Altenburg , Horn

Erstellt am 05. August 2016, 08:26

von Rupert Kornell

Festival-Gründer: „Bin dankbar und demütig!“. Österreichs größtes derartiges Musikereignis startet am 7. August, sein Gründer Bijan Khadem-Missagh leitet es heuer zum 38. und letzten Mal.

Bijan Khadem-Missagh, Gründer des Kammermusik Festival Allegro Vivo.  |  Kornell

Vor dem Start des 38. Kammermusik Festivals Allegro Vivo traf die NÖN den Gründer und – heuer zum letzten Mal – Leiter Bijan Khadem-Missagh im Kunsthaus Horn zum Interview.

NÖN: Sie haben vor mittlerweile 38 Jahren Allegro Vivo gegründet. Was waren Ihre Beweggründe?

Bijan Khadem-Missagh: Nach der Gründung des Tonkünstler-Kammerorchesters wollte ich mit diesem Ensemble eine Oase der Stille, ein Sommerrefugium schaffen, bei dem ich viel Repertoire, viel Kammermusik erarbeiten kann. Durch Fügung und mithilfe von Alfred Wielander, damals Kulturreferent des Landes, kam ich ins Stift Altenburg, das mich als Ort des Denkens, der Meditation, der Künste und Wissenschaften sofort fasziniert hat, und ins Schloss Breiteneich.

Welche Erinnerungen haben Sie noch an das allererste Festival?

Eine eher ungewöhnliche: Der lange Weg durch die Bibliothek zur Bühne. Sonst gibt es in Konzertsälen ja einen eigenen Künstlereingang. Und natürlich die herzliche Aufnahme durch die damals anwesenden Musikliebhaber, ein wirklich kleiner, intimer Kreis.

Bijan Khadem-Missagh, Gründer des Kammermusik Festival Allegro Vivo.  |  Kornell

Was waren damals Ihre Ziele für das Festival?

Mein Ziel war es, Musik immer in der höchsten Ausführung, in der höchsten Qualität zu bieten. Und diese Qualität zieht viel anderes nach sich, das habe ich in den fast vierzig Jahren feststellen können. Der Tod der Kunst ist das Durchschnittliche, Qualität muss an der obersten Stelle stehen. Was Europa in den letzten Jahrhunderten hervorgebracht hat, ist ein Erbe, das uns eine Verantwortung für die Zukunft auferlegt.

War es eben dieser Qualitätsbegriff, der Sie zur Gründung der Sommerakademie bewogen hat?

Diese Sommerakademie ist mein Geschenk an die kommende Generation. Was wir hier weiterschenken, ist für einen selbst bereichernd. Es ist ein Austausch zwischen der älteren und der nächsten Generation und fällt auf fruchtbaren Boden.

War die Entwicklung des Festivals und der Sommerakademie mit heuer über 50 Konzerten bzw. fast 500 Studierenden voraussehbar?

Das war damals nicht vorstellbar, war undenkbar. Ich hatte zwar immer eine große Vision, habe mir, was immer ich mache, etwas auf eine unendliche Zeit vorgenommen, nicht mit mir, sondern grundsätzlich. Was man in die Welt setzt, ist wie ein Kind, das man in die Freiheit entlässt, aber es muss so erzogen sein, dass es danach sein Leben verantwortungsvoll leben kann. Allegro Vivo ist eines meiner Kinder ebenso wie die Sommerakademie und GlobArt, das auf dem Boden von Allegro Vivo gegründet wurde. Es ist aber ein eigener Verein für sich. Der hat sich sehr gut entwickelt, ist nur aus räumlichen Gründen von Pernegg nach Krems übersiedelt. Die Vorbilder der Gesellschaft, die von GlobArt ausgezeichnet wurden, haben mit dem großen Musiker Yehudi Menuhin begonnen, dem dann etwa Vaclav Havel, Erwin Kräutler oder Ernesto Cardenal folgten.

Das sind also Ihre drei Kinder. Kann man das als Parallele zu Ihrer Familie mit den Töchtern Martha und Dorothy und Sohn Vahid sehen, die ja alle ebenfalls künstlerisch tätig sind?

So habe ich das noch nie betrachtet, aber ja, man könnte es so sehen. Kinder sind ein Geschenk Gottes, alle haben sich für die Musik entschieden. Sie hatten die beste Mutter, die man haben kann, deshalb ist ihre Entwicklung auch so großartig gelaufen.

Was hat Ihre, im Frühjahr viel zu früh verstorbene Gattin Shirin für Sie, für Ihre Kinder bedeutet?

Meine Frau hat vor allem drei große Bereiche verwirklicht. Zum einem im Familiären, wo sie wirklich als Mutter und Ehefrau alles gegeben hat, was man sich nur wünschen kann. Dann hat sie einen unerschütterlichen Glauben gehabt an den Schöpfer und an das Geschenk, das Gott in höchster Form den Menschen gibt, indem er ihnen sein Wort schenkt und so zu einer fortschreitenden Gottesoffenbarung wird. Und dann die Musik. Sie hatte eine großartige Stimme und sie hat mich bei meiner Musik immer unterstützt.

Hat ihr Tod Ihre Entscheidung, heuer zum letzten Mal das Festival zu leiten, beeinflusst?

Nein, diese Entscheidung ist schon lange vorher – und gemeinsam mit ihr – getroffen worden.

Kann man davon ausgehen, dass Ihr Sohn, der ab 2017 das Festival führen wird, aufbauend auf Ihren Visionen seine eigenen verwirklichen wird?

Vahid IST Allegro Vivo, er ist das erste Kind, das in Allegro Vivo alles miterlebt hat. Er war ein Jahr alt, als das erste Festival lief. Und es gibt Bilder, auf denen er als kleiner Bub auf der Wiese von Schloss Breiteneich zwei Holzstöcke findet, einen wie eine Geige auf die Schulter und den anderen als Bogen nimmt, ein anderes Mal Cello und Bogen imitiert und ein drittes Mal eine Flöte. Er hat Allegro Vivo so in sich aufgenommen, und ich bin fasziniert, was er umgesetzt hat, zum Beispiel mit seinen Spezialprojekten „Stradivahid“ oder „Quo Vahid“ und seinem Ensemble „Capriccio Vienna“ neben seiner internationalen Solistentätigkeit und als 1. Konzertmeister des Nö. Tonkünstlerorchesters. Er ist prädestiniert, diese Ideen zu leben und auch weiterzugeben.

Was empfinden Sie als Höhepunkte dieser fast vier Jahrzehnte Allegro Vivo?

Ich würde drei Eckpunkte herausstreichen: Einmal die Eröffnung des ersten Festivals, dann das Jahr 1992, das ist in besonderer Erinnerung. Hier hatte ich zum ersten Mal ein Projekt ausgerufen, das ich unter den Begriff „Aspekte“ gestellt habe. Es war das Jahr, in dem ich mit großer Überzeugung, aber auch mit großer Sorge, ob die Umwelt das verstehen wird, Musik aus anderen Kulturen in das große europäische Erbe miteinbezogen habe. Damals hat die große Reise über 25 Stationen von China und Japan über Afrika und Europa, zuletzt Frankreich, begonnen, und die findet heuer unter dem Leitthema „Neue Horizonte“ in der Neuen Welt, in Amerika, ihren Abschluss. Und das ist der dritte Höhepunkt.

Bestanden diese 38 Jahre nur aus Höhepunkten oder haben Sie sich auch gelegentlich eingestehen müssen, gescheitert zu sein?

Man scheitert jeden Tag. Jeden Abend sollten wir uns Rechenschaft über diesen vergangenen Tag ablegen. Man kann dankbar sein, was man erreicht hat, aber der Mensch ist halt ein fehlerhaftes Wesen. Unsere Bemühungen müssen darin liegen, dass das Positive überwiegt.

Sind Sie stolz darauf, was Ihnen gelungen ist, dass das Festival zu dem geworden ist, was es ist?

Nein, ich bin nicht stolz darauf, das sage ich ganz dezidiert, denn Stolz erniedrigt. Ich bin sehr dankbar für diese Entwicklung, aber ich bin, so glaube ich, auch demütig. Denn dieses Leben ist ein Geschenk, besser ein Pfand Gottes, das wir bekommen haben und zurückgeben müssen. Wir kommen von Gott und kehren wieder zu ihm zurück.