Erstellt am 19. September 2015, 05:07

von Christoph Reiterer

"Versuche, die Ängste zu verstehen". / Dechant Pfeifer über fehlende Quartiere und die Stimmung in der Gemeinschaft. HOLLABRUNN / 

 |  NOEN

Papst Franziskus hat Europas Pfarren, religiöse Gemeinschaften, Klöster und Wallfahrtsorte aufgerufen, jeweils zumindest eine Flüchtlingsfamilie aufzunehmen. Das Dekanat Hollabrunn umfasst 21 Pfarren, eine Flüchtlingsunterbringung steht hier allerdings nicht im Raum. Die NÖN fragte bei Dechant Franz Pfeifer nach, warum das so ist.

NÖN: Wie wird in Hollabrunn auf den Aufruf des Papstes reagiert?
Pfeifer:
Das Problem ist der Wohnraum. Wir haben im Dekanat keine Möglichkeit, irgendwo jemanden hineinzunehmen. Platz wäre zwar im Pfarrhof Oberfellabrunn, dort ist der notwendige Standard aber auch nicht gegeben. Das ist aber kein Grund zu sagen, dass wir nichts tun.

Was können Sie tun?
Wir sind aktuell bereits um die Integration der Flüchtlinge bemüht, die in Hollabrunn leben und ich denke, dass die Gemeinde noch einige mehr aufnehmen wird. Und wir versuchen, die Menschen positiv zu motivieren, um uns eventuell freie Räume zu nennen oder engagiert mitzuhelfen. Für finanzielle Unterstützung haben wir auch einen eigenen Opferstock eingerichtet.

Finden Sie, dass die notwendigen Standards für Flüchtlingswohnungen zu hoch angesetzt sind?
Mitunter schon. Es tut doch zum Beispiel keinem weh, wenn der Raum mit Holz geheizt wird. Dass die sanitären Anlagen gut sein müssen, ist schon klar.

Wie empfinden Sie die Stimmung unter ihren Schäfchen, was die Flüchtlingskrise betrifft?
Ich war in meinem Sommerurlaub sehr nahe beim Volksmund und da war die Stimmung wirklich sehr schlecht. Nach der Katastrophe im Burgenland mit dem Erstickungstod der vielen Flüchtlinge war ein Umdenken zu bemerken. Viele sehen jetzt: Wir müssen die Hand, die uns entgegengestreckt wird, ergreifen.

Glauben Sie, dass sich die Situation in absehbarer Zeit entspannend wird?
Klar braucht es dazu politische Entscheidungen und ist die Bürokratie nur schwer zu überwinden. Aber ich bin zuversichtlich für die Zukunft, dass wir einander helfen. Als Pfarrer habe ich da schon gute Erfahrungen gemacht. Würde es nicht gelingen, die Lage in den Griff zu kriegen, stellt sich schon die Frage, ob das dem sozialen Frieden zuträglich ist.

Was denken Sie, wenn Sie hören, dass ein Land keine muslimischen Flüchtlinge aufnehmen will?
Ich versuche, die Ängste zu verstehen. Die Ursache des Konflikts ist muslimischen Ursprungs und wenn dann im TV brühwarm gesagt wird, dass mit dem Flüchtlingsstrom gesteuert IS-Leute ins Land geschleust werden, dann können schon Ängste entstehen. Dennoch ist es wichtig, genauso den Muslimen mit jener Menschlichkeit zu begegnen, die ein Hauptgebot für uns Christen ist. Wenn es vor unserer Haustür passiert, dann erst recht. Sie haben dieselbe Würde wie wir. Bemühen müssen wir uns halt.
 


Zum Thema

Sternfahrt für Flüchtlingskids

Radfahrer aus nah und fern sind eingeladen, das Seifenkistenrennen der Hollabrunner Pfadfinder auf zwei Rädern zu besuchen. Für jeden zurückgelegten Kilometer spendet der Kiwanis-Club Hollabrunn einen Euro an den Verein menschen.leben, der damit unbegleitete jugendliche Flüchtlinge, die in Hollabrunn untergebracht sind, unterstützt. Die Radsternfahrer treffen zwischen 11 und 12 Uhr am Hauptplatz ein. Jedem Teilnehmer winkt ein kleines Geschenk.