Erstellt am 13. Januar 2016, 04:33

von Sandra Frank und Franz Enzmann

Registrierkassenpflicht: „Es werden weniger Winzer öffnen“. Ernste Sorgen um das Flair der Kellergassen, das so viele Touristen in die Region lockt.

Jungwinzer Markus Schlosser vor seinem PC samt Kassenbondrucker, der bereits problemlos die Rechnungen ausspuckt. Foto: Enzmann  |  NOEN, Enzmann
„Die offene Kellertür ist ganz sicher nicht vorbei“, dementiert Franz Raith, Sprecher der Winzer der offenen Kellertür der Marktgemeinde Nappersdorf-Kammersdorf, dass die Weinbauern diesen Sommer nicht mehr geöffnet haben sollen. Die Gerüchte halten sich hartnäckig, dass die Heurigenbetreiber den Hut draufhauen, weil sie den Mehraufwand, den die Belegpflicht mit sich bringt, nicht mittragen möchten.

Kosten: „Das wird irgendwer zahlen müssen“

Weit über 40.000 Betriebe sind allein in der gewerblichen Wirtschaft Niederösterreichs von der mit 1. Jänner in Kraft getretenen Registrierkassenpflicht betroffen. Schätzungen zufolge ist jedes zweite dieser Unternehmen noch unentschlossen und muss sich noch eine Registrierkasse anschaffen. Auf Drängen der Wirtschaftskammer gibt es noch eine Frist bis Ende März, die Standesvertreter appellieren jedoch, jetzt keine Zeit mehr zu verlieren.

Raith bestätigt aber, dass vermutlich weniger Winzer ihre Presshäuser öffnen werden. „Das hängt aber mit dem Alter zusammen.“ Zwei hören krankheitsbedingt auf. „Aber ich muss ehrlich sagen, einfacher wird es sicher nicht werden“, ergänzt der Nappersdorfer.

Die nun entstehenden Kosten liegen zwischen 4.000 und 8.000 Euro. Viel Geld für kleine Betriebe. „Das wird irgendwer zahlen müssen, und im Endeffekt wird das der Konsument sein“, prophezeit Raith. Er selbst überlegt, seinen Heurigenbetrieb einmal öfter zu öffnen, dafür aber die Tage der offenen Kellertür einzuschränken.

Schlosser: Anschaffungskosten im Rahmen

Winzer Markus Schlosser aus Braunsdorf ist ebenfalls nicht erfreut über die Registrierkassenpflicht. Für den 33-Jährigen halten sich die Anschaffungskosten aber in Grenzen: „Meine Kosten für den Laptop, die Software und den Kassabondrucker beliefen sich auf rund 1.200 Euro.“

Denn mit diversen EDV-Kenntnissen könne man sich bei der Installierung der gesetzlich vorgeschriebenen Kasse einiges ersparen, sagt Schlosser. Die Handhabung sei einfach.

„Bei einem Barumsatz von 7.500 Euro bist du schnell dabei“, weiß Reinhard Zöchmann, Vizepräsident des NÖ Weinbauverbandes, dass viele Betriebe von der Registrierkassenpflicht betroffen sind. Begeistert sei niemand. „Außer vielleicht der Finanzminister ...“

„Schuss geht jetzt genau in die Kellergassen“

In der Praxis müsse ein kleiner Betrieb zwei Personen mehr anstellen, „die mit den ganzen Zetteln herumrennen“, oder man investiert in ein sogenanntes Orderman-System. Die Grundausstattung belaufe sich hier auf etwa 8.000 Euro.

„Der Schuss geht jetzt genau in die Kellergassen, die wir in den letzten Jahren immer beworben haben“, fürchtet der Roseldorfer Winzer um die belebten Ortswinkel. Zöchmann weiß von einigen Betrieben, die sich Investitionen und Bürokratie nicht mehr antun wollen.

„Ich kann mir gut vorstellen beziehungsweise befürchte ich, dass Veranstaltung nicht mehr stattfinden werden“, teilt Hannes Weitschacher, Geschäftsführer der Weinviertel Tourismus GmbH, Zöchmanns Bedenken. Die eine oder andere offene Kellertür sowie das eine oder andere Kellergassenfest werde es künftig wohl nicht mehr geben.



„Aber auch hier gibt es Möglichkeiten, dass zum Beispiel die Verrechnung über eine zentrale Organisation läuft und die Winzer über Gutscheine mit dem Verein abrechnen“, spricht er den hohen administrativen und den finanziellen Aufwand an.

Wer nur an zwei oder drei Terminen im Jahr offen hätte, würde voraussichtlich ohnehin unter den Grenzwert fallen. Dass sogar Heurigen aufgrund der Registrierkassenpflicht den Betrieb einstellen, glaubt Weitschacher aber nicht.

Konzentration vieler Auflagen ist Problem

„Das große Problem ist, dass wir jetzt alle unter Generalverdacht stehen, Schwerverbrecher zu sein“, spricht Vizepräsident Zöchmann auch die schiefe Optik an. Er ist überzeugt: Wer vor der Registrierkassenpflicht „schwarz“ eingenommen hat, wird es weiterhin tun.

„Das Problem ist nicht die Registrierkasse an sich“, sagt LBG-Steuerberater Roland Weber, der derzeit vielen Betrieben beratend zur Seite steht. Das Problem sei die Konzentration vieler Auflagen innerhalb kurzer Zeit, wie etwa die Allergenverordnung oder die Barrierefreiheit. „Das ist einfach unternehmerunfreundlich“, bringt es der Großnondorfer auf den Punkt.

Er bemerkt bei seinen Kunden: „Sie sind ang‘fressen.“ Denn: „Ich geh‘ davon aus, dass 99 Prozent der Unternehmer ohnehin bisher schon angegeben haben, was sie eingenommen haben.“ Und die schwarzen Schafe, die es jetzt genauso gibt, werden erhalten bleiben. „Wenn sie‘s nicht in die Registrierkassa eintippen, dann haben wir wieder einen Schwarzumsatz.“

Die Registrierkasse schade nur den 99 Prozent, die ohnehin schon ehrliche Angaben machen. „Die kleinen Fische werden mit dem großen Netz gefangen. Und die großen Fische werden weiterhin geschont.“ Für Weber ist klar: „Damit bringst du die kleinen Greißler und Wirte um.“


Zum Thema

  • „Es kommen auch jetzt noch viele Fragen“, bestätigt Julius Gelles, Leiter der Wirtschaftskammer-Bezirksstelle in Hollabrunn, wo es im Herbst bereits drei Infoveranstaltungen gab. „Wir raten, sich rechtlich und technisch gut zu informieren und sich jetzt bei den Messen direkt die Aussteller und ihre Systeme anzusehen, damit man ein für seine Bedürfnisse passendes System findet.“

  • Im Weinviertel veranstaltet die Wirtschaftskammer noch Infomessen in Mistelbach (18.1.) und Stockerau (20.1.), jeweils 13 bis 18 Uhr, um den Unternehmern die Kaufentscheidung zu erleichtern. Jeweils um 13, 15 und 16.30 Uhr findet ein Einführungsvortrag statt. Es gibt Beratungsinseln für Handel, Gewerbe und Handwerk, Information und Consulting, Tourismus sowie Transport und Verkehr. Mehr dazu: wko.at/noe/infomessen.