Erstellt am 20. April 2016, 05:04

von Christoph Reiterer

Kaltenböck: „Haben wir Angst vor dem Teilen?“. Cäcilia Kaltenböck reflektiert „Krieg im Internet“ und lädt ein, im Arbeitskreis Zeit zu teilen.

Aktiver Arbeitskreis mit den Lehrern Ilse Kurmayer, Harald Perko und (im Hintergrund) Oskar Luger. Foto: privat  |  NOEN, privat

Bürgermeister Erwin Bernreiter (VP) wollte sich nicht weiter dazu äußern und vergangene Woche auch dem ORF kein TV-Interview mehr zum Ende der Flüchtlingsunterbringung geben. Heiß diskutiert wurde die vom Gemeindechef angeordnete Absiedelung der unbegleiteten minderjährigen Asylwerber in Hollabrunn aber auch in den letzten Tagen.

Ausgelöst wurde die Maßnahme, wie berichtet, durch die Verhaftung eines jungen Afghanen, der im Studentenheim wohnte. Er soll sich im Bezirk Korneuburg an einer 13-Jährigen vergangen haben –

und weiter unten.

„Gerechtes Gerichtsverfahren für jeden Straftäter“

Es waren ihrer Meinung nach zu viele Menschen, die sich bemüßigt fühlten, dazu einen Kommentar abzugeben, und die damit einen regelrechten „Krieg“ im Internet entfachten, reagiert nun Cäcilia Kaltenböck. Der Wahrheitsfindung sei damit ein schlechter Dienst erwiesen worden, meint die Leiterin des Arbeitskreises für Integrationsbemühungen in Hollabrunn.

Kaltenböck erinnert an eine Erkenntnis des Theologen Paul M. Zulehner: „Wer das christliche Abendland mit unchristlichen Mitteln zu retten versucht, wird seinen Untergang beschleunigen.“ Straftäter, egal welcher Herkunft und Muttersprache, hätten in Österreich ein gerechtes Gerichtsverfahren zu erwarten, betont die Arbeitskreisleiterin und fragt: „Wer von uns teilt aber die Ängste derer, die keine Zukunftsperspektiven haben? Haben wir in unserer Wegwerfgesellschaft Angst vor dem Teilen?“

Im Arbeitskreis für Integrationsbemühungen gebe es jedenfalls genug Gelegenheiten zum Teilen. An die 20 Ehrenamtliche teilen seit 14. März dreimal pro Woche ihre Zeit mit Asylwerbern, die beim Alphabetisierungskurs im Pfarrzentrum mit großem Eifer bei der Sache seien.

Ungefähr genauso viele Ehrenamtliche ermöglichen den Frauen die Teilnahme am Sprachkurs in der Sprachschule durch Betreuung ihrer Kleinkinder im Haus der Frauen. Jugendliche teilen ihre Freizeit, um mit schulpflichtigen Kindern zu üben. „Diese machen übrigens ganz großartige Fortschritte – gemessen an der Zeit, die wir benötigten, Arabisch oder Farsi zu erlernen“, merkt Kaltenböck an.

Stifter stellt klar: „Kein politisches Kleingeld“

Serviceclubs und Stiftungen teilen dem Arbeitskreis Geld zu, damit die eifrig Lernenden noch besser und schneller wirklich Teil der Gesellschaft werden können. Patenschaften für Asylwerber und Asylberechtigte zu übernehmen bedeute, sich Zeit einzuteilen für Arztbesuche und Behördenwege, über Grenzen hinweg in Verbindung zu bleiben und Interesse an der Zukunft der Flüchtlinge zu zeigen.

Das Christentum in Europa brauche einen fundierten Dialog zwischen den Religionen. „Das setzt voraus, dass wir wissen und leben, was wir glauben. Die Konfrontation mit anderen Religionen und Glaubensgemeinschaften kann sehr fruchtbringend für uns und unsere Kinder und Enkelkinder werden“, meint Kaltenböck. „Im Arbeitskreis haben wir den Dialog begonnen.“

Stadträtin Elke Stifter (SP), die selbst schon viele ehrenamtliche Stunden zur Betreuung von Asylwerbern geleistet habe, ließ indes ausrichten, dass sie kein politisches Statement zu der Causa rund ums Studentenheim abgeben will. Die SPÖ wolle kein politisches Kleingeld daraus schlagen, Sachlichkeit müsse bei einem so heiklen Thema im Vordergrund stehen.

„Wir wollen weder dem abrupten Handeln der Hollabrunner ÖVP, welches mit keinen anderen politischen Fraktionen abgestimmt war, beipflichten, noch den Bürgermeister zum Rücktritt auffordern“, heißt es in einer Aussendung. Der Standort im Studentenheim hätte hinterfragt werden können.

NÖN.at hatte berichtet:


Zum Thema

  • Wer Wissen, Können und/oder Zeit teilen möchte, um im Arbeitskreis mitzuarbeiten, kann sich in der Pfarre Hollabrunn melden. Kontakt: 02952-2651, pfarre@ hollabrunn.aon.at, drehscheibe-hollabrunn@gmx.net.

  • Am Donnerstag, dem 28. April, lädt der NÖAAB Hollabrunn zu einer Vorstellung des Arbeitskreises für Integrationsbemühungen. Manfred Pernsteiner vom Innenministerium spricht über „Flüchtlinge – Zahlen, Daten, Fakten“. Beginn im Stadtsaal Süd: 18 Uhr; danach: Gedankenaustausch bei Brot & Wein.

  • Während die Befragten bei einer NÖN-Umfrage in der Stadt die Entscheidung des Bürgermeisters, die jungen Flüchtlinge abzusiedeln, durchwegs begrüßten, brachte dieselbe Frage auf hollabrunn. NÖN.at ein anderes Ergebnis: 79 % der Klicks entfielen auf „Nein“, die Entscheidung des Stadtchefs sei nicht nachvollziehbar.