Erstellt am 14. November 2015, 05:08

von Karin Widhalm

Nachkriegserinnerungen: „Die schwerste Zeit“. Man verhinderte Brückensprengungen, hisste weiße Fahnen und landete in Gefangenenlager: Zeitzeugen schildern Erlebnisse aus dem Jahre 1945.

Erinnerten sich im Stadtsaal an 1945 (v.r.): Erwin Röck, Gerhard Gschwandtner, Herbert Basler, Edeltraud Röck, Herta Kempernek, Ludwig Wurst und Ernst Pischinger. Foto: Karin Widhalm  |  NOEN, Karin Widhalm
70 Jahre ist es her: 1945 endete der Zweite Weltkrieg. Wie hat Pulkau diese Zeit erlebt? Edeltraud und Erwin Röck organisierten für die Kulturtage ein Zeitzeugengespräch.

Sprengung der Brücken im Fokus der Wehrmacht

1938, im Jahr des Anschlusses an das Deutsche Reich, übernahm ein NSDAP-Mitglied den Posten des Bürgermeisters. Zu seinen Amtshandlungen zählte auch, dass 1939 der Rathausplatz in „Adolf Hitler-Platz“ unbenannt wurde. Er floh, als 1945 „die Reste der geschlagenen Deutschen Wehrmacht“ die Stadt „fluten“. So hält das Sitzungsprotokollbuch fest.

Die Wehrmacht hatte nur eines im Sinn: die Sprengung der Brücken. „Einige beherzte Männer haben in gefahrvoller Arbeit die Zünder entfernt. Diese Sprengung hätte dem Markt schwere bauliche Schäden zugefügt“, steht im Schriftstück, aus dem die Röcks vorlasen.

Alois Puschnik schilderte einen Unglücksfall aus dieser Zeit: Ein Militärzug aus Rafing stieß schon im April führerlos und ungebremst auf einen Räumungszug. 15 Soldaten starben. „Verschuldungsfrage und Schadenshöhe wurden wegen der Kriegswirren nie behandelt.“

UdSSR-Armee: Einbrüche und Vergewaltigungen

Die Ankunft der Roten Armee im Mai wird im Gemeindeprotokoll als die „schwerste“ Zeit bezeichnet. Man hatte Angst: „Wir haben eine weiße Fahne gehisst, zum Zeichen der Kapitulation“, erzählte Herbert Basler, damals neun Jahre alt. Die Armee requirierte Haustiere und Fahrzeuge, brach in Weinkeller ein. Soldaten vergewaltigten. Gerhard Gschwandtner, damals 14 Jahre alt, erinnert sich – ohne viel zu erzählen: „Die Frauen ... das darf man gar nicht sagen. Das war fürchterlich.“

Sieben Soldaten wurden auf der Durchreise in Pulkau von Russen erschossen. „Sie wollten nach Rohrendorf, weil sie einer Familie die freudige Nachricht vom Überleben eines Kameraden überbringen wollten“, berichtet Josef Forsthuber später. Ernst Pischinger erzählte, wie er als 17-Jähriger mit einer Gruppe junger Männer nach einem Kinobesuch in Sigmundsherberg auf dem Weg nach Missingdorf von Russen verfolgt wurde.

Herta Kempernek las den Bericht ihres Gatten Hans vor, der im August mit 22 anderen „Heimkehrern“ von schwer bewaffneten Russen zu einem Marsch nach Sigmundsherberg gezwungen wurde. Er landete im Gefangenenlager Temesvar (Rumänien). Er kam nach einem Monat abgemagert, mit Fieber und Durchfall wieder nach Hause.

„Skola“ stand schon in kyrillischer Schrift am Schulgebäude, „was sichtlich Wirkung zeigte“, steht in der Schulchronik. Die Schüler grüßten wieder mit „Grüß Gott“ statt „Heil Hitler“.