Erstellt am 03. April 2016, 05:54

von Karin Widhalm

Misners Hobby: Stück für Stück zur Dampflok. Fünf Jahre, tausende Teile: Ernst Misner hat eine Leidenschaft für Lokomotiven, die er millimetergenau baut.

Ein Teil des Lichts funktioniert schon. Ernst Misner bemalt manche Stücke zur besseren Sichtbarkeit im Nachhinein rot. Fotos: Karin Widhalm  |  NOEN, Karin Widhalm
Die Krippenbauer kennen Ernst Misner recht gut: Er bemalt trockene Birken-Kätzchen gelb, sodass sie zu hängenden Maiskolben werden. Er führt winzige Holzstücke zusammen, sodass sie zu einem Brunnen werden.

Der Obernalber bastelt seit Kindesbeinen an und bringt sein Wissen jährlich beim Krippenbau-Kurs des Dorferneuerungsvereins Altstadt Retz ein. Das ist aber längst nicht alles.

„Eine Handvoll bleibt immer über, die nicht passen“

Seine derzeitige Spezialität sind Lokomotiven. Die Kriegslokomotive der Baureihe 52 ist in natura im Eisenbahnmuseum in Sigmundsherberg (Bezirk Horn) zu sehen – und in Miniaturform im Misner’schen Wohnhaus.

Der Pensionist hat in den vergangenen vier Jahren zwei bis drei Stunden täglich damit verbracht, Pläne zu organisieren, eigene Zeichnungen für Einzelteile zu machen, Bücher zu lesen, Material zu finden und diese detailgetreu an ihren richtigen Platz zu führen. 6.000 bis 8.000 Teile sind’s, die er zu einem großen Teil erst selbst angefertigt hat.

Stück für Stück entsteht so seine Dampflokomotive: Genau dieser Prozess fasziniert Misner. Viel Einsatz, viel Durchhaltevermögen und mitunter viel Geduld ist da gefragt. „Wenn mir zum dritten Mal ein Teil runter fällt, ist es besser, ich höre auf“, lächelt er.

Einfach aufheben? Weit gefehlt. Ein sechs Millimeter langes Schräubchen kann am Werkstatt-Boden fürs menschliche Auge unauffindbar bleiben. „Fällt’s runter, ist’s weg.“ Und dann tritt noch ein Phänomen bei der Fertigstellung ein: „Eine Handvoll bleibt immer über, die nicht passen.“

Die Arbeit mit winzigen Stücken ist die zweite Faszination für ihn. Der Obernalber war Elektriker auf großen Baustellen, zuletzt leitete er ganzes Team. Ein komplettes Kraftwerk musste gebaut werden. Beruflich befasste er sich mit großen Dimensionen, privat mit kleinen.

Der verheiratete Mann arbeitet mit Messing und sieht davon ab, das Material schwarz zu streichen. Die Gefahr ist zu groß, dass sich die Teile nicht mehr ordentlich zusammenfügen lassen. Der Lack ist doch eine unberechenbare, zusätzliche Schicht – besonders in dieser kleinen Form.

„Man muss wissen, wie jedes Teil funktioniert“

Misner beginnt stets mit dem Bau der Geleise, dann entsteht das Gerüst für die Dampflokomotive. Er ergründet das Gerät bis in kleinste Detail vor der Errichtung. „Man muss wissen, wie jedes Teil funktioniert.“ Passt ein Teil nicht, muss er ein paar Schritte zurückgehen – und von vorn beginnen. Seine Loks könnten fahren, er lässt sie nicht. „Das reizt mich nicht. Da können mich manche Modellbauer nicht verstehen.“

Er genießt das Bauen an sich: eine Seilbahnstütze, Windräder oder der Pumpenstock aus Bockfließ gehören in sein Repertoire. Die Gaisbergbahn hat er schon mit Waggon gebaut – und die 310er Lok. Diese ist für ihn das „Nonplusultra“. „Ein Rad ist größer als ein Mensch und misst 2,14 Meter“.

Frühere Lokführer kennen inzwischen seine Arbeit: Sie besuchen mit ihrem prüfenden Blick Misner – und wollen wissen, ob alles originalgetreu ist. „Sie finden fast nichts und wenn, dann nur Kleinigkeiten“, freut er sich. Die Lokomotive der Baureihe 86 war sein Projekt, das er zuvor abgeschlossen hat. Diese Art benötigt einen Schlepptender, in dem Brennstoffe und Wasser mitgeführt wurden. Die 52er Lok hat den Tender integriert.

Der Laie, der die Lok sieht, denkt sich: Die kleine Dampfmaschine ist fertig. Dem ist nicht so: Misner schätzt, dass er noch ein Jahr daran tüfteln wird. Der Führerstand benötigt noch alle Hebel und andere Details. Ölleitungen werden noch verlegt. Die elektrische Beleuchtung ist nicht vollständig.
Aber er denkt schon an sein nächstes Projekt: ein Schotterwagen, der zum 52er dazugehört. Die Pläne dafür hat er schon mal vergrößern lassen.