Erstellt am 19. Februar 2016, 04:54

von Karin Widhalm

OBENauf: Gästehaus wird schon gebucht. Erste Interessenten möchten schon am Bauernhof der Caritas urlauben. Die fünf Zimmer stehen schon (fast) für sie bereit.

Auf der Zielgeraden. Studentinnen sind gerade dabei, die Betitelungen, wie hier AUFkochen, an die Wand zu tupfen.  |  NOEN, Karin Widhalm

Die erste Veränderung fällt einem gleich im Innenhof auf: ein Betonmöbel mit dem kleinen Relief „OBENauf“. Das ist der erste Hinweis auf eine bislang einzigartige Werkstätte der Caritas-Behinderteneinrichtungen im Weinviertel: Urlaub am Bauernhof.

Umbauprojekt befindet sich auf der Zielgeraden

Das Mobiliar, auf dem noch die Sitzfläche fehlt und aus dem Brunnenwasser fließen wird, soll die Gäste direkt zur Frühstückspension führen. OBENauf ist ein direkter Hinweis auf das Raum-in-Raum-Konzept: Die Sanitärbereiche der fünf Gästezimmer sind in einer holzverkleideten und geräumigen „Box“ – und das „Boxdach“ wird sogar zur Galerie, wenn man die Stufen benutzt.

Die Bezeichnung ist ein wichtiges Markenzeichen: „OBEN 1“ heißt zum Beispiel eines der fünf Gästezimmer. „AUFkochen“ kann man in der Küche. Zwei Studenten der Technischen Universität (TU) Wien sind gerade dabei, die Betitelungen tupfend an die Wand anzubringen.

Das Umbauprojekt ist auf der Zielgeraden: Die Endabnahme erfolgte am vorigen Donnerstag. Alle waren beieinander: Firmenchefs und Mitarbeiter, Studenten und Klienten, leitende Caritas-Verantwortliche und Medienvertreter. Die NÖN, die mit dem Projekt seit der Planungsphase vertraut ist, erhielt die erste Führung.

Das „Alte“ wird mit dem Modernen verbunden

Altes bleibt erhalten: die weiß lackierten Holztüren oder die quadratischen Bodenfliesen. Einiges wurde neu entdeckt: Ein langer finsterer Gang war mal und ist wieder lichtdurchflutet. Die Mauer ließ erkennen, dass da einmal Fenster waren. Manchmal nagte der Zahn der Zeit: Die hölzernen Dielen in einem der Zimmer waren morsch – und mussten entsorgt werden.

Das Mobiliar ist modern gehalten: Viel Birkenholz ist zu sehen. Und die Betonküchenplatten haben die Studenten selbst bearbeitet – wie vieles andere.

17 Monate waren sie involviert, planten, stemmten, gruben, bohrten und, und, und. Sie haben ihre Kontakte fließen lassen, sodass ein italienischer Produzent die Entscheidung traf: Ich stell’ Badfliesen zur Verfügung. Das Designprodukt gefiel so gut, dass dasselbe Muster auf Werbematerialien zu sehen ist.

Thomas Krottendorfer, Caritas-Leiter der Behinderteneinrichtung im Weiviertel, verweilt im Gemeinschaftsraum ein wenig länger. Er beginnt, die kopfüber auf den Tisch gestellten grünen Sessel herunterzuholen: „Jeder sieht anders aus“, sagt er.

Für ihn ist das ein Symbol: Einzeln gesehen sind sie in der Form verschieden und doch wurden sie zu einem „Miteinander“ geführt. „Das Miteinander, das zieht sich von der Entstehung der Idee bis zur Endabnahme durch“, erklärt er.

„Miteinander zieht sich von der Entstehung
der Idee bis zur Endabnahme durch.“
Thomas Krottendorfer

In erster Linie ist die Einbeziehung der Klienten gemeint, die schon beim Umbau mithalfen. Sieben sind seit dem 1. Jänner in der Tagesstätte „Zimmer und Frühstück“ mit ihren Betreuern tätig, 15 Plätze gibt’s insgesamt. „Behindert ist, wer behindert wird“ kam nicht zum Tragen.

Einige Früchte konnten geerntet werden: Ein Bauarbeiter wurde auf einen Caritas-Klienten aufmerksam und fragte ihn, ob er nicht ein Praktikum in ihrer Firma machen wolle. Er wollte.

Die Caritas zeigte schon mit Projekten wie dem Kräutercafé in Laa oder dem Hofladen in Ziersdorf auf, dass Klienten Qualifikationen haben und der Öffentlichkeit die Tür geöffnet wird. Jetzt gehen sie mit „Urlaub am Bauernhof“ einen Schritt weiter. „Eigentlich ist das ein Pionierbereich, den wir da haben“, sagt Krottendorfer.

Die ersten Zimmer wurden schon gebucht, auch von Privatpersonen. Der Betrieb läuft nach der Eröffnung am 1. April an. Viele Ideen können in Anspruch genommen werden: E-Bikes des Retzer Landes, ein mit Caritas-Produkten gefüllter Kühlschrank oder Picknickkorb, Decken oder Liegestühle. Klienten führen Gäste durch Unternalb. Der Teich kann zum Bootfahren und die Feuerstelle zum Grillen genutzt werden.

„Das war uns von Anfang an wichtig, dass wir nicht provisorisch starten“, erklärt Krottendorfer. Deshalb gibt’s auch einen Probelauf vor der Eröffnung, damit das ganze Team eingespielt ist und kleine Mängel beseitigt werden können.


Hintergrund

Das Haus dürfte im 17. Jahrhundert erbaut worden sein. 1721 verlegt das Stift Göttweig seinen Verwaltungssitz von Krems nach Unternalb.

Die Propstei wird stark umgebaut und mit einem dreiflügeligen Hauptgebäude und Wirtschaftshäusern ergänzt. Johann Lucas von Hildebrandt wird die Errichtung zugeschrieben.

1984 übernimmt die Caritas einen Großteil der Anlage, baut nach und nach die Behinderteneinrichtung aus. Ein Flügel war stets der Pfarrhof: Pater Markus Krammer war der letzte Pfarrer, der vor seiner Versetzung nach Hainfeld bis 2012 dort wohnte.

Stift Göttweig trifft die Entscheidung, den Flügel der Caritas zu überlassen. Die Pfarre erhält eine Ersatzräumlichkeit und kann (wie andere) den Gemeinschaftsraum im Gästehaus nutzen.

Die Idee der Tagesstätte „Zimmer und Frühstück“ wird ab 2014 mit 25 Studenten der Technischen Universität in einen Plan verwandelt. Sie sind bis zum Logo-Entwurf aktiv dabei.

Caritas-Klienten werden auf 350 Quadratmetern für das Frühstücksbuffet, die Zimmerreinigung, Wäsche, Reservierung und Abrechnung, Vermittlung von Zusatzangeboten und den Kontakt mit dem Tourismusverein mitverantwortlich sein.