Erstellt am 16. März 2016, 05:04

von Christoph Reiterer

Neuanfang ganz ohne die Familie. Die deutsche Sprache fällt immer noch schwer. Betreuer suchen nun nach „Buddies“ für die Jugendlichen in Hollabrunn.

Lena Appel mit zwei ihrer Schützlinge. Sie leitet auch eine WG in Deutsch-Wagram. »Dort weht ein anderer Wind«, freut sich die Hollabrunnerin über die Toleranz in ihrer Heimatstadt. Foto: NÖN  |  NOEN, NÖN

Es geht lustig zu in der Wohngemeinschaft im Studentenheim. Gleich nach dem Eingang sitzt ein ehemaliger HTL-Lehrer mit einem 17-jährigen Burschen aus Afghanistan auf einem Sofa und plaudert mit ihm.

„Sie kommen vom Hundertsten ins Tausendste. Gerade haben sie über das Mostviertel gesprochen“, lacht Lena Appel, Leiterin der Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Hollabrunn, kurz UMF-WG. Sie ist aktuell auf der Suche nach Patenschaften für die ausschließlich männlichen Jugendlichen.

„Ich muss die Sprache lernen, dann
kann ich darüber nachdenken“
Einer der jungen Flüchtlinge

Es sind 21 Burschen aus Afghanistan, dem Irak und Syrien, 14 bis 17 Jahre alt, die im Herbst von den Kriegswirren in ihrer Heimat nach Österreich geflohen sind. In Hollabrunn haben sie ein Quartier gefunden, das sie – wenn nichts Unvorhergesehenes passiert – bewohnen können, bis sie großjährig sind.

Und dann? „Das Problem ist die Sprache. Ich muss die Sprache lernen, dann kann ich darüber nachdenken“, erzählt ein 17-jähriger Afghane. Er spricht schon wesentlich besser Deutsch als die meisten seiner Mitbewohner. Wie zwei andere besucht er die HTL in Hollabrunn.

Zwei Burschen sind in der HAK, zwei in der Polytechnischen Schule, einer besucht die Neue Mittelschule. Neun werden im Rahmen der Flüchtlingsklasse unterrichtet, die seit Dezember in Kooperation von HAK, HLW und HTL geführt wird. Vier von den minderjährigen Flüchtlingen sind in gesonderten Deutschkursen. Für sie war auch die Übergangsklasse zu schwierig.

Patenschaft: „Einfach Zeit miteinander verbringen“

Die Burschen fühlen sich ganz offensichtlich wohl in ihrer WG. Sie lachen viel, blödeln. Einer erzählt auf Nachfrage von seiner Flucht: von Afghanistan über Teheran mit dem Auto zur türkischen Grenze; mit Auto, Bus und per pedes über Istanbul nach Griechenland; mit dem Schiff über eine Insel aufs Festland nach Athen; ein Marsch durch Mazedonien; ein Stück mit Zug; schließlich über Ungarn nach Österreich.

„Wir sind um 1 Uhr Früh angekommen. Es war sehr kalt. Die Kleidung war ganz nass“, erinnert sich der Bursche. Er lebte in einem Zelt in Traiskirchen, dann in der Klosterneuburger Kaserne, ehe er nach Hollabrunn kam.

Die UMF-WG wird vom Verein menschen.leben betreut. Dieser sucht nun „Patinnen“ und „Paten“ für die Burschen. „Eine Patenschaft für einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling kann vieles bedeuten“, erklärt Lena Appel. „Gemeinsam lernen, spielen, gemeinsame Spaziergänge, Hilfe bei den Hausaufgaben, kleine Ausflüge, Sport, gemeinsames Kochen“ – einfach Zeit miteinander zu verbringen.“

Für die unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge sei es eine sehr schwierige Lebenssituation. „Sie müssen in fast jeder Hinsicht neu anfangen – und das alles ohne Hilfe von Eltern und Familie.“

Der ehemalige HTL-Lehrer kommt in Appels Büro und verabschiedet sich. „Sie sind vif, die Kerln“, sagt er über die WG-Bewohner und lacht.


Buddies gesucht

menschen.leben sucht Personen, die den ein oder anderen Jugendlichen ein kleines Stück auf seinem Weg begleiten wollen. Lena Appel informiert über alle Möglichkeiten, Zeit zu spenden: 0650-2650775, appel@menschen-leben.at.


Hintergrund

  • Vergangene Woche veranstaltete der Verein menschen.leben für die Flüchtlingsburschen einen Workshop, bei dem die „Geschlechterrollen“ in Österreich im Blickpunkt standen. Geleitet wurde der Kurs von Diplomsozialarbeiter Mario David, dem Leiter der jugendarbeit.07 in Hollabrunn.

  • Teil des Workshops war ein Improtheater. In einem Stück wurde dargestellt, wie ein Mann die Grenzen einer Frau missachtet. Die Jugendlichen durften in die Rolle der Regisseure schlüpfen und bekamen die Aufgabe, die Situation zu deeskalieren. In einer zweiten Szene wurde ein introvertierter Jugendlicher im Raucherhof einer Schule als Streber beschimpft und gemobbt.

  • „Ich finde es gut, dass wir diese Kultur kennenlernen, damit wir nicht falsch verstehen“, meinte ein Teilnehmer.