Hollabrunn , Retz

Erstellt am 15. Juli 2016, 05:52

RK-Leiter Thal: „Stolz auf das, was wir leisten“. Rotkreuz-Bezirksstellenleiter Benjamin Thal über Platznot, Flüchtlinge und seine Wiederwahl.

Bezirksstelle mit Schriftführer Per-Thomas Peichl, Leiter Benjamin Thal, Stellvertreter Markus John, Geschäftsführer Walter Tobeiner, Kassier Lukas Felzmann, Kommandant Helmuth Moun.  |  Rotes Kreuz

Die Rotkreuz-Bezirksstelle versorgt nicht nur ein nicht zu unterschätzendes Gebiet, sondern ist gleichermaßen ein Teil eines hoch spezialisierten Versorgungsnetzwerkes. Benjamin Thal, frisch bestätigter Bezirksstellenleiter, betont in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit eines Hauses, das nicht mit Platznot zu kämpfen hat.
Er geht außerdem auf die Erfahrungen in der Flüchtlingsbetreuung ein und auf sein Vertrauen, dass sich das Team auf einem guten Weg befindet.

NÖN: Die Rotkreuz-Bezirksstelle wird erweitert. Wann ist der Baustart?
Benjamin Thal: Die Errichtung soll – nach einer langen Entwicklung – im Herbst beginnen. Ich verstehe jeden Kritiker, der sich um den Parkplatz Sorgen macht oder den Rummelplatz nicht verlieren will. Dennoch sollte sich jeder vergegenwärtigen, was eine Institution wie wir für unsere Gemeinde bedeutet.

Wieso wird die Erweiterung mit einem Wohnhaus verbunden?
Aus Kosten- und Förderungsgründen. Anders wär‘s nicht möglich gewesen. Die Waldviertler Siedlungsgenossenschaft ist Bauträger des Um- und des Neubaus. Wir mieten uns ein, mit Eigentumsvorbehalt. Wir betreuen künftig auch – es ist keine Pflege – die Mieter des Betreuten Wohnens. Und unser alter Standort bleibt erhalten.

"Früher ist man automatisch ins nächstgelegene Krankenhaus gefahren, heute schicken wir Infarkt-Patienten beispielsweise direkt ins richtige Herzkatheter-Zentrum"

 

Warum ist der Um- und Neubau so wichtig?
Wir haben nicht mehr die gleiche Infrastruktur wie vor 15 Jahren. Die Anzahl der Mitarbeiter und der Einsatzfahrzeuge ist gestiegen und das Haus ist alt geworden.

Was hat sich alles verändert?
Die Qualität der Notarztversorgung ist gestiegen, bahnbrechende Veränderungen in der Medizin sind eingetreten. Wir können mit einem hochprofessionellen Team innerhalb kürzester Zeit am Einsatzort sein. Wir können heute Patienten notfallmäßig narkotisieren und komplexe intensivmedizinische Maßnahmen setzen. Dabei sind wir Teil eines hoch spezialisierten Versorgungsnetzwerks.

Wie war‘s früher?
Früher ist man automatisch ins nächstgelegene Krankenhaus gefahren, heute schicken wir Infarkt-Patienten beispielsweise direkt ins richtige Herzkatheter-Zentrum. Früher haben wir noch im Retzer Rotkreuz-Haus Notrufe und alle anderen Anrufen entgegengenommen. Heute wird das zentral gesteuert, noch während des Telefongesprächs wird eine Einsatzmeldung ausgeschickt.

Hat sich die Wahrnehmung der Öffentlichkeit auch verändert?
Die Öffentlichkeit nimmt die Rotkreuz-Mitarbeiter gern als „Rettungsfahrer“ wahr. Das Rote Kreuz leistet aber viel mehr und ist in vielfältigen Bereichen tätig.

Wo zum Beispiel?
Wir stellen Pflegebetten zur Verfügung, organisieren Betreutes Reisen, übernehmen Besucherdienste und haben die Team Österreich Tafel aufgebaut.

Das Notarzt-System in Niederösterreich wurde neu ausgeschrieben. Heißt das, dass Retz künftig keinen Notarzt haben wird?
Wir sind zuversichtlich, dass uns Retz erhalten bleibt, denn wir haben dahingehend positive Signal erhalten. Retz ist versorgungstechnisch ziemlich auf sich alleine gestellt, da ist ein Notarzt sehr wichtig. Landeshauptmann-Stellvertreterin Johanna Mikl-Leitner hat in einem Schreiben im Bezug unseres Neubaus festgehalten, dass sie voll hinter uns steht.

"Für das Rote Kreuz zählen keine politischen oder finanziellen Fragen, um Hilfe zu leisten"

 

Hatte Retz jemals Probleme, Notärzte zu stellen?
Wir können auf einen österreichweiten Pool zurückgreifen: Unsere Notärzte kommen für 36-Stunden-Dienste auch aus westlichen Bundesländern, wenn das mit ihrem privaten Leben vereinbar ist. Ich glaube, dass das Rote Kreuz Retz unter den Notärzten einen sehr guten Ruf hat.

Ist eine Zusammenarbeit mit Tschechien denkbar?
Das sind Dinge, die langsam anlaufen müssen und wird sicher noch an Bedeutung zunehmen. Schon jetzt arbeiten tschechische Ärzte in österreichischen Krankenhäusern: Das sind Spitzenleute. Es darf im Rettungswesen keine Grenzen geben. Wir profitieren dabei von der EU.

Sucht das Rote Kreuz nach ehrenamtlichen Helfern?
Wie verrückt! Wir suchen immer händeringend nach freiwilligen Helfern. Arbeit gibt‘s bei uns immer. Und es ist das Beste, das man tun kann: eine wunderbare, erfüllende Tätigkeit.

Thal: „Am Ende des Tages sorgen wir für alle Flüchtlinge für das berühmte Dach über den Kopf.“  Foto: RK  |  RK

Das Rote Kreuz nahm in Retz Flüchtlinge auf. Welche Erfahrungen wurden bisher gemacht?
Die guten Erfahrungen überwiegen bei weitem. Aber natürlich gibt es ab und an auch Reibereien – gerade, wenn es um das liebe Geld geht. Verfehlungen im Ton sind sehr selten. Die nehmen wir zwar wahr, spielen aber für uns letztendlich keine Rolle, denn am Ende des Tages sorgen wir für alle Flüchtlinge für das berühmte Dach über dem Kopf. Für das Rote Kreuz zählen keine politischen oder finanziellen Fragen, um Hilfe zu leisten. Das Rote Kreuz trifft keine Entscheidung über Opfer und Täter. Ich bin wirklich sehr stolz auf unser Team und das, was wir leisten. Das Thema Flüchtlinge wird noch lange polarisieren und ist und bleibt eine der größten Herausforderungen für mich als Bezirksstellenleiter. Wir haben auch intern Streitgespräche geführt. Aber unsere Leitung wurde dennoch in ihrer Funktion bestätigt. Das ist ein schöner Beweis, dass wir auf einem guten Weg sind. Wir können gestärkt in die nächste Periode gehen. Zwei der Asylwerber haben aber mittlerweile übrigens sogar einen Job gefunden.

Wie gehen Sie mit Kritik aus der Bevölkerung um?
Ich stelle mich gerne jeder Konfrontation und ich lade jeden dazu ein, sich mit mir das Quartier anzusehen. Ich kenne keinen, der sagt: Meine Lebensqualität hat unter den Flüchtlingen gelitten.

Wie klappt die Zusammenarbeit mit der Stadtgemeinde?
Klar kämpfen wir manchmal mit bürokratischen Kleinigkeiten – dennoch hat uns die Stadtgemeinde stets gut unterstützt und nicht im Stich gelassen. Das Verhältnis ist sehr amikal, freundschaftlich. Dafür bin ich dankbar!

Wird das Quartier für Flüchtlinge im „Richter-Haus“ an der Ecke Kremser Straße/Roseggergasse erhalten bleiben?
Fest steht: Unser notdürftiges Quartier wird den Winter nicht überleben. Daher sind wir gerade mittendrin, eine gute Lösung für die Zukunft zu finden.