Erstellt am 21. Oktober 2015, 17:37

von Karin Widhalm

Nach Engagement im Ausland: „Dürfen nicht alles so hinnehmen“. Clara Zimmerl engagierte sich ein Jahr sozial in Moldau und erzählt nun, was im Land gegen Armut getan werden könnte.

Clara Zimmerl (r.) griff Aliona in Moldau unter die Arme.  |  NOEN, Clara Zimmerl

Clara Zimmerl, gebürtige Zellerndorferin, war ein Jahr ehrenamtlich für Sozialprojekten bei Concordia tätig. Die 19-Jährige war in der Republik Moldau und kam nach dem Sommer wieder zurück nach Österreich. Im NÖN-Interview erzählt sie, was sie in ihrem Auslandsjahr gelernt hat.

NÖN: Was hat Sie motiviert, sich sozial zu engagieren?
Zimmerl: Ich habe mich schon seit mehreren Jahren mit der Idee angefreundet, nach der Matura ein Auslandsjahr zu machen, da ich generell an verschiedenen Kulturen und Sprachen interessiert bin. Anfangs träumte ich zwar noch davon, in Länder wie Indien oder Afrika zu gehen, doch ich habe bemerkt, dass man dafür sehr viel Geld zahlen muss. Zufällig bin ich dann durch meine Mutter auf Concordia gestoßen.

Wie bereiteten Sie sich vor?
Wir, die Volontäre, wurden sechs Wochen lang in einer Concordia-Einrichtung in Bukarest (Rumänien) vorbereitet. Das bestand aus einem Rumänisch-Sprachkurs und einigen Workshops, bei denen wir lernten, wie man mit gewissen Situationen umgeht. Weiters besuchten wir ein paar Projekte von Concordia in Rumänien.

Wo waren Sie genau im Einsatz?
Man konnte sich nicht genau aussuchen, wohin man kommt, doch auf unsere Wünsche und Anliegen wurde geachtet. Ich wurde gemeinsam mit sechs anderen Volontären in das Kinderprojekt im Dorf Pîrîta (moldawische Schreibweise), circa eine halbe Stunde von der Hauptstadt Chisinau entfernt, gebracht. Nach sechs Monaten wechselte ich in ein Projekt für alte verlassene Menschen im Norden Moldaus.

Was waren Ihre Aufgaben?
Im ersten Projekt gab ich zum Beispiel sehr viel Klavierunterricht, half bei schulischen Aufgaben und betrieb mit den anderen Volontären die Bibliothek. Das war mir am wichtigsten: für die Kinder, die schon so viel unvorstellbar Trauriges erlebt haben, da zu sein. Wir teilten auch Essen aus. Im zweiten Projekt half ich älteren Leuten beim Kochen und Aufräumen und half auch einer Nachmittagsbetreuung bei der Fürsorge der Kinder.

Welche Eindrücke haben sie mit nach Hause genommen?
Ich habe gesehen, wie groß die Armut ist, doch nach einiger Zeit habe ich gemerkt, dass diese Menschen gar nicht so arm sind wie wir denken. Geld ist in der westlich-europäischen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken, aber das bedeutet nicht, dass man reich ist. Solle es zu einer Krise kommen, bleibt uns rein gar nichts. Die Bevölkerung in Moldau baut dagegen selbst Nahrung für den Eigengebrauch an und hat Nutztiere. Sie können sich selbst versorgen. Würde es jemals zu einer Nahrungsknappheit kommen, hätten die Moldauer ein besseres Los gezogen als wir in der westlichen Gesellschaft.

Und doch gibt es viele Kinder, die ohne Eltern leben ...
Der Grund dafür, dass es so viele elternlose Kinder und verlassene Leute gibt, hängt natürlich mit der materiellen Armut zusammen. Denn die arbeitende Bevölkerungsschicht versucht Geld in Russland, Italien, und so weiter zu verdienen, um mit diesem dann ihre Familien zu unterstützen. Ich habe kaum eine Person mittleren Alters kennengelernt, die nicht schon einmal im Ausland gearbeitet hat. Was mich aber besonders erfreut hat, war, dass die Kinder trotzdem Kinder bleiben. Sie versuchen trotz ihrer schlimmen Vergangenheit, etwas aus sich zu machen und haben sehr viel Hoffnung für die Zukunft.

Welche Unterschiede zu Österreich gibt es?
Sehr unterschiedlich sind sich die Moldauer und die Österreicher meiner Meinung nicht. Zwar sagt man in Moldau eher offen, was man denkt und meint, doch ansonsten gibt es keine sehr großen charakterlichen Unterschiede. Die Moldauer sind ein hart arbeitendes Volk, das leider in einem Staat lebt, in dem die Korruptionsrate sehr hoch ist. Trotz alldem versuchen sie, das Beste aus ihrer Situation herauszuholen.

Was könnte für ein besseres Leben der Menschen getan werden?
Vieles. Erstens muss man schauen, dass die gesamte moldauische Bevölkerung erkennt, dass sie sehr wohl etwas an dem Zustand ihres Landes verändern können. Die Meisten tendieren dazu, alles so hinzunehmen, wie es ist und damit zu leben. Ob das geschafft werden kann, in dem andere Länder dabei helfen, oder dies einfach eine Entwicklung ist, die jedes Land selbst durchmachen muss, ist die Frage, die ich nicht wirklich beantworten kann. Meiner Meinung nach ist es wichtig, sich auf keinen Fall zu viel einzumischen, weil das Land ja selbstständig weiterleben sollte. Die Hilfe sollte nicht mit Großunternehmen aus dem Ausland passieren, die Kleinbauern etwas Geld für Land geben und damit alles in den Ruin treiben, nur um sich selbst zu bereichern.

Welche Erfahrungen haben Sie mitnehmen können?
Ich glaube, dass ich gelernt habe, die Dinge nicht so zu nehmen, wie sie kommen, sondern auch einmal zu hinterfragen. Ich versuche nun auch, viel mehr zu genießen und nicht blind durch den Alltag zu gehen. Ich denke, dass ich viel besser realisiere, was ich will.

Möchten Sie sich auch künftig sozial engagieren?
Mein Einsatz in der Republik Moldau war auf jeden Fall einzigartig. Für die nähere Zukunft kann ich mir vorstellen, mich in Österreich sozial zu engagieren. Zur Zeit bin ich mit meinem Studium beschäftigt, doch wenn der geregelte Alltag einkehrt, werde ich sicher wieder Zeit finden, mich sozial zu engagieren.