Erstellt am 19. November 2015, 05:03

von Karin Widhalm

Ein Dorf nimmt Flüchtlinge auf. Ein Verein und Jetzelsdorfer kümmern sich um Familie Al-Ass aus Syrien. „Vielleicht sollte unser Modell Schule machen.“

Seite an Seite (v.l.): Ghofran Al-Ass, Norbert Baumgartner, Kati Martinek, Markus Glanz, Khaled Al-Ass, Pater Placidus Leeb, Heidi Bauer mit den Kindern Aya und Yamen Al-Ass. Foto: Karin Widhalm  |  NOEN, Karin Widhalm

„Hallo, wie geht's dir?“, grüßt Khaled Al-Ass. Der fröhliche Mann floh mit Gattin Ghofran und zwei Kindern aus Damaskus, der Hauptstadt Syriens, und kann sich mittlerweile gut auf Deutsch ausdrücken.

Er lebt seit 1. Oktober in einem Privathaus in Jetzelsdorf – einem Ort, in dem sich ein Verein um die Integration der Flüchtlinge bemüht.

Verein konnte zeigen, wie Integration funktioniert

Kati Martinek, Harald Böckl, Heidi Bauer und Thomas Diem zählen zur Kerngruppe des Vereins „Sahha“. Sie organisierten unter demselben Namen ein Benefizfest in der Weinkirche, bei der man die Flüchtlingsfamilie kennenlernen konnte.

Ghofran Al-Ass kochte mit Erni Pröstler und anderen Damen syrisch auf: Mtabal (Melanzanipüree) war etwa dabei, auch Ayran: Das Joghurt-Getränk hatte in dieser Variation eine Knoblauch-Note. Ghofran bereitete seinen Gewürztee mit Kardamom zu und gab die Speisen aus: Welche Zutaten enthalten sind, stand auf Kärtchen.

Heidi Bauer war unsicher: Sie dachte sich, entweder kommen kaum oder sehr viele Menschen zu „Sahha“. „Jetzt wissen wir: Wir werden überrannt und das ist gut so“, freute sie sich sehr. Der Verein konnte zeigen, wie die Integration funktioniert.

Die Familie werde als Bereicherung und nicht als Belästigung gesehen. „Würden alle 17.431 Orte in Österreich je vier Kriegsflüchtlinge aufnehmen, könnten knapp 70.000 Personen eine neue Heimat finden“, ist Kati Martinek überzeugt. „Dann hätten wir keine ‚Krise‘, sondern eine ‚Aufgabe‘. Vielleicht sollte das Jetzelsdorfer Modell Schule machen.“

„Das bissl Essen, das sie haben, wird geteilt“

Jetzelsdorfer lernen mit der Familie Deutsch und binden sie in ihre Freizeitaktivitäten ein. Heidi Bauer erzählt, dass Ghofran und Khaled Al-Ass bei der Akustikprojekt-Eröffnung in der Weinkirche mitgeholfen haben. Das Ehepaar ist daran interessiert, Bekanntschaften zu schließen. „Sie sind sehr gastfreundlich. Das bissl Essen, das sie haben, teilen sie mit dir“, schildert Kati Martinek.

Aya und Yamen suchten schon fünf Tage nach ihrer Ankunft die Volksschule auf. „Das funktioniert super“, berichtet Birgit Heugl, Klassenlehrerin des syrischen Buben. Freiwillige lernen mit den beiden Kindern täglich eine Stunde lang Deutsch. Resi Baar, „Leseoma“ der Schule, zählt zu dieser Gruppe: „Sie sind sehr flott unterwegs“, ist sie stolz. Verena Fidler gibt Aya zusätzlich auch Klavierunterricht.

Der Verein überlegt nun, welche weiteren Veranstaltungen organisiert werden sollen. Der Reinerlös von „Sahha“ kommt der Familie Al-Ass zugute.


Hintergrund

Familie Al-Ass floh aus einem Bürgerkriegsland und erreichte nach 21 Tagen Traiskirchen – mit allen möglichen Verkehrsmitteln: Flugzeug, ein überfülltes Boot, per Autostopp oder Zug. Einen Teil der Strecke gingen sie zu Fuß.

Einen Monat lang waren sie in einem Zeltlager in Traiskirchen. Die Kinder wurden dort krank.

Jetzt leben sie in einer voll ausgestatteten Jetzelsdorfer Privatwohnung, mietfrei (aufgrund eines Präkariatsvertrages mit der Diakonie) und ohne Zentralheizung. Das Feuermachen im Ofen musste erst gelernt werden. Dieses Wissen ist im warmen Syrien nicht erforderlich.

Die Pfarre richtete ein Spendenkonto (IBAN AT21 2021 8000 0004 2416) ein. Übrigens: Das arabische Wort „sahha“ bedeutet so viel wie „gut“.