Ulrich stehen offen, die Freiwilligen warten schon. Männer und Frauen jedes Alters, vom Kind bis zur Großmutter, kommen herein: „Hallo!“ „Wie geht’s?“ „Schön, dich zu sehen!“ Vor ein paar Monaten wäre diese Art der Begrüßung noch nicht möglich gewesen, denn da konnte die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler kein Wort Deutsch.

Lektion 16, Freizeitbeschäftigungen. Die Flüchtlinge lernen zunächst einfache Sätze, die sie auch im Alltag verwenden können.  |  Ines Schaberger

"Die meisten sind interessiert und wollen lernen.“

Ilse Kurmayr setzt sich mit zwei Männern mittleren Alters an einen Tisch. Heute geht es um Freizeitbeschäftigungen. „Was machst du gerne?“, fragt sie Suliman Rahimi. „Ich koche gerne“, antwortet der. Frau Ilse lässt nicht locker: „Was kochst du gerne?“ „Ich koche Reis, Nudeln, Kartoffeln, Gemüse“, bekommt sie zur Antwort. Nun ist Ilse Kurmayr zufrieden.

Die pensionierte Deutschlehrerin war von Anfang an mit dabei: „Es freut mich sehr, wenn die Schüler vom letzten Jahr wiederkommen. Die meisten sind interessiert und wollen lernen.“ Sie wiederholt das bisher Gelernte, und legt dabei vor allem Wert darauf, dass ihre Schützlinge ganze Sätze bilden.

Am Nebentisch versucht ein Helfer, die Redewendung „glatt wie ein Babypopo“ zu erklären. Gar nicht so leicht.

Die Kommunikation klappt ganz gut, mit Händen und Füßen und einfachen Sätzen. Spontanität, Geduld und ein großes Herz für die Flüchtlinge überwinden auch Sprachbarrieren. Wenn jemand mal nicht weiterweiß, springt Sameh ein. Der 18-jährige Afghane ist seit einem Jahr in Österreich und hat den ehrenamtlichen Deutschkurs und die Sprachschule Hollabrunn besucht.

"Nicht alle tun sich leicht mit dem Deutschlernen"

Deutsch hat der motivierte junge Mann auch mit Youtube-Videos und Zeitungen gelernt. Seit Anfang September geht er in die erste Klasse der HLW Hollabrunn. Sein Berufsziel hat er klar vor Augen: „Ich möchte zur Polizei!“ In Afghanistan hätte er auch Karate betrieben, „aber jetzt habe ich keine Zeit, weil ich viel Hausübung habe“, sagt Sameh.

Nicht alle tun sich so leicht mit dem Deutschlernen. Einige ältere Frauen hatten nicht die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen; ihnen das Alphabet beizubringen, ist eine große Herausforderung. Wie die Hollabrunner Taferlklassler fangen sie mit Schwungübungen an. Sorgfältig malt Sukra aus Afghanistan mit einem Bleistift gerade Striche und Halbkreise in ihr Heft. Die Konzentration ist ihr ins Gesicht geschrieben.

„Man muss sich auch eingestehen, dass manches nicht mehr geht“, sagt Martina Katt-Weckmar. Die Organisatorin des Deutschkurses überlegt ständig, wie sie mit den unterschiedlichen Wissensständen ihrer Schützlinge umgehen soll. „Ich versuche, mich jetzt auf die alltäglichen Ausdrücke zu konzentrieren und weniger auf die Grammatik.“

"Mir macht es viel Spaß"

Als Erfolge feiern Martina Katt-Weckmar und ihre Kollegen, wenn die Flüchtlinge lernen, pünktlich zu den Unterrichtseinheiten zu kommen. „Es macht mich froh, dass die ältere Generation auch lernt“, sagt Pfarrer Franz Pfeifer. Seine Pfarre stellt die Räumlichkeiten dreimal die Woche für den Deutschkurs zur Verfügung. „Was mich freut, ist, dass die Flüchtlinge das Pfarrzentrum als ihr Zuhause adaptiert haben“, sagt er.

„Es ist jedes Mal spannend, wer kommt und wer welche Hilfe braucht“, sagt Gabriele Watzal. Sie unterrichtet Religion und Latein am Gymnasium Hollabrunn und kommt seit einem halben Jahr regelmäßig rüber ins Pfarrzentrum. „Mir macht es viel Spaß, Menschen aus verschiedenen Kulturen kennenzulernen und ihnen helfen zu können. Integration fängt bei der Sprache an.“