Erstellt am 25. Mai 2016, 05:04

von Karin Widhalm und Sandra Frank

„Wien war ganz klar der Knackpunkt“. Großparteien hatten keinen Kandidaten in der Stichwahl. Über „Rechtsdruck“ sind SPÖ und ÖVP geteilter Meinung.

Manfred Marihart, GVV-Obmann der ÖVP, wählte weiß.  |  NOEN, VP

Es war eine Situation, die für die – ehemaligen – Großparteien SPÖ und ÖVP ungewohnt war. Sie hatten keinen Kandidaten in der Stichwahl.

Alexander Van der Bellen trat als unabhängiger Kandidat auf, obwohl jeder um seine Zugehörigkeit der Grünen weiß. Norbert Hofer war Kandidat der Freiheitlichen Partei.

Bezirkschef der Sozialdemokraten erfreut

„Ich gratuliere natürlich dem neuen Bundespräsidenten“, sagt Werner Gössl, Bezirkschef der Hollabrunner Sozialdemokraten. „Ich bin froh darüber, wie ich gewählt habe, und freue mich, dass über 50 Prozent der Österreicher genau so gewählt haben wie ich.“ Bereits bei der SPÖ-Veranstaltung zum 1. Mai in Göllersdorf machte Gössl kein Geheimnis draus, dass er Van der Bellen seine Stimme geben werde. Nicht aus Überzeugung, wie er betonte. Wien sei der Knackpunkt gewesen, da habe der Sozialdemokrat gewusst, dass Van der Bellen es schaffen werde.

Manfred Marihart, Obmann des Gemeindevertreterverbands der ÖVP, war überzeugt, dass Norbert Hofer die Wahl mit Leichtigkeit gewinnen wird. Der Pulkauer Bürgermeister war überrascht, dass das Ergebnis doch knapp ausgefallen ist. Die Gründe dafür kann er nicht ausmachen. Hat vielleicht doch die Angst vor einem „Rechtsruck“ eine Rolle gespielt?

„Das ist kein Rechtsruck"

„Das ist kein Rechtsruck, um Gottes Willen“, entgegnet Gössl. Doch die Menschen hatten einfach den Eindruck, es werde über sie hinweg regiert und es herrsche Stillstand. „Wir haben die größte Steuerreform der Zweiten Republik vollzogen. Das ist doch kein Stillstand“, prangert Gössl das schlechte Marketing der Regierung an.

Landtagsabgeordneter Richard Hogl (VP) ortet ebenfalls keinen „Rechtsruck“. „Die Leute haben Sorgen. Um Arbeitsplätze, den unkontrollierten Zuzug.“ Ob er mit dem Ausgang der Wahl zufrieden ist? „Zufrieden hätte ich nur sein können, wenn Khol in die Stichwahl gekommen wäre“, steht er Van der Bellen wertfrei gegenüber.

Marihart selbst hat weiß gewählt: „Ich bin natürlich wählen gegangen, aber für mich war kein Kandidat dabei, der meinen Vorstellungen entsprochen hätte.“ Er hält nun vorgezogene Wahlen mit Präsident Van der Bellen für durchaus wahrscheinlich. „Aber es wird stark darauf ankommen, welche Chancen Bundeskanzler Kern mit der SPÖ jetzt sieht und ob sich rot-grün ausgehen könnte.“„Ich bin ja in einer Gemeinde, die Flüchtlinge hat“, führt Marihart weiter aus. „Ich höre schon von der Angst, dass einem die Arbeit weggenommen wird. Dass man dann einen Kandidat wählt, der sagt: Wir hätten mehr Platz – das verstehe ich nicht.“ Pulkau ist allerdings keine grüne Gemeinde: 52,9 Prozent stimmten für Hofer.

Veränderung gefordert

Marihart gehört zu jenen Politikern, die eine Veränderung innerhalb der ÖVP auf Bundesebene fordern. Die Partei hat nach einer Sitzung des Bezirksparteivorstands in der vorigen Woche ein Schreiben verfasst: „Wir haben klare Vorstellungen formuliert“, sagt Marihart. Denn: „Den Menschen unter 40 Jahren muss man eine Perspektive geben.“ Und: „Wir haben eine totale Überregulierung“, denkt er an die Registrierkassa oder die Raucherregelung. „Viele fühlen sich von der ÖVP derzeit nicht g‘scheit vertreten auf der Bundesebene.“ Die Politik auf der Landes- und Gemeindeebene aber „ist in Ordnung“, betont er.

„Ich glaube nicht, dass Österreich ins rechte Eck gerückt ist“, so VP-Bürgermeister Manfred Nigl (Retzbach). „Die einen haben einen weltoffenen, liberalen Mann gewählt und die anderen hatten Angst vor der Zukunft und dachten, vielleicht ist Hofer der bessere Mann dafür.“