Erstellt am 02. März 2016, 04:39

von Martin Kalchhauser

FF-Arbeit muss in der Praxis „grenzenlos“ sein. Im NÖN-Gespräch: Der neue Horner FF-Bezirkschef Christian Angerer über seine Wahl, Frauen in der Wehr, die Wichtigkeit der Jugendarbeit und ein neues Unterrichtsfach mit angenehmem Nebeneffekt.

Angerer über öffentliche Unterstützung für die Feuerwehr: »Die Gemeinden tun ihr Bestes. Das sage ich, obwohl ich FF-Chef in Eggenburg bin und wir hier schon lange auf den Aus- bzw. Neubau des FF-Hauses warten.«  |  NOEN, Martin Kalchhauser

NÖN: Sie waren der „Wunschkandidat“ Ihres Vorgängers Werner Loidolt und einziger Wahlwerber. Ein klares Ergebnis war zu erwarten. Sind Sie trotzdem froh, dass letztlich alles so gut gelaufen ist?
Angerer: Natürlich bin ich darüber froh. Wunschkandidat war ich, ja. Aber ich glaube, dass das Ergebnis, bei dem 189 der 193 abgegebenen Stimmen für meine Person waren, zeigt, dass der Bezirk hinter mir steht und mit meiner Wahl und eben auch mit dem Vorschlag Werner Loidolts einverstanden war.

„Habe ein sehr gut bestelltes Haus übernommen“

Vor der Wahl zum Bezirkskommandant-Stellvertreter haben Sie eine Präferenz für Thomas Nichtawitz erkennen lassen. Warum? Hätten Sie mit Georg Platzer nicht ebenso gut zusammenarbeiten können?
Wir haben bei der letzten Bezirkssitzung im Februar, kurz vor der Wahl, darüber gesprochen, wer sich der Wahl stellen wird. Da ist die Wahl auf mich als Kandidat für den Bezirkskommandanten gefallen, und Thomas Nichtawitz hat gesagt, er stellt sich der Wahl zum Stellvertreter. Georg Platzer hat sich erst später bereiterklärt, zu kandidieren. Ich kenne ihn gut, wir sind Kommandanten von Nachbarfeuerwehren, arbeiten oft zusammen. Daher wäre es auch kein Problem gewesen, wenn Georg diese Position innehätte.

Die Aussage, mit Nichtawitz als Team anzutreten, kann man aber schon als Präferenz sehen …
Es war für mich nach der angesprochenen Bezirkssitzung klar, dass Thomas und ich als Team antreten werden. Aber ein Wahl ist eben eine demokratische Entscheidung, und wenn sich dort noch jemand bereiterklärt, anzutreten, dass ist das völlig legitim.

x  |  NOEN, Anton Zeder
1976 begann die Karriere des heutigen FF-Bezirkskommandanten (Mitte) in der Feuerwehrjugend.

Was wird schon in allernächster Zeit neu sein unter Kommandant Christian Angerer? Was haben Sie zuerst vor?
Prinzipiell ist zu sagen, dass ich ein sehr gut bestelltes Haus übernommen habe. Wir haben im Vorjahr dem Katastrophen-Hilfsdienst (KHD) neues Leben eingehaucht, da war ein großer Motivationsschub da. Wirklich neu machen, will ich bei der Feuerwehr gar nichts. Es gilt nur im Bereich der Ausbildung bei den einzelnen Feuerwehren noch einen Feinschliff zu vollziehen. Etwaige andere Problemstellungen werden sich erst im Zuge der Arbeit ergeben.

Wie ist das mit dem „Feinschliff“ zu verstehen? Betrifft das die kleinen Wehren?
Wertigkeiten wie klein, mittel oder groß habe ich nie gebraucht. Alle Feuerwehren sind für mich gleich wichtig. Wir brauchen einander im Einsatz gegenseitig. Konkret: die Thematik Ausbildung ändert sich laufend. Es kommen immer wieder neue Sachen dazu. Daher möchte ich, weil ich mit dem Thema persönlich sehr verhaftet bin, darauf schauen, dass wir immer auf dem letzten Stand sind.

„Die Gemeinden tun ihr Bestes,
die Feuerwehren zu unterstützen“

Wie wollen Sie Ihre Arbeit bei der Polizei in Wien mit den Aufgaben im Bezirk Horn – vor allem zeitlich – unter einen Hut bekommen?
Ich habe meine Funktionen als Abschnittskommandant und Bezirkskommandant-Stellvertreter unter einen Hut bekommen. Vielleicht habe ich sogar einen Vorteil, dass ich durch meinen Wechseldienst in Wien relativ oft unter der Woche zu Hause bin. Betreffend Dienstfreistellung habe ich natürlich auch mit meinem Dienstgeber gesprochen, und der hat mir zu erkennen gegeben, dass ich, wenn irgendwelche größere Schadens-Szenarien sind, ich jederzeit von der Arbeit weg kann.

Stichwort Mindestausrüstungsverordnung: Sind Sie mit den neuen Regelungen zufrieden? Gibt es von Gemeinden und Land genug (finanzielle) Unterstützung für die Feuerwehren?
Die Mindestausrüstungsverordnung ist aufgrund einer Matrix erstellt worden. Es hat eine genaue Gefahrenanalyse aller Orte und Feuerwehren gegeben. Ich denke, dass das ein guter Wurf war. Damit können wir als Feuerwehren sehr gut leben. Die Unterstützung des Landes und die Förderungsrichtlinien sind mit der Verordnung vorgegeben. Die Gemeinden tun ihr Bestes, die Feuerwehren zu unterstützen. Das sage ich, obwohl ich FF-Chef in Eggenburg bin und wir hier schon so lange auf den Aus- bzw. Neubau des Feuerwehrhauses warten. Die Gemeinden haben es in diesen Zeiten halt nicht so leicht, und die Feuerwehren müssen realistisch bleiben.

x  |  NOEN, Martin Kalchhauser

Bei den Wahlen wurde teilweise wieder zum System zurückgekehrt, das jedem höherrangigen Funktionär eine „Verankerung“ im Kommando seiner Stammwehr vorschreibt. Ist das sinnvoll?
Ich finde es vernünftig. Wenn man in eine höhere Position kommt, darf man den Bezug zur Basis nicht verlieren. Wir Funktionäre werden ja von der Basis gewählt! Es wäre ganz schlecht, diesen Zusammenhalt, diesen Bezug zu verlieren.

Muss man den nicht sowieso haben, um überhaupt einmal in die Position zu kommen, für eine höhere Funktion zu kandidieren?
Schon, aber ich persönlich finde die Regelung nicht schlecht, weil man doch noch mehr in der Feuerwehr verhaftet ist. Früher war man in einer Führungsfunktion automatisch „Multifunktionär“. In meiner Position hätte ich damals zusätzlich Unterabschnittskommandant und zumindest Abschnittskommandant-Stellvertreter sein müssen. Das habe ich nicht so gut gefunden. Ich glaube, die jetzige Lösung – man ist Kommandant oder Stellvertreter in einer Feuerwehr und dann in irgendeiner Führungsposition tätig – ist sehr gut. Damit ist die Arbeit auf mehrere Leute verteilt, man kann also die Personalressourcen entsprechend nutzen. Und es gibt auch für mehr jüngere FF-Mitglieder, die solche Positionen besetzen, die Möglichkeit, sich einzubringen.

„In der Schule können wir das Interesse
an der Feuerwehr wecken“

Durch das neue Unterrichtsfach „Brand- und Katastrophenschutz“ wird die Feuerwehr in NÖ quasi zum Unterrichtsfach. Demnächst startet diese flächendeckende Aktion an den Volksschulen. Was versprechen Sie sich davon?
Schon bis jetzt sind die Feuerwehren in die Schulen gegangen. Wir haben uns mit den Schulleitern arrangiert, sodass wir kommen durften, um uns vorzustellen. Die jetzige Maßnahme, dass wir praktisch in den Unterricht eingebunden werden, ist sehr gut. Es ist lehrreich für die Kinder, dass sie mit einzelnen Gefahrensituationen konfrontiert werden und damit umzugehen lernen. Der angenehme Nebenaspekt für uns ist, dass wir in der Schule das Interesse an der Feuerwehr wecken und neue Mitglieder für unsere Feuerwehrjugend gewinnen können.

Die Feuerwehren haben sich auch in der Vergangenheit schon bemüht, Jugendliche für ihre Arbeit zu begeistern. Wurde da zu wenig gemacht? Muss es im Bereich der Feuerwehrjugend vermehrt Anstrengungen geben?
Unsere Tendenz muss sein, dass wir nicht warten, bis die Kinder oder Jugendlichen zu uns kommen, sondern wir müssen offensiv auf diese zugehen und ihnen vermitteln, dass die bei uns ab dem 10. Lebensjahr mitmachen können. Das muss noch besser umgesetzt werden. Ich glaube, es wissen die wenigsten Eltern, wie man den Begriff Feuerwehrjugend definieren kann. Was machen die Kinder bei uns? Welchen Gefahren ist ein Kind unter Umständen da ausgesetzt? Das war bei meinen Eltern damals das Gleiche. Was ist, wenn etwas passiert? Feuer, feuerwehrtechnisches Gerät, … sind Begriffe, die da eine Rolle spielen. Bei der Feuerwehrjugend beginnt man spielerisch, im Alter von 10 bis 12 Jahren, die Feuerwehr zu erkunden. Ab dem 12. Lebensjahr erst setzt man sich mit der Thematik Feuerwehrtechnik und Brandlehre auseinander. „Meine“ Feuerwehr Eggenburg setzt sich zu 99 Prozent aus ehemaligen Mitgliedern der Feuerwehrjugend zusammen. Im Kommando sind alle bis auf eine Person aus der FF-Jugend Eggenburg gekommen.

In einem Fußballteam würde man das „Eigenbau“ nennen …
Man könnte das so sagen, ja. Lauter Eigenbau-Spieler, also Spieler aus dem eigenen Nachwuchs.

Bei den vorgeschriebenen Untersuchungen für Atemschutzgeräteträger herrscht, nachdem die angepeilte Kooperation mit den Landeskliniken geplatzt ist, eine unbefriedigende Situation. Was passiert auf diesem Gebiet derzeit im Bezirk Horn? Sehen Sie eine Aussicht auf eine Lösung? Wie wird bzw. sollte diese aussehen?
Es wird eine Lösung geben. Bei der letzten Besprechung der Abschnitts- und Bezirksfeuerwehrkommandanten in Tulln sind zwei Lösungsmöglichkeiten vorgestellt worden. Der eine ist der sogenannte altersmäßig abgestimmte Lauftest. Die zweite Variante wäre ein Belastungstest in voller Ausrüstung, wie wir das bisher gemacht haben. Das Ganze soll in Zusammenhang mit der Gesunden-Vorsorgeuntersuchung stehen. Ich denke, das wäre ein gangbarer Weg für uns, der auch dem entspricht, was wir im Bezirk Horn in Langau praktizieren.

Das heißt, momentan müssen die Atemschutzgeräteträger zum Test nach Langau. Würde es auch in Zukunft wieder eine bezirksweite Lösung geben?
Richtig. Sie müssen auf die Hindernisstrecke für die Atemschutz-Modulausbildung. Künftig wäre das eine landesweite Lösung, aber in jedem Bezirk selbstständig abzuhandeln. Beispiel: Die FF Eggenburg könnte dann diesen Belastungstest selbst durchführen. In Zusammenarbeit mit einem Arzt und einem Sanitäter.

x  |  NOEN, Martin Kalchhauser

Wann wird es da eine Lösung geben?
Das Projekt ist Ende des vorigen Jahres gestartet worden, es muss auf eine fundierte Basis gestellt und medizinisch abgesegnet werden. Aber ich bin guten Mutes, dass wir noch in diesem Jahr die ersten Untersuchungen nach den neuen Richtlinien durchführen können.

Das weibliche Geschlecht ist in der Feuerwehr nach wie vor schwach vertreten – auch generell, vor allem aber in der Führungsebene, wie die reine „Herrenrunde“ der Kommandanten und Stellvertreter zeigt. Wie sehen Sie diesen Umstand?
Das Thema Frauen in der Feuerwehr stellt für mich kein Problem dar. Ich kann mich erinnern – ich war noch Kommandant-Stellvertreter –, da ist bei uns das erste Mädchen zur Feuerwehrjugend gekommen. Damals gab es Bedenken. Ein einziges Mädchen unter so vielen Buben! Was wird da sein, was wird passieren? Es hat sich aber sehr gut eingelebt, und es hat keine Probleme gegeben. Es wird einige Zeit dauern, bis auch Frauen Führungsfunktionen übernehmen. Aber soweit ich das weiß, gibt es bei uns im Bezirk einige Frauen, die schon im Verwaltungsdienst in ihrem Kommando tätig sind. Wir haben aber halt leider noch keine Kommandantin oder Kommandant-Stellvertreterin. Aber ich glaube, dass auch das kommen wird.

Geht es zu langsam? Gibt es da Widerstände?
Man muss sich erst einmal herantasten an das Feuerwehrwesen und natürlich auch die dementsprechenden Führungslehrgänge besuchen. Das dauert eben seine Zeit. Ich kann nur auf meinen Beruf verweisen, wo wir auch mit Kolleginnen Dienst versehen, egal, in welcher Sparte. Und das hat sich bewährt. Die Kolleginnen machen genau dieselbe Arbeit wie wir. Warum sollte es also im Bezirk Horn nicht auch bald einmal eine Kommandantin oder eine Kommandant-Stellvertreterin geben?

Werden wir das noch erleben?
Angerer (lacht): Ich hoffe, dass wir das noch erleben werden!

„Bin mit meinen 52 Jahren
schon eine Art Dinosaurier“

Was würden Sie einer/einem 15-Jährigen sagen, wenn Sie diese(n) für die Feuerwehr gewinnen sollen? Warum sind Sie beigetreten?
Am wichtigsten ist, dass man dem Betroffenen nicht nur sagt: Komm zu uns zur Feuerwehr, da erlebst du was! Das ist der falsche Weg. Es ist vielmehr bedeutend, dass man das Interesse weckt. Man hat den oder die Jugendliche gewonnen, wenn er oder sie sagt: Das ist interessant für mich! Das will ich mir anschauen. Dann kann man in ein Gespräch kommen, die Wünsche in einem Jugendlichen wecken und ihm vermitteln, dass er sich auch persönlich verwirklichen kann. Wenn sich ein Jugendlicher mit der Thematik Feuerwehr identifizieren kann, dann hat man ihn gewonnen. Ich selbst bin mit 12 Jahren dazugekommen. Die Feuerwehrjugend hat es damals schon einige Jahre lang gegeben. Ein Schulfreund ist bei der Feuerwehr eingetreten, hat mir begeistert erzählt, wie klasse das ist und dass sie oft unterwegs waren. Mein Interesse war geweckt, und dann bin ich hergekommen und habe mir das auch angeschaut. Und seither bin ich dabei.

Und wie lautet Ihre bisherige Bilanz?
Es gibt sehr viele positive Aspekte. Vor allem haben wir gelebte Kameradschaft, sind ein junges Team, in dem ich mit meinen 52 Jahren schon eine Art „Dinosaurier“ bin. Aber wir finden immer alle zusammen, weil es eine Gesprächsbasis gibt. Und der Zusammenhalt, die Freundschaften, die entstehen, sind für mich besonders wichtig. Es gibt natürlich auch negative Erlebnisse, zum Beispiel, wenn man im Zuge eines Einsatzes erlebt, wie ein Mensch zu Schaden kommt. Aber positiv ist wiederum, wenn man der Person helfen kann. Ich bin nicht zur Feuerwehr gegangen, damit ich „etwas werde“. Das hatte ich nie vorgehabt, so komisch sich das jetzt vielleicht auch anhört. Das hat sich bei mir ergeben, als ich 1996 zweiter Kommandant-Stellvertreter geworden bin. Dann hat dieses Rad zu laufen begonnen. Es ist immer mehr Interesse geweckt worden, ich wollte in die Ausbildungsschiene einsteigen, und dann ist alles andere einfach „passiert“.

Sie haben bei der Wahl in Mold einen Satz gesagt, der mir in Erinnerung geblieben ist: „Wir sind Feuerwehr!“
Egal, ob Kühnring, Eggenburg, Gars oder Horn: Der Grundgedanke ist Feuerwehr! Wir alle sind einmal Mitglieder einer gemeinsamen Organisation. Wichtig ist, dass wir zusammenhalten, weit über den Tellerrand hinausschauen und es in der Praxis keine Unterabschnitts-, Abschnitts- oder Bezirksgrenzen gibt. Ich glaube, das zeichnet uns als Feuerwehren aus.


Zur Person: Christian Angerer

  • Geboren am 14. 11. 1963 in Eggenburg, hier aufgewachsen und wohnhaft

  • Ausbildung, Beruf: Volks- und Hauptschule in Eggenburg; mit dem 15. Lebensjahr Berufseinstieg als Polizeipraktikant (in Wien); Polizei-Grundausbildung, danach Fachausbildung für den Kriminaldienst; tätig als Polizeibeamter im Kriminaldienst in Wie

  • Feuerwehr-Laufbahn: 1976 als 12-Jähriger der Feuerwehrjugend Eggenburg beigetreten; 1979 in den Aktivdienst überstellt; 1996 zum Kommandant-Stellvertreter gewählt; ab 2001 Kommandant der FF Eggenburg (heuer zum dritten Mal wiedergewählt); 2004 bis 2009 Abschnittskommandant im Abschnitt Eggenburg; ab 2009 Bezirkskommandant-Stellvertreter; am 20. 2. 2016 zum Nachfolger Werner Loidolts als Bezirksfeuerwehrkommandant gewählt; diverse Funktionen und Aufgaben im Bereich der Ausbildung auf Landesebene (z. B. Modulleiter „Führungsausbildung“, Bewerter beim Feuerwehrleistungsabzeichen in Gold, der „Feuerwehr-Matura“

  • Privates: seit 1989 mit Gattin Elisabeth verheiratet; zwei Söhne (Andreas, geb. 1982, und Markus, 1989); Hobbys: Unternehmungen mit der Familie, Feuerwehr