Retzbach

Erstellt am 06. August 2016, 06:00

von Karin Widhalm

"Ich hätt‘ den Herrn Bach gern gerettet“. Barbara Hermann möchte, dass die Ufer-Biosphäre bestehen bleibt – und hofft, dass die Gartenbesitzer Hilfe erhalten.

So zugewachsen, dass man kaum einen Bach vermutet: Das missfällt Barbara Hermann.  |  NOEN

Der Anger ist das grüne Herz des Dorfes: Die Wohnhausbesitzer haben vor ihrem Tor einen Fleck Erde, den sie für sich nutzen können. Blumen sprießen, Gemüse wächst, Bäume spenden Schatten. Der Landbach fließt mitten durch.

Das Flüsschen sieht heute anders aus als vor mehr als 100 Jahren: Die Regulierung jedes fließenden Gewässers setzte in dieser Zeit ein, um den wiederkehrenden Überflutungen Einhalt gebieten zu können. Der Landbach führt geradlinig und vertieft durchs Dorf, sodass das Wasser kaum über die Ufer tritt. Die Sohle ist schmal und die Böschung steil.

Barbara Hermann beschäftigt sich schon länger mit der Frage: Wem gehört eigentlich die Böschung? Sie selbst hat ein Haus und einen Garten, der sich im Angerbereich befindet – und sie lässt das steile Ufer vom Gärtner regelmäßig mähen. „Der Wiesencharakter bleibt erhalten und die Artenvielfalt.“

Das dürfte keine Selbstverständlichkeit sein, denn allerorts wird der Wuchs entlang des Baches nicht gekürzt. Das hat vielerlei Gründe: Die einen seien zu alt, andere berufstätig und hätten einfach keine Zeit dafür. Oder die Leute fragen sich, warum sie das tun sollen. „Das gehört mir nicht“, zitiert Bürgermeister Manfred Nigl eines der Argumente.

Manfred Nigl: „Für mich ist das noch offen, wie sich das weiterentwickelt.“  |  NOEN, Archiv

Tatsächlich gibt‘s dazu keine klare Regelung. Hermann führt das darauf zurück, dass die Bürger lange Zeit das Allmande (auch Allmende) hatten. Der Begriff stammt aus dem Hochmittelalter und bezeichnet ein gemeinschaftliches Nutzrecht, ein Allgemeingut.

Die Weidetiere der Unterretzbacher grasten früher am Anger. Jeder durfte eine Fläche für sich nutzen. „Da ist direkt darum g‘stritten worden“, lächelt Nigl. Heißt das nun, dass die Hausbesitzer Verantwortung für die Böschung tragen? Hermann hofft nicht. Ihre Idealvorstellung: „Dem Land gehört‘s, die Gemeinde macht‘s, aber ihre Kosten werden refundiert.“

Nigl erläutert, dass der Landbach im Besitz der Republik Österreich steht und die Verwaltung in der Obhut des Landes NÖ liegt. „Verantwortlich sind trotzdem die Gemeinden. Sie haben den unmittelbaren Nutzen.“ Der Pulkau Wasserverband kümmert sich vorwiegend um den Hochwasserschutz beim Fluss und seinen Seitarmen.

Überlegungen seien in der Gemeinde getätigt worden, ob man die Mahd übernehmen solle. Eher nein, sei dabei herausgekommen. „Für mich ist das noch offen, wie sich das weiterentwickelt“, erklärt Nigl. Ihm würde eine Beweidung mit Schafen sehr behagen. Aber: Wer übernimmt die Obhut und besorgt Futter? Wo soll der Unterschlupf sein? Mindestens eine Person würde nötig sein.

Frage des Geschmacks oder der Ideologie?

Damit ist man eigentlich an einer grundsätzlichen Frage angelangt: Soll überhaupt gemäht werden? Hermann stört beispielsweise nicht nur, dass mit Spritzmitteln dem Gras der Garaus gemacht wird. Ihr sind auch die wilden Ecken mit dem Hochwuchs ein Dorn im Auge. „Ich finde das nicht biologisch“, erklärt sie. „Lasst es wachsen“, beruft sich Nigl im Gegensatz dazu auf Gartenexpertin Christine Rottenbacher.

Die Hecken sorgen auch für eine Beschattung des Baches, was wiederum Kleinlebewesen guttut. Das scheint eine Geschmacks-, möglicherweise eine Ideologiefrage zu sein. Hermann möchte jedenfalls die Ufer-Biosphäre beim regulierten Bach, so gut es geht, erhalten wissen – und hält eine regelmäßige Mahd dafür wesentlich. „Ich hätte ihn gern gerettet, den Herrn Bach.“

Dazu gehört auch, dass das Gras, das beim Mähen ins Wasser fällt, entfernt werden müsste. Das sieht Nigl anders: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass da Fäulnis entsteht.“ Der Grasschnitt dürfe aber nicht haufenweise in den Landbach geschmissen werden: Da sind sich beide einig.

Der Anger ist noch heute ein offener Platz: Ein Schaugartenweg führt hindurch, jeder kann manche Privatgärten aufsuchen. Nur: Die Route führt zwar entlang des Baches, aber nur auf einer Uferseite. Bachaufwärts ist der Weg schmal und/oder verwachsen. Das führt dazu, dass die Schaugarten-Besucher auf der Hauptstraße zum Ausgangspunkt zurückkehren. Das sei nicht ideal.

Aber die derzeitige Situation ist nicht in Stein gemeißelt. Manfred Nigl imponiert jedenfalls, dass Hermanns Einsatz die Gespräche rund um den Landbach nicht verebben lässt.