Göllersdorf

Erstellt am 14. Juli 2016, 04:41

von Sandra Frank

JA-Leiterin: „Mit Herz & Verstand, sonst geht‘s nicht“. Sie ist die einzige Anstalt, in der geistig abnorme Rechtsbrecher untergebracht sind.

Die Justizanstalt Göllersdorf ist nach außen ganz klar ein Gefängnis. Im Inneren gleicht der Betrieb einer Psychiatrie. Foto: NÖN  |  NOEN

„Wir müssen zurechtkommen, einen Plan B gibt es nicht.“ Karin Gruber ist das 13. Jahr Leiterin der Justizanstalt Göllersdorf, die österreichweit einzigartig ist und nicht zuletzt deshalb immer wieder im Interesse der Öffentlichkeit steht. „Wir sind nach außen eine Justizanstalt, aber nach innen eine Psychiatrie.“

Betreut werden in Göllersdorf die sogenannten „21/1er“. Das sind Straftäter, die nach dem Paragraph 21/1 des Strafgesetzbuches eingewiesen wurden und allgemein als „geistig abnorme Rechtsbrecher“ bezeichnet werden.

Zehn Jahre Probezeit bei Gewaltdelikten

Karin Gruber leitet seit 13 Jahren die Göllersdorfer Justizanstalt. Foto: NÖN  |  NOEN

Weil es zu Göllersdorf keinen Plan B gibt, wird die Anstalt oft als „Endstation“ bezeichnet. „Aber das sind wir nicht“, wehrt sich die Leiterin gegen diesen Ausdruck. Auch wenn die Klientel schwierig ist, 2015 konnten 17 Patienten bedingt entlassen werden.

Die Probezeit beträgt hier fünf Jahre, bei Gewaltdelikten sogar zehn. „Wenn der Patient in dieser Zeit auch nur irgendetwas anstellt, sei es, dass er die Einnahme der Medikamente verweigert, wird die Entlassung widerrufen und er kommt zu uns zurück.“ Dann werde von vorne begonnen.

Der Weg zur bedingten Entlassung ist ein langer. Wie dieser Weg der 21/1er aussieht, beschreibt Gruber: Ein Neuzugang werde auf der Akutstation untergebracht. Dort stehe er zwei bis drei Wochen unter Beobachtung der verschiedenen Dienste – Justizbeamte, die den Sicherheitsstatus checken, und Pflegepersonal, das die Pflegebedürftigkeit einschätzt.

„Man darf sie nicht einfach wegsperren“

„Wichtig ist, dass der Patient rasch medikamentös behandelt wird“, betont Gruber, dass die Krankheit im Vordergrund stehe. „Man darf sie nicht einfach wegsperren“, werde außerdem an einer zwischenmenschlichen Beziehung gearbeitet. Nachdem sich die verschiedenen Dienste ein Bild des Patienten gemacht haben, wird besprochen, auf welche der sechs Wohnstationen er untergebracht wird.

Dort leben 20 bis 22 Patienten pro Gruppe. Aus den täglichen Visiten der Akutstation werden wöchentliche. Ein multiprofessionelles Team kümmert sich um die Untergebrachten. Soweit es möglich ist, werden die Patienten beschäftigt, etwa in der gefängniseigenen Wäscherei oder dem Unternehmerbetrieb. „Arbeit ist ein wichtiger Anknüpfungspunkt an die Realität“, weiß Gruber.

In einer Basisgruppe wird den Untergebrachten erklärt, weshalb sie in der Anstalt sind und wie ihre Taten mit ihrer Krankheit zusammenhängen. Sie werden über ihre Krankheit aufgeklärt, wie sie Symptome erkennen und sich Hilfe holen müssen. „Das ist nicht immer einfach ...“, denkt Gruber diesbezüglich an die größte Gruppe, die Schizophrenen.

„Im Schnitt sind 30 Patienten draußen“

Nach einem Jahr kommt es zur Fallkonferenz, die verschiedenen Fachteams besprechen, wie die Zukunft des Patienten aussehen soll. In weiterer Folge wird auch über Lockerungen des Vollzugs gesprochen. Bei Ausgängen zeigen sich oft Defizite der Patienten, wie etwa der Umgang mit Geld. An denen wird dann gearbeitet. Funktioniert das gut, folgen Unterbrechungen der Unterbringung. Der Patient wird dann in Einrichtungen mit forensischem Schwerpunkt untergebracht. „Im Schnitt sind etwa 30 Patienten draußen.“

Auch wenn die Krankheit der Untergebrachten im Vordergrund steht, ist die Sicherheit ein wichtiges Thema. „Sie brauchen gewisse Strukturen, weil sie etwas angestellt haben“, so Gruber über die Patienten. Eine Anstalt, die mit Göllersdorf vergleichbar ist, gibt es nur in Asten (Oberösterreich).

Der Unterschied zwischen den beiden Einrichtungen? „Die, die mehr Struktur und mehr Sicherheit brauchen, die sind bei uns untergebracht.“ Tag und Nacht sind Arzt, Psychiater und Justizbeamte verfügbar. Das ist auch der Grund, weshalb nach Göllersdorf oft „prominente“ Neuzugänge, wie zuletzt der Grazer Amokfahrer, kommen.

Die dichte Betreuung sei wichtig, um den Patienten die nötige Stabilität zu geben. „Und dazu braucht es alle.“ Es könne auf keine Berufsgruppe verzichtet werden. „Jeder macht seines, aber wir ziehen alle an einem Strang. Wichtig ist, dass man mit Herz und Verstand dabei ist, sonst geht es nicht.“ Und diese Voraussetzungen erfüllen die Bediensteten der Anstalt. „Ohne die würd‘ gar nichts gehen ...“, weiß Gruber, was sie an ihrem Team hat.

Der Maßnahmenvollzug steht indes vor einer großen Reform. Gruber fürchtet sich davor nicht: „Mir ist nur eines wichtig: Dass gesehen wird, wie gut unser Netzwerk funktioniert und keine Berufsgruppe geschmälert wird.“ Das A und O sei es, dass die 21/1er von den 21/2ern – geistig abnorme Rechtsbrecher, die zum Zeitpunkt der Tat aber zurechnungsfähig waren – getrennt bleiben. „Die brauchen einfach eine andere Behandlung, man darf hier nicht mischen“, betont die Göllersdorfer Anstaltsleiterin.