Erstellt am 04. Mai 2016, 04:54

von Sandra Frank und Karin Widhalm

Winzer räuchern in Frostnächten. Minusgrade gefährden frische Triebe. Winzer sahen nicht tatenlos zu: Sie schützten Reben mit Rauch.

Mitglieder des Obernalber Weinbauvereins zogen an einem Strang (v.l.): Karl Fachleitner, Bernhard Gruber, Mathias Pöcher, Helmut Koch, Obmann-Stellvertreter Markus Pröglhöf, Erich Freytag, Obmann Gregor Widhalm, Stephan Gebhart und Roland Freytag. Foto: Pöcher  |  NOEN, Pöcher

Dichte Nebelschwaden säumten an den kalten Morgen der vergangenen Woche die Landschaft. Wer sein Fenster öffnete, um zu lüften, merkte aber rasch: Es war kein Nebel, es war Rauch.

„Wenn’s da null Grad hat, wirst einmal nervös“

„Das Räuchern ist in den letzten Jahren in Mode gekommen“, berichtet Reinhard Zöchmann, Vizepräsident des NÖ Weinbauverbands. Durch diese Methode schützen die Winzer ihre Rebstöcke vor dem Frost.

Bis zu minus zwei Grad würden die Reben zwar aushalten, aber: „Man kennt die gefährdeten Lagen.“ Ist der Boden ebenfalls schon sehr kalt, so wie es in der vergangenen Woche der Fall war, dann ist bereits minus ein Grad gefährlich.

Wie so eine Nacht für Winzer aussieht? „Um Mitternacht schaust aufs Thermometer, wenn’s da null Grad hat, dann wirst einmal nervös. Um vier in der Früh fährst dann raus und triffst die anderen Winzer“, berichtet der Roseldorfer. Dann wird Feuer gemacht, besser gesagt, Rauch.

Vor Sonnenaufgang muss der Nebel erzeugt werden, um die Rebstöcke zu schützen. Die Weinbauern müssen ständig dabei bleiben, um den Rauch zu benetzen, damit „schöner nasser Dampf entsteht“. Die Erfolgsaussichten? „Es ist ein schmaler Grat, wann das Räuchern hilft und wann nicht“, weiß Zöchmann.

„Reifhoazn“: Obernalb ist vom Erfolg überzeugt

„Wir sind zu dem Schluss gekommen: Ja, das half“, ist Markus Pröglhöf überzeugt. Er war eine der treibenden Kräfte des „Räucherns“, „Vernebelns“ oder „Reifhoazns“, wie’s in der Steiermark heißt: Die Weinbauvereine in Ober- und Unternalb stellten sich geschlossen dem Frost. Sie besorgten 400 Kilogramm schwere, feuchte Strohballen von Hannes Kremser und platzierten diese an Kältepolen.

„Jeder hat auf den anderen g’schaut“, ist Pröglhöf von der Zusammenarbeit begeistert. Geräuchert wurde in zwei Nächten. „Dann war jeder geschafft“, lächelt Mathias Pöcher.

Sinn der Sache ist nicht, Hitze zu erzeugen. Das Stroh soll nass sein, damit es glost. Viel Rauch entsteht: Die Kälte dringt weniger durch, außerdem können die gefrorenen Blattzellen langsam auftauen. „Das Gefährliche ist: Wenn die Zellen zu schnell erwärmt werden, dann platzen sie“, schildert Pöcher. Die kritische Phase ist deswegen kurz vor Sonnenaufgang.

Harald Seymann (Karlsdorf) ist froh, dass nicht mehr tatenlos zugesehen wird (siehe ganz unten). Schäden können zwar nicht verhindert, aber vermindert werden. Es geht um viel: „Obernalb hat circa 400 Hektar, mit Unternalb ging es um circa 500 Hektar Ertrag“, so Pröglhof. Geschätzte 4.000.000 Euro würden da auf dem Spiel stehen.

Die Reben treiben zwar wieder aus, auch wenn der Haupttrieb abgestorben ist. Aber: „Die Nebentriebe sind nicht so ertragreich wie die Hauptaugen“, erklärt Pöcher.


Methoden für den Frostschutz

  • Spätfrost kann in Weingärten viel Unheil anrichten. Das Pulkautal erinnert sich mit Schrecken an 2012 zurück: Die Kleinregion war ein Hauptgebiet des Kälteeinbruchs in einer Nacht – und das nach den Eisheiligen. Eine alte Bauernregel besagt, dass das Wetter erst nach der „kalten Sopherl“ (15. Mai) stabil wird.

  • Gefährdet sind Weingärten in Lagen, die für einen „Kältestau“ bekannt sind – also Täler oder Sutten. Frisch ausgetriebene Reben können erfrieren und absterben. Junge Reben, die eben erst ausgesetzt wurden, sind bei Spätfrost besonders gefährdet.

  • Das Räuchern ist eine uralte Methode, die schon bei der Stockweinkultur eingesetzt wurde. Die Weinreben wuchsen früher in Bodennähe, deswegen richtete der Bodenfrost mehr Schaden an als heute.

  • Hubschrauber werden ebenso eingesetzt: Sie verwirbeln die kältere mit der wärmeren Luftschicht. Das ist vor allem bei geschlossenen Weinbaugebieten sinnvoll. Windräder, Turbinen oder Windmaschinen erfüllen den selben Zweck.

  • Die Frostschutzberegnung sorgt dafür, dass das Wasser kontinuierlich fließt. Beim Gefrieren wird Erstarrungswärme freigesetzt, die Temperatur sinkt nicht bis unter den Gefrierpunkt. Ausreichend Wasser wird benötigt.

Weinbaugebiete in Frankreich greifen auf wirksame, mitunter kostspieligere Methoden zurück. Sie stellen beispielsweise Frostschutzkerzen in die Weingartenreihen. Diese bringen eine Erwärmung um zwei bis sieben Grad Celsius. In Australien wird Heizdraht verwendet: Der Frostschutz hält bis zu minus sechs Grad Celsius.


Werden Sie ... wieder räuchern bei Spätfrost?

Harald Seymann über das Räuchern, Reinigungsprozesse und Schäden.

NÖN: Hat das Räuchern in der vergangenen Woche geholfen?
Harald Seymann: Die Temperatur ist gleich um ein Grad Celsius angestiegen. Der Tod kommt kurz vor dem Sonnenaufgang, erfahrungsgemäß ist es da am kältesten. Das Stroh sollte eine halbe Stunde davor „soachn“. Nach drei Tagen war‘s aber für meine Weingärten zuviel.

Sind die Schäden so groß?
Die Frostschäden 2012 waren sehr schlimm für mich. Heute kann ich damit emotional besser umgehen, auch wenn wieder 50 Prozent der Fläche beschädigt sind. Ich glaube aber, dass das ein Reinigungsprozess der Natur ist: Alle Schädlinge sind dahingerafft.

Ist das Räuchern doch nicht empfehlenswert?
Es ist gut, sich vorzubereiten. Der Weinbau ist ein hochriskantes Geschäft. In Frankreich ist es ganz normal, nicht im Bett liegen zu bleiben und dann zu jammern. Dort gibt‘s keine schicksalhafte Ergebenheit. Man kann das mit einem Vater, der sein Kind vorm Ertrinken rettet, vergleichen. Spätfrost könnte im Mai noch kommen. Wir werden sicher wieder räuchern.