Erstellt am 04. Dezember 2015, 10:45

16 neue Anklagen: US-Justiz treibt FIFA vor sich her. Die US-Justiz lässt nicht locker. Pünktlich zum Reformkongress der FIFA kündigte Chefanklägerin und US-Justizministerin Loretta Lynch Anklagen gegen 16 weitere Funktionäre an - und die Ermittlungen sind noch lange nicht vorbei. Der Korruptionsskandal hat für die "Weltpolizei" höchste Priorität.

Nach außen hin gibt sich Lynch stets höflich und charmant, aber sie holte bei einer Pressekonferenz am Donnerstag in Washington zum brachialen Rundumschlag gegen die FIFA aus. Weitere 16 hochrangige Funktionäre klagt die Generalstaatsanwältin an, auf 236 Seiten hat ein Gericht in New York die Vorwürfe detailliert aufgelistet. "Unglaublich" sei das Ausmaß der Korruption, wetterte Lynch.

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate hat diese zierliche Frau der als Männer-Club verschrienen FIFA die Show vermasselt. Erst mit den Festnahmen vor dem Kongress im Mai, nun mit der Razzia am Tag der Reformdebatte. Dabei gehe es Lynch gar nicht um den großen Show-Effekt und Schlagzeilen, sagen Beobachter und Kollegen. Sie sei eher zurückhaltend und müsse zu Pressekonferenzen oft überredet werden. Das Vorgehen der Strafermittler sei zudem rein pragmatisch - wenn die FIFA-Funktionäre sich alle in Zürich treffen, wissen die Ermittler, wo sie sind, und können leicht zugreifen.

Trotzdem bleibt der Eindruck, dass die US-Justiz eine kopflos agierende FIFA vor sich her treibt. Die US-Behörden verlangen die Auslieferung der angeklagten Funktionäre - und die Ermittlungen sind noch lange nicht abgeschlossen, wie Lynch betont. "Die Botschaft dieser Mitteilung sollte jedem schuldhaften Individuum klar sein, das im Dunklen bleibt, in der Hoffnung, sich unseren Untersuchungen entziehen zu können: Sie können die Sache nicht aussitzen, sie werden unserem Fokus nicht entkommen."

Auch die Zukunft der FIFA zweifelt Lynch offen an. Man sorge sich um die "Lebensfähigkeit der Organisation in der Zukunft" und auch um die Aufrichtigkeit ihrer Bemühungen für einen Wandel.

Warum gerade Lynch und die US-Justiz in diesem Fall so knallhart vorgehen, scheint für europäische Beobachter auf den ersten Blick verwunderlich, aus Sicht der US-Behörden ist es aber klar. Jahrelang ermittelt das FBI schon in der Sache, Lynch übersah den Fall bereits in ihrer vorherigen Position als Staatsanwältin in Brooklyn. Die US-Justizbehörden sehen sich auch als Weltpolizei und weil illegale Gelder auch durch Banken mit Sitz in New York flossen, konnten sie sich des Falls annehmen. "Wenn Kriminelle ihre korrupten Aktivitäten in unser Land und zu unseren Banken bringen, dann müssen sie sich an unsere Regeln halten", sagt Diego Rodriguez vom FBI bei Lynchs Pressekonferenz.

In den USA hat die Sportart zudem bei weitem nicht die Aura des Heiligen und Unantastbaren, die sie in extrem Fußball-begeisterten Ländern manchmal bekommt. Und der Fall bietet Lynch, der ersten afro-amerikanischen Justizministerin, die es in ihrer Karriere schon häufiger mit den ganz Reichen und Mächtigen unter anderem an der Wall Street aufgenommen hat, die Chance zur Profilierung. Schließlich ist sie erst seit April offiziell Justizministerin und hat den Job vorerst nur bis zum Ende von Obamas zweiter Amtszeit Ende 2016 sicher.

Bis dahin hat sie in Sachen FIFA noch viel vor. "Die Justizbehörden fühlen sich verpflichtet, dieser ungezügelten Korruption, die wir inmitten der Führungsebene des internationalen Fußballs entdeckt haben, ein Ende zu bereiten", ist Lynch entschlossen. "Nicht nur wegen des Ausmaßes, der Dreistigkeit und des Umfangs, die gebraucht werden, um solche Korruption aufrecht zu erhalten, sondern auch weil dieses Verhalten einen Affront gegen internationale Prinzipien darstellt."

Mittlerweile gibt es aus der bereits publizierten Liste der 16 neuen Verdächtigen Reaktionen. Brasiliens Fußball-Verbandschef Marco Polo del Nero hat nach Bekanntwerden der Ermittlungen gegen ihn seinen Posten vorübergehend geräumt. Del Nero habe seine Beurlaubung beantragt, um sich auf seine Verteidigung zu konzentrieren, teilte der CBF am Donnerstag (Ortszeit) mit. Der Verbandschef sei von seiner absoluten Unschuld überzeugt, hieß es weiter. CFB-Vizepräsident Marcus Antonio Vicente werde bis auf Weiteres seine Aufgaben übernehmen.

Manuel Burga hat die Anschuldigungen zurückgewiesen. "Ich bestreite, dass ich Schmiergeld bekommen habe", sagte der ehemalige Präsident des peruanischen Fußballverbandes FPF am Donnerstag dem Radiosender RPP. Ex-CONMEBOL-Finanzchef Carlos Chavez, der ehemalige Präsident des bolivianischen Fußballverbandes, will in den Korruptionsermittlungen aussagen. Dies teilte Chavez am Donnerstag in einer Email an das Sportmagazin "Facetas Deportivas" mit. Chavez sitzt derzeit eine Gefängnisstrafe wegen Wirtschaftskriminalität in Bolivien ab.

Die USA fordern auch die Auslieferung des früheren Präsidenten von Honduras, Rafael Callejas. Einen entsprechenden Antrag machte am Donnerstag die Regierung des zentralamerikanischen Landes bekannt. Callejas leitete nach seiner Amtszeit als Präsident den heimischen Fußballverband. Callejas wies die Anschuldigungen auf einer Pressekonferenz zurück und betonte, er sei bereit sich vor Gericht dagegen zu wehren.

Die Konten von ihm und auch seinem mitangeklagten Landsmann Alfredo Hawit, aktueller CONCACAF-Präsident, werden auf US-Justiz-Anfrage eingefroren. Hawit ist wie auch Juan Angel Napout (Paraguay) FIFA-Vizepräsident, beide waren am Donnerstag in einem Züricher Luxushotel festgenommen worden.