Erstellt am 13. Juni 2017, 11:57

von Karin Widhalm

Ein Pflänzchen gedieh zum „Leitorchester“.

81 Musiker, 165 Proben und 45 Auftritte jährlich – und den Fleiß, der dahintersteckt, kann man hören. Die Stadtkapelle Retz zählt zu der bedeutendsten Musikformation in Niederösterreich und feierte am Wochenende mit der zweitägigen „Musiwiesn“ ihr 50-jähriges Bestehen.
Die Kapelle war 1967 ein Pflänzchen, das fast aus dem Nichts heraus entstand. Retz hatte nach dem Zweiten Weltkrieg eine blasmusikalische Tradition vorzuweisen, diese stand wegen der fehlenden Ausbildungsmöglichkeit auf wackligen Beinen. Rudolf Neubauer, ein junger Lehrer, wollte die Situation verbessern – und legte Tatendrang an den Tag. „Er war ein erfolgreicher Visionär“, erinnert sich Obmann Richard Wimmer.

Gerhard Forman ist der dritte Stabführer innerhalb von 50 Jahren und brachte die Formation mit Disziplin und Leidenschaft zu Höchstleistungen. „Die Kapelle hat sich konstant zu einem enorm wichtigen Leitorchester in Niederösterreich entwickelt“, betont Wimmer, der seit 40 Jahren Mitglied ist.

Forman: Letzte Periode als Kapellmeister

Das sei auch dem sehr gut ausgebildeten Nachwuchs zu verdanken, erzählt Forman. „Die Stadtkapelle steht auf guten Beinen.“ Dieses Wissens ließ in ihm eine Entscheidung reifen: „Das hier ist meine letzte Periode“, sagt er durchaus mit Wehmut. Er wird nur mehr bis zur nächsten Mitgliederversammlung als Kapellmeister fungieren. Matthäus Rössler und Thomas Wurm, seinen jetzigen Stellvertreter, übertrug er immer mehr Verantwortung. Sie werden die Geschicke der Kapelle weiterführen.

Forman selbst wird sich künftig auf einzelne Projekte konzentrieren, möchte weiterhin Leiter des Symphonische Blasorchesters (SBO) und mit seiner Posaune in der Stadtkapelle vertreten sein. „Das Wichtigste ist, dass es gut weitergeht“, ist er diesbezüglich zuversichtlich.
Dass er auf ein gut zusammengespieltes Team zählen kann, zeigte die Musiwiesn. Zwei Jahre dauerte die Organisation, 160 Helfer bewirteten die Gäste, die Retzer buken über 100 Mehlspeisen, 1.000 Essen wurden alleine für die geladenen Musiker vorbereitet. Licht, Strom, die ganze Infrastruktur: „Wir haben eine Stadt geschaffen“, ist Forman stolz.

Marschmusikbewertung war Höhepunkt

„Das hat viel Zeit und Aufwand verschlungen – und steht in keiner Relation. Das ist unbezahlbar“, betont er. „Meine Musikerkollegen haben sich übertroffen“, findet auch Wimmer. Es gehe nicht darum, Profit zu erwirtschaften, erläutert Forman. Der Gast sollte mit Herzlichkeit und als Freund begrüßt werden – nicht umsonst lautete das Motto „Von Freund zu Freund“. Die gegenseitige Hilfe kam gleich am ersten Festtag zu tragen: Theresa Brandstetter, Oboistin der Retzer Kapelle, wechselte nach einem kurzfristigen Ausfall innerhalb der Stadtmusikkapelle Landeck die Uniform. Das Orchester trat nach dem Bieranstich auf und spielte die Konzertstücke auf hohem Niveau.

Höhepunkt am Sonntag war die Marschmusikbewertung: Elf Kapellen traten in der höchsten Stufe E an und die Höchstpunktezahl (96) erreichte die Waldviertler Grenzlandkapelle Hardegg mit Kapellmeister Johann Pausackerl. Nicht nur die Formation „Raumschiff“ beeindruckte die Jury.

Die Festorganisatoren – Stadtkapelle Retz – lagen lediglich einen halben Punkt zurück (95,5) und waren damit gleichauf mit der Trachtenkapelle Ziersdorf und Umgebung.