Erstellt am 02. März 2016, 05:19

von Sandra Frank

Syrer im Ort: „Vom guten Leben ins Nichts“. Seit November leben sechs Syrer in Raschala. Jetzt stellten sie sich beim Begegnungscafé den Ortsbewohnern vor.

Majd Alfaraj Alradawi mit Söhnchen Tyym und Gattin Eymann sowie die Kinder Tamader, Sghad und Syzar (vorne, v.l.) wurden von Bernadette Eliskases-Tuzar (l.) und Alfred Tuzar (2.v.r.) aufgenommen. Mit der Unterstützung von Ortsvorsteher Helmuth Semmelmeyer (r.) wurde die syrische Familie den Raschalaern vorgestellt. Foto: Sandra Frank  |  NOEN, Sandra Frank

„Wir sagen Danke zu Österreich, denn hier achtet man auf uns.“ Es war der syrischen Familie Alfaraj Alradawi sehr wichtig, den Raschalaern diesen Satz sagen zu können –  und zwar auf Deutsch.

Aus Wochenendhaus wurde ein Zuhause

Seit Ende November lebt die sechsköpfige Familie in der Hollabrunner Katastralgemeinde. Der neunjährige Syzar und seine kleine Schwester Sghad (8) gehen zur Schule. Die vierjährige Tamader besucht den Kindergarten. Der kleine Tyym feierte in Österreich seinen zweiten Geburtstag.

Alfred Tuzar und seine Frau Bernadette waren es, die sich im Sommer entschlossen hatten, einer Flüchtlingsfamilie ein Zuhause zu geben, und zwar in ihrem „Hinterhaus“. Dieses befindet sich auf dem Grundstück der Tuzars und diente in den letzten Jahren als Wochenendhaus.

„Andere fahren ins Waldviertel, wir sind nur 50 Meter nach hinten gegangen“, erklärt der Hausherr lachend. „Wir hätten uns das alles nicht zugetraut, wenn wir nicht eine große Familie und einen großen Freundeskreis hinter uns gehabt hätten“, erzählt Bernadette Eliskases-Tuzar, dass sie sich der Unterstützung sicher war.

Als Bomben auf die Schule niedergingen

Die einst blühende Stadt, in der die Alfarajs lebten, liegt am Euphrat. „Es war eine Universitätsstadt mit 300.000 Einwohnern“, weiß Tuzar. Jetzt ist sie zerbombt und vom IS besetzt. „Majd hatte eines Morgens ein blödes Gefühl und ließ seine beiden großen Kinder nicht in die Schule gehen“, berichten die Tuzars.

Ein großes Glück, genau an diesem Tag wurde die Schule von einer Bombe getroffen, Schüler und Lehrer wurden getötet. Da war der Zeitpunkt für die Familie gekommen, ihre Heimat zu verlassen.

„Sie sind von einem guten Leben ins Nichts gefallen. Sie hatten keine Zukunft mehr. Da würde jeder von uns gehen ...“, ist der zweifache Vater überzeugt. Ihr ganzes Geld verwendete die Familie für die Flucht, die Schlepper haben ihr enorme Summen abgeknöpft.

„Es musste dann alles gach gehen“

„Bei der Flucht haben sie alles erlebt“, kennt Bernadette Eliskases-Tuzar die Geschichte. Zu Fuß, in der Nacht im Schlauchboot auf dem Meer, im Bus mit Polizeieskorte – das alles erlebten Majd und Eymann mit ihren vier Kindern. Bevor sie nach Traiskirchen kamen, lebten sie ein Jahr in einem Flüchtlingslager in der Türkei. Ein Ort, an dem niemand ein freundliches Wort für die unzähligen Flüchtlinge übrig hatte.

„Als sie dann zu uns gekommen sind, musste alles gach gehen“, erinnert sich Alfred Tuzar noch genau an den November 2015. Die Nacht davor verbrachte er damit, die Betten fürs Kinderzimmer zusammenzubauen, Bernadette kümmerte sich um Kleidung, Windeln und Co.

„Er trinkt übrigens auch Bier,
man kann mit ihm anstoßen.“
Alfred Tuzar über
Majd Alfaraj Alradawi

„Ich weiß noch, Sghad hatte einen Skioverall an, als sie zu uns kam. Und darunter nur Unterwäsche. Das war alles, was sie hatten“, erzählt der Raschalaer. Kommuniziert wurde klassisch mit Händen und Füßen. Deutsch sprachen die Alfarajs nicht, Englisch nur wenig.

Das hat sich mittlerweile geändert. Majd (39) und Eymann (32) werden von Sprachlehrern zweimal pro Woche unterrichtet. „Wenn Sie mit ihnen sprechen, bemühen Sie sich um eine schöne Sprache“, animierte Tuzar die Raschalaer, sich mit den neuen Einwohnern zu unterhalten. Und das taten sie beim „Begegnungscafé“ im Dorfhaus gerne.

Hier gab’s nicht nur Kaffee und Mehlspeisen, sondern auch allerhand syrische Spezialitäten, welche die Alfarajs vorbereitet hatten. „Majd trinkt übrigens auch Bier, man kann mit ihm anstoßen“, schmunzelte Tuzar.

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Warum haben Sie ... beschlossen, Flüchtlingen ein Zuhause zu geben?

x  |  NOEN, Sandra Frank

Musikschullehrer Alfred Tuzar

NÖN: Wann haben Sie beschlossen, Ihr „Hinterhaus“ für Flüchtlinge bereitzustellen?
Alfred Tuzar: Wir haben schon länger überlegt, wie wir helfen können. Ausschlaggebend war, als im Sommer der Transporter mit den toten Flüchtlingen gefunden wurde. Das „Hinterhaus“ war für uns Luxus, den wir nicht unbedingt brauchen.

Was blieb Ihnen vom ersten Treffen am meisten in Erinnerung?
Ich bin mit Majd, dem Vater, ins Haus gegangen und habe es ihm gezeigt. Er ist ein gestandener Mann, aber da sind ihm die Tränen gekommen.

Was hat Ihnen und Ihrer Familie am meisten Nerven gekostet?
Der Behördendschungel. Das ist wirklich ein Wahnsinn. Sie sind seit November bei uns und erst seit Mitte Februar sind wir mit allem fertig. Man kann sich das wirklich nicht vorstellen, da hab’ selbst ich als Österreicher mich nicht hinausgesehen.