Erstellt am 07. Januar 2016, 03:58

von Karin Widhalm

Uran: Wie man das Problem lösen will. Die Entfernungsanlage macht Schwierigkeiten und offenbart: Retz ist mit einer Ausnahmesituation konfrontiert. Spezialisten tüfteln.

Wie hoch der Uran-Wert ist, wird laufend gemessen. Foto: Shutterstock/science photo  |  NOEN, Shutterstock/science photo

Eine so hohe Uran-Konzentration im Trinkwasser ist nicht einmal im Waldviertel, dem Land der Böhmischen Masse, zu verzeichnen. 100 Mikrogramm pro Liter weist manche Probe in Retz auf. Die Zahl ist erschreckend hoch: Der Grenzwert liegt in Österreich bei 15 Mikrogramm pro Liter.

Ionentauscher-Prozedur macht Probleme

Der Wert ist seit 2009 bekannt. Die Stadt erwarb eine Uranentfernungsanlage fürs Wasserwerk. Kunstharz wird für die Filterung verwendet. Der schwach basische Ionentauscher – so der Fachbegriff – wurde später von einem stark basischen Ionentauscher abgelöst. Und doch macht die Prozedur seit Dezember 2014 Probleme.

Das bedeutet nicht, dass die Haushalte in Retz, Obernalb und Unternalb „Uran-Wasser“ in ihren Leitungen führen. Wenn Grenzwerte überschritten werden, darf das Trinkwasser nicht verteilt werden. Die laufenden Messungen erlauben eine rasche Reaktion.

Ist der Uran-Gehalt zu hoch, wird dem Brunnenwasser über eine Leitung aus Kleinhöflein EVN-Wasser zugemischt – und zwar, bevor es den Ionentauscher erreicht. Die Uran-Filterung fällt der Anlage dann erheblich leichter. Das ist eine schnelle, wenn auch kostenverursachende Lösung.

Konzentration selbst in Deutschland nicht so hoch

Ziviltechniker der Wasserwirtschaft (IUP) und Fachleute der deutschen Ionentauscher-Erzeugerfirma gehen gerade der Frage nach, warum der Ionentauscher überhaupt Schwierigkeiten hat. Sie arbeiten eng mit den Wasserwerk-Mitarbeitern und der Stadtgemeinde zusammen.

Retz sei mit einer Ausnahmesituation konfrontiert: Selbst in Deutschland, wo vielerorts Uranentfernungsanlagen im Einsatz sind, liegt kaum eine so hohe Konzentration im Trinkwasser vor. Die Dosis dürfte aber nicht das unmittelbare Problem sein.

Man weiß, dass fünf Elemente im Wasser die Uranentfernungsanlage blockieren können. Alle fünf sind mit erhöhten Werten im Brunnenwasser enthalten, ebenso ein Retzer Spezialfall. Die Spezialisten müssen herausfinden, welche der Elemente die „Bösen“ sind und den Ionentauscher in seiner Arbeit behindern.

Man weiß zudem, dass die EVN-Mischung die Wasserzusammensetzung verbessert. Das merkt der Konsument zum Beispiel an einem Umstand: Das Wasser ist weicher, weniger kalkhaltig.

Wasser schon vor der Filterstraße mischen

Überlegt wird, ob das EVN-Wasser nicht nur vor dem Ionentauscher, sondern gleich vor der üblichen Aufbereitung in der Filterstraße zugemischt werden soll. Man tüftelt, wie viel EVN-Wasser nötig wäre, um die Wasserzusammensetzung zu stabilisieren. Das könnte ein Beitrag dafür sein, dass die Uranentfernungsanlage ordentlich funktioniert.

Der Prozess ist noch nicht zu Ende und erfordert eine Zusammenarbeit der schon erwähnten Institutionen. Martin Pichelhofer, Stadtrat und Vorsitzender im Ausschuss für Wasserversorgung, ist zuversichtlich, dass die Herausforderung bewältigt werden kann. Ihm ist außerdem lieber, dass Geld für eine genaue Untersuchung in die Hand genommen wird, um später effizient mit der Situation umgehen zu können.


Hintergrund

  • Das natürlich vorkommende Schwermetall Uran ist nicht wegen seiner Strahlung gefährlich. Seine chemische Giftigkeit kann vor allem die Nieren schädigen, wenn das Uran in einer hohen Dosis über einen längeren Zeitraum eingenommen wird.

  • Mehrere technische Verfahren existieren, um das Uran aus dem Wasser zu entfernen. Die Aufnahmekapazität wird aber meist als zu gering angesehen, auch ergeben sich Schwierigkeiten bei der Entsorgung des angereicherten Urans.

  • Der Ionentauscher gilt als die effektivste Methode. Die Wasserzusammensetzung wird – bis auf das Uran – nicht verändert. Harz wird mit Uran angereichert. Das Harz wird in Dresden regeneriert und kann wiederverwendet werden.

 


Wie gelangt das Uran ins Wasser?

Ursache | Dass Phosphor-Dünger der Schuldige ist, schließt Experiment aus.

Selbst Experten sind darüber verwundert, dass der Uran-Gehalt in Retz so hoch ist. Das erzählt Martin Pichelhofer: Er befasst sich intensiv mit der Thematik, seit er im Vorjahr zum Stadtrat angelobt wurde. Eine beweisbare Erklärung wurde noch nicht gefunden.

Man geht grundsätzlich von geologischen Bedingungen als Ursache aus. Das heißt: Höhere Uran-Gehalte lassen sich in Gegenden aus Urgestein (zum Beispiel Granit, Gneis) nachweisen.

In landwirtschaftlich genutzten Flächen kann Uran über mineralische Phosphordünger in den Boden gelangen. Das schließt Pichelhofer in Retz weitgehend aus, aufgrund eines Berichts der „Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit“ (AGES).

Sie wies in einem der ältesten österreichischen Dauerfeldversuchen nach, dass nach 45-jähriger mineralischer Phosphordüngung mit 100 Kilogramm pro Hektar und Jahr (die aktuellen Empfehlungen liegen bei 50 Kilo/Hektar & Jahr) das Grundwasser nicht mit Uran beeinträchtigt wird.