Horn

Erstellt am 13. Juli 2016, 02:04

von Martin Kalchhauser

Erni Mangold: „Ich bin ein Theater-Viech!“. Die NÖN lud die Schauspielerin Erni Mangold und Intendantin Nina Blum aus Anlass der Aufführung des Stücks „Kalender Girls“ bei den Sommerspielen auf der Rosenburg zum Interview.

Im Interview: Rosenburg-Intendantin Nina Blum (li.) und Schauspielerin Erni Mangold.  |  zvg

Sind Sie lieber in Wien oder hier „zu Hause“ im Waldviertel?

Mangold: Ich spiele in Wien sehr gerne, aber lebe schon seit ungefähr 30 Jahren hier. Ich lebe hier wahnsinnig gerne und bin sehr glücklich. In Wien möchte ich nicht sein. Seit ich in Pension gegangen bin, bin ich hier und sozusagen ein Pendler. Ich habe die Stadt Wien genossen, als ich jung war.

Warum?

Mangold: Ich mag viele Leute nicht, die ich in den „Seitenblicken“ sehe oder bei Partys treffe, denn die Oberflächlichkeit ist schon sehr groß. Das Interesse, auf ein Thema wirklich einzugehen, gibt es nicht. Da ist nur viel Blablabla.

Sie haben gemeint, es fehle Ihnen manchmal die Distanz der Leute. Ist das am Land schlechter?

Mangold: Nein, hier gibt’s das nicht. Das ist ja so angenehm. Hier gehöre ich zur ganzen Sippschaft dazu. Die behandeln mich, als ob ich hier auf die Welt gekommen wäre, und mögen mich sehr. In dem Moment, in dem der Sommer ausbricht und die Wiener nach Gars kommen, höre ich wieder dauernd: „Jössas, die Frau Mangold!“ Das nervt.

Blum: Ich glaube, die Leute hier akzeptieren einfach, dass du hier lebst und lassen dich in Ruhe.

Mangold: Im Waldviertel lässt jeder den anderen in Ruhe. Hier besucht man sich auch nicht. Man redet miteinander, aber man besucht sich nicht. Das ist auch angenehm. Du bist in einer gewissen Weise abgeschottet, auf der anderen Seite gehört man aber einfach dazu. Ich gehe ins Gasthaus, rede mit den Leuten, die ich ja alle kenne, weiß auch, wer grad gestorben oder in Pension gegangen ist. Aber das Um und Auf ist die Ruhe, die Entspanntheit, die Luft und das Leben. Ich liebe auch diese „Bio-G’schichtln“, die es schon vor 30 Jahren gegeben hat im Waldviertel. Was mir aber am meisten imponiert, ist, dass die Waldviertler nur ganz selten jammern. Es geht den meisten nicht schlecht, aber auch nicht so wahnsinnig toll. Viele müssen Pendeln oder haben zwei Berufe.

Ist es schöner, hier, auf der Rosenburg zu spielen?

Mangold: Das sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Das Sommertheater mache ich wegen Nina (Blum, Anm.), weil ich mit ihr befreundet bin.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Mangold: Bei Filmdreharbeiten. Und wir haben uns gleich gemocht. Seit damals sind wir befreundet, und deshalb habe ich auch zugesagt, dass ich bei ihr spiele. Für wen anderen hätte ich das wahrscheinlich nicht mehr gemacht. In Wien spiele ich noch in der Josefstadt zu meinem Neunziger 60 Vorstellungen von „Harold & Maude“. Da ist im Jänner 2017 die Premiere. Danach werde ich wahrscheinlich nicht mehr Theater spielen. Dann hau ich den Hut drauf, dann hab ich genug. Dann mach ich vielleicht noch Fernsehen, solange ich noch kann, und dann ist es aus.

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Wie sind Sie auf Erni Mangold für die Rolle der „Jessie“ im Stück „Kalender Girls“ gekommen?

Blum: Wie Erni gesagt hat, kennen wir und von einem Dreh vor rund zehn Jahren in Leipzig. Da haben wir mit Bruno Ganz gedreht. Details unserer Erlebnisse dort will ich jetzt hier gar nicht ausbreiten (lacht). Wir haben zusammen gewohnt, waren rund zwei Monate lang quasi Nachbarinnen. Und Erni hat oft am Abend gekocht. Ich koche nicht gerne, und so haben wir gemeinsam gegessen, haben wunderschöne Abende gehabt. Das war eine schöne Zeit.

Erni Mangold war ja auch „mitschuld“, dass Sie hier tätig sind …

Blum: Genau. Ich habe ich zu verdanken, dass ich überhaupt die Rosenburg übernommen habe. ‚Sie hat damals zu Alexander (Alexander Waechter, Intendant in der Zeit vor Nina Blum, Anm.) gesagt: „Du, die Nina wär doch was!“ Natürlich hätte er mich nicht genommen, wenn er das nicht gewollt hätte. Aber die Erni war sozusagen in der Entscheidung mit dabei.

Mangold: Naja, ich hab schon angerufen und gesagt: „Das muss doch klappen!“

Blum: Als ich die Sommerspiele hier übernommen habe, habe ich gleich zu Erni gesagt: „Aber wenn ich das jetzt mache, dann spielst du auch noch einmal bei mir!“ Sie hat zugesagt, und dann habe ich schon nach einem Stück Ausschau gehalten, wo das gut möglich ist.

Das Stück war also auch danach ausgewählt?

Mangold: Nein, das war Zufall …

Blum: Ich wollte eine Mischung. Ich hab gewusst, dass die Erni spielen soll, und ich wollte sowieso Komödien machen, die auch ein bisschen Tiefgang haben, also nichts völlig schwachsinnig Seichtes. Und „Kalender Girls“ ist eine Komödie, in der es auch um etwas geht. Das ist nicht nur ein „Schenkelklopfer“. Marcus (Marcus Ganser, Anm.) und ich haben dann zwischen „Altweiberfrühling“ und „Kalender Girls“ überlegt. Und haben entschieden, dass das unser heuriges Stück wird, weil es durch die Krebs-Geschichte noch mehr am Punkt ist. Die Wahl des Stücks war also eine Kombination verschiedener Mosaiksteine.

Auf der Bühne sind sechs Frauen. Erni Mangold und fünf andere. Man hat den Eindruck, Ihre Rolle ist Ihnen auf den Leib geschneidert …

Mangold: Mir ist alles auf den Leib geschneidert. Ich bin einfach eine gute Schauspielerin. Da bin ich nicht überheblich, das entspricht der Wahrheit. Erstens bin ich ein Profi, zweitens habe ich irre viele Rollen gespielt, und da kann mir nicht so schnell jemand das Wasser reichen. Ich habe im Vorjahr unter anderem noch zwei große Rollen am Volkstheater gespielt und den „Puck“ im Sommernachtstraum. Ich bin halt ein „Theater-Viech“ – mehr als viele, die da herumhatschen. Aber ich finde, die anderen Frauen im Stück machen ihre Sache gut, obwohl sie nicht alle immer am Theater sind oder waren. Und in meinem Alter, wenn man da nicht mehr besser wird, dann kann man auch drauf scheißen.

Stichwort Alter: Im Stück sagen Sie: „Zur Gefahr wird das Alter dann, wenn du dich so verhältst, wie es das Alter von dir erwartet.“ Offensichtlich ist das Alter für Sie kein Thema?

Mangold: Das stimmt. Weil ich mich auch darum nicht so kümmere. Ich habe halt das Glück, dass ich biologisch nicht so alt bin. Das haben mir auch Ärzte bestätigt. Ich glaube, das hängt auch damit zusammen, dass ich unfertig war, als ich auf die Welt gekommen bin. Ich war ein Achtmonats-Kind.

Fühlen Sie sich in der Rolle wohl?

Mangold: Ich habe es aus Freundschaft zu Nina gemacht. Ich habe mich schon geplagt. Man muss immer lang herumstehen, weil die Rolle ja nicht so groß ist, und das war teilweise sehr mühevoll. Das hat ein bisserl genervt.

Aber jetzt sind Sie in der Rolle „daheim“?

Mangold: „Daheim“ war ich darin ab dem ersten Tag. Aber der Witz ist der, dass wir jetzt die Vorstellungen haben, und es ist alles vorbei. Ich muss eh schon wieder den nächsten Text lernen … Und ich spiele in einem internationalen Film mit, der in Schweden gedreht wird – „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“. Da gibt es eine wunderschöne Frauenrolle drin.

Geht der Tiefgang im Stück nicht ein wenig im Spaß unter?

Mangold: Das finde ich nicht. Wenn die Leute zuhören, gehen sie nicht unter. Es ist immer die Frage, was das Publikum will. Es gibt auch Leute, die schalten weg, wenn ernste Momente kommen. Das ist eine Art Verdrängen.

Blum: Ich hab grad gestern von ein paar Leuten gehört, dass ihnen gerade das gut gefällt. Einer hat mir gesagt: „Ich muss dir gestehen, mir sind die Tränen heruntergeronnen, als der eine Schauspieler aus dem Rollstuhl steigt.“ Er war ganz überrascht, dass ihm das passiert. Aber das ist doch schön!

Mangold: Bilder sagen oft viel mehr aus als Sprache. Das weiß ich auch von meinem Vater, der Maler war. Ich habe immer zu ihm gesagt: Wenn du einmal nicht mehr bist, bleiben deine Bilder von dir. Wenn ich morgen weg bin, weiß schon übermorgen keiner mehr was von mir. Auch Bilder am Theater bleiben hängen.

Im Stück kommt der Lions-Club Horn in seiner Konkurrenzsituation zu dem in Hadersdorf vor. Wie wichtig ist die lokale Verankerung des Stücks?

Blum: Das war mit total wichtig und auch wirklich meine Idee. Für mich war das Stück viel zu „englisch“. Es waren Witze drinnen, die kein Mensch hier verstehen würde. Die Aussage ist ja für mich auch: Das kann in jedem Ort, in jedem Kaff wie Hadersdorf oder Plank, passieren. Damit ist die Handlung den Leuten auch nahe. Erni hat uns, vor allem dem Marcus (Regisseur Marcus Ganser, Anm.), sehr geholfen beim Recherchieren. Zum Beispiel: Wo gibt’s die besten Mohnzelten? Was ist witzig in der Konkurrenz Horn – Hadersdorf? Und so weiter. Nachdem uns Horn auch unterstützt, mussten die Kalender Girls natürlich auch aus Horn kommen.

Das Stück spiegelt auch gesellschaftliche Entwicklungen wider. Siegt bei den Jungen heute wieder immer öfter die Prüderie?

Mangold: Sicher, es ist schon wieder die Biedermeier-Zeit ausgebrochen. Bei den jungen Leuten ist das schon wieder in. Es gibt wieder diese gewisse Häuslichkeit, Betulichkeit und manchmal für mich merkwürdige Lieblichkeit des Zusammenseins. Ich war halt nie länger als drei Jahre mit einem Typen zusammen. Teilweise ist wieder dieses Geschmuse, das An-ihm-Hängen, modern. Alles ein bisschen merkwürdig. Auch weil ich behaupte, dass die Jugend heute in einer gewissen Weise viel intelligenter ist als wir es damals waren. Dafür waren wir erwachsener. Manche sind das heute mit 30 noch nicht.

Blum: Das möchte ich unterstreichen. Ich merke das bei meinen drei Stiefkindern, also den Kindern meines Mannes. Die sind 21, 19 und 17. Die Jüngste hat sich zum Geburtstag ein Wellness-Wochenende mit ihrer Freundin gewünscht.

Mangold: Also wenn mir das meine Mutter damals geschenkt hätte, hätte ich sie gefragt, ob sie deppert ist. Ich wär doch dort nicht hingefahren!

Blum: Mit 17 hätte ich das vielleicht auch nicht gewollt. Meine Hypothese dazu ist: Die Welt wird unsicherer. Dadurch hat man das Gefühl, man möchte sich wieder in die Kleinstfamilien-Strukturen zurückziehen. Ich habe auch das Gefühl, dass in meiner Generation noch das Abenteuer eine wichtigere Rolle gespielt hat – Interrail fahren, die Welt entdecken …

Es geht in den „Kalender Girls“ auch um nackte Tatsachen. Ist Nacktheit heute wieder mehr verpönt als früher?

Blum: Sicher! Ich bin ab 17 oder 18 im Bad oben ohne gegangen. Die meisten der jungen Mädels heute wollen das nicht. Ich glaube, die Gesellschaft ist auf manchen Ebenen prüder geworden.

Mangold: Nach der 68er-Generation sind die gekommen, die in den 1950er-Jahren geboren sind, und die Revolution nicht mitgemacht haben. Die haben gemerkt, dass es die Zügellosigkeit und Nacktheit nicht bringt. Die sexuelle Freiheit ist nicht wirklich eingetreten. Dann ist wieder ein Rückwärtsgang gekommen, der auch einhergeht mit einer eigenartigen, manchmal auch merkwürdigen Scham. In der Öffentlichkeit, denke ich mir, naja von mir aus, aber ich hoffe, dass das wenigstens im privaten Bereich nicht so ist.

Wäre dieser Kalender in der Realität für die Beteiligten im privaten Bereich – etwa bei den eigenen Kindern – schlimm?

Blum: Nein. Also die Tochter Elisabeth Engstlers hat gemeint, sie findet das cool.

Mangold: Wenn man weiß, welche Idee dahintersteckt, auf gar keinen Fall! Da finde ich diese Jungbauernkalender viel furchtbarer! Die sind oft wirklich peinlich.

Blum: Genau, weil dort geht es ja um nichts. Aber hier geht es um eine gute Sache. Außerdem sieht man im Stück ja nichts. Das ist ja der Witz! Es ist alles sehr ästhetisch.

Mangold: Ja, und selbst wenn man was sehen würde. Das ist einfach lächerlich.