Erstellt am 24. Februar 2016, 03:44

von Sandra Frank

Zeitzeugen erzählten: „Das war für uns damals alles a Hetz“. Wie die Hitlerjugend erlebt wurde und wie die Begegnung mit Hitler war, erfuhr das Publikum im Pfarrhof.

Mit ihren Geschichten aus ihrer Kindheit im Zweiten Weltkrieg zogen die Zeitzeugen Hubert Paulus, Anni Wurst (vorne) und Johann Ertl (stehend, 4.v.r.) das Publikum in den Bann (v.l.): Bürgermeister Josef Reinwein, Martina Böck, Moderatorin Rosi Nentwich-Bouchal, Josef Bouchal, Pfarrer Michael Wagner, Johann Kührer und Monsignore Josef Neumayer. Foto: Sandra Frank  |  NOEN, Sandra Frank

Mit der Veranstaltung „Göllersdorfer Zeitzeugen erzählen“ legte die Ortsgruppe Göllersdorf des NÖ Bildungs- und Heimatwerks einen „wirklich tollen und würdigen“ Neustart hin, befand Bezirksvorsitzende Martina Böck.

Die Göllersdorfer Zeitzeugen, die aus ihrer Schulzeit und Erlebnissen während der Besatzungszeit erzählten, waren Hubert Paulus, Anni Burst und Johann Ertl. „Wir haben hier einen Schatz an Zeitzeugen“, freute sich Moderatorin Rosi Nentwich-Bouchal, die zur lebendigen Diskussion mit den Podiumsgästen anregte.

„Konnte nicht einmal geraden Strich machen“

Paulus ist im Jahre 1926 geboren. „Ich bin der Älteste in der Runde und ein echter Göllersdorfer“, stellte sich der ehemalige Volksschuldirektor vor. Er gab zu, selbst weder gern in den Kindergarten, noch in die Volksschule gegangen zu sein: „Meine Mutter brachte mich mit Gewalt in die Schule.“

Die Volksschule in Göllersdorf war dort, wo heute das Rathaus steht. „Wir hatten keine Vorbildung, ich konnte nicht einmal einen geraden Strich machen.“

Doch Paulus‘ Auffassungsgabe war gut, er lernte schnell. Vor allem beim Lesen tat er sich leicht. „Ich hab‘ mir alles auswendig gemerkt“, dachte der 89-Jährige, seine Lehrerin überlisten zu können. Diese ließ ihn einmal die Seite von hinten lesen. Paulus flog auf. „Sie hat nur gesagt: Steh‘ auf.“ Der Bursche tat, wie ihm geheißen, und dann „hab‘ ich eine Ohrfeige bekommen, dass es nur so paschte“, erinnert er sich heute lachend zurück.

„Bei der Hitlerjugend hat es mir gut gefallen“

„Wir hatten noch eine Schiefertafel und einen Griffel. Der Schwamm und das Fetzerl hingen außen an der Schultasche“, malte Johann Ertl, 82, ein Bild von früher, als er von Schönborn nach Obermallebarn in die Volksschule marschiert ist.

Dass er den Führer damals persönlich gesehen hatte, daran erinnert sich Ertl ebenfalls gut: Im 39er-Jahr fuhr Adolf Hitler von Wien nach Znaim. Erwachsene und Kinder mussten am Straßenrand stehen und ihm zujubeln. „Ich stand damals auch dort, mit einer Fahne mit einem Hakenkreuz d‘rauf in der Hand.“

Anni Burst ist 1931 geboren und besuchte im 42er-Jahr den ersten Jahrgang der Göllersdorfer Hauptschule. „Ich war bei der Hitlerjugend. Es hat mir sehr gut gefallen“, erzählt sie ohne Bedauern. „Damals hatten wir Disziplin und eine Gemeinschaft.“

Es wurde gespielt und geturnt. Das sei sehr wichtig gewesen. Burst habe gern mitgemacht, nur Schlagballwerfen, „das hab‘ i net gut können“. Für die Jugend sei das nicht schlecht gewesen.

In Kastanienallee vor Jagdfliegern versteckt

Wie 1945 die russischen Jagdflieger über seinem Heimatort kreisten, daran erinnert sich Ertl noch genau. Allerdings mit einem Lächeln im Gesicht und das, obwohl er schon damals wusste, dass die Russen „alles, was sie gesehen haben, geschossen haben“.

In der Kastanienallee in Schönborn haben Ertl und seine Freunde sich hinter den Bäumen versteckt. „Und als sie zurückgeflogen sind, haben wir uns einfach auf der anderen Seite versteckt. Für uns war das damals alles a Hetz.“

Johann Kührer aus Untergrub gab im voll besetzten Martinssaal im Pfarrhof schließlich einen Überblick über die Entwicklung der Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten. 1947 kamen die ersten Traktoren auf. Weil die Bauern den Maschinen aber nicht trauten, „behielt sich jeder zur Sicherheit ein Ross“, erzählte Kührer.


ZITIERT

„Meine Eltern haben zu mir gesagt: Wir haben nichts. Wir können dir nichts geben. Du musst was lernen.“
Hubert Paulus erinnert sich, weshalb er in die Hauptschule in Hollabrunn gehen durfte.

„Da kommt einer und will die Mutter vergewaltigen. Das ist leider öfter vorgekommen.“
Anni Burst

„Na des fangt scho‘ gut an!“
Johann Ertl irrte sich, was sein Geburtsjahr betraf und machte sich sechs Jahre jünger.
 


Geschichten der Zeitzeugen

Endlich Licht im Hause Paulus

GÖLLERSDORF | „Wir hatten kein elektrisches Licht daheim und darum auch keinen Lautsprecher“, erinnert sich Hubert Paulus, wie er gemeinsam mit seinem Vater dem Detektor lauschte, als die Musik plötzlich unterbrochen wurde und die Stimme des damaligen Bundeskanzlers Kurt von Schuschnigg erklang. „Gott schütze Österreich. Das waren seine letzten Worte“, erinnert sich der 89-Jährige. Ebenso an die Reaktion seines Vaters: „Oje, wir gehen keiner guten Zeit entgegen. Und er hatte recht ...“

Aber: „Die Russen haben auch etwas Gutes gemacht.“ Ein Hauptmann schlug dem jungen Paulus einen Deal vor: „Du lernst mir deutsch und ich lern dir Schachspielen.“ Mit den Petroleumlampen im Hause Paulus waren die Russen allerdings nicht zufrieden. „Also haben sie aufgegraben und wir haben Licht bekommen“, schmunzelt Paulus.

Hunderte Rinder: „War fürchterlich“

SCHÖNBORN | „Während der Besatzungszeit war in Schönborn der Sammelplatz für die geraubten Rinder. Es waren Hunderte“, berichtet Johann Ertl. Die Tiere hatten die Maul- und Klauenseuche wieder eingeschleppt. „Es war fürchterlich.“

Der fatale Eierlikör der Großmutter

SCHÖNBORN | Johann Ertls Großmutter musste während des Zweiten Weltkrieges für die russische Besatzung in Schönborn kochen. „Einmal sind die Russen mit einem Korb voller Eier und einem Kanister Schnaps zu ihr gekommen und haben gesagt: Mama machen Eierlikör.“

Die Großmutter roch an der Flüssigkeit im Kanister und stellte fest: Es war kein Schnaps, es war Eau de Cologne. „Da war natürlich auch Alkohol drinnen“, lacht Ertl. Seine Großmutter führte den Wunsch der Russen aus. „Sie nahm den großen Häf‘n, in dem sie sonst das Schmalz ausgelassen hat, und hat Eierlikör gemacht.“

Die Russen waren begeistert und langten gierig zu. „Nach einer Viertelstunde sind sie alle gelegen. Mit einer Vergiftung.“ Gleich darauf kam die Militärpolizei, um die Großmutter festzunehmen. „Die 15 Russen haben sie auf einen Wagen aufgeladen und wir haben sie nie wieder gesehen.“

Die Großmutter wurde in die Kommandantur im Schloss Schönborn gebracht. Ihr Glück war, dass Ertls Mutter dolmetschen – in den 1920 und 1930er waren tschechische Gastarbeiter in Schönborn untergebracht – und so der Militärpolizei erklären konnte, dass die Großmutter die Russen nicht vergiften wollte, sondern ihnen nur ihren Wunsch erfüllt hatte.

„Wir waren drei Wochen unterwegs“

SCHÖNBORN | Waffen und Munition gehören zum Krieg dazu und blieben schon einmal liegen. „Wir haben in der Nacht damit im Park geschossen“, erzählt Johann Ertl, was die jungen Burschen mit solchen Fundstücken machten. Bis sie von der Militärpolizei dabei erwischt und verhaftet wurden. Von der Kommandantur im Schloss ging es weiter ins Auslieferungslager in Baden. „Von dort sind die Leute weiter nach Sibirien geschickt worden“, erinnert sich Ertl.

Doch diese Tatsache beeindruckte die Burschen wenig. Sie wurden zum Viehhüten eingeteilt. Doch davon hatten sie bald genug: „Wir waren 14 Tage dort und sind dann in der Nacht abgepascht.“ Von Baden marschierten sie nach Wien, dort nahmen sie einen Zug, der Richtung Znaim fuhr. „In Stockerau war aber Schluss. Die Russen haben sich die Lok gschnappt.“

Also sprangen die Burschen auf den nächsten Zug auf, der nach Hollabrunn fuhr. „In Göllersdorf oder Schönborn gab‘s ja noch keine Haltestelle“, erinnert sich der 82-Jährige. Als sie zurück in Schönborn waren, hatten sie Glück: „Die Kommandantur war komplett ausgewechselt. Die neue hat nichts von unseren Vergehen gewusst, sonst hätten sie uns ja wieder zurückgeschickt.“ Ertl und seine Freunde waren also sicher. „Wir waren sicher drei Wochen unterwegs und niemand hat gewusst, wo wir sind. Aber für uns war das a Gaude.“